OG Keemo – „Töle“

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Die anklagende Frage „Ich frag’ mich, wie kannst du bloß nachts noch schlafen?“ stellt sich der in Mainz aufgewachsene Rapper OG Keemo im Song Töle aus seinem neuen Album Mann beisst Hund. Darin verarbeitet er das Aufwachsen in einer Sozialbausiedlung, die Freundschaften, die dabei entstanden sind, und die Jagd nach schnellem Geld. Es bleibt aber nicht bei eintönigem Gangster Rap, sondern es geht auch um psychische Traumata, inzwischen zerbrochene Freundschaften und das Auseinanderleben mit der eigenen Vergangenheit.

Für diesen Streifzug durch OG Keemos Jugend und Innenleben schlüpft er in drei halbfiktionale Charaktere und rappt aus verschiedenen Erzählperspektiven – Malik, Yasha und Keemo. Die Songs gehen dabei nahtlos ineinander über und zwischen ihnen gibt es immer wieder kleine Interludes und Skits in denen Gespräche und Erlebnisse von Malik, Yasha und Keemo zu hören sind. Der Rapstil ist dabei sehr Storytelling lastig und erzeugt eine filmische Erzählatmosphäre. Aufzugtöne, Türklingelsurren, Schallplattenknistern, Autotürschlagen und Sirenen tauchen unter anderem in den Aufnahmen auf und unterfüttern die Filmprojektion, die sich beim Hören hinter der eigenen Stirn abspielt.

Von den drei Protagonisten ist Malik der draufgängerische Charakter, der Boss. Er wird direkt im ersten Song des Albums „Anfang“ vorgestellt.

er sagte mir, sein Name wär’ Malik. Sein Vater aus Marokko, seine Mom aus Mosambik. Er stand auf Polo-Caps, rohe Faustgewalt und Marlboro Red. Afghan-Hasch und Franzosen-Rap.

In Töle schlüpft OG Keemo in Maliks Perspektive und stellt sich dem Vorwurf, dass er mit seiner Musik Profit aus der Siedlung schlägt in der Malik heute noch lebt und Keemo schon lange nicht mehr. Es ist ein selbstkritischer Song über die verlorene „Realness“ des Rappers, offenbart aber auch eine verletzliche Wehmut wegen vergangener Freundschaft.

Ich wünscht, ich könnt dir sagen, ich gönn’ dir den Hype. Aber eigentlich ständen wir hier zu zweit. Ich will nur, dass du nach Hause kommst. Komm nach Hause.

Im Musikvideo zum Song ist die Aussagekraft filmisch passend umgesetzt. Opening Credits in einem Kinosaal in dem als einziger Zuschauer OG Keemo sitzt. Die Kamera hält auf seinen Hinterkopf auf dem schemenhaft eine Zielscheibe zu erkennen ist.

Vom Kinosaal wechselt das Geschehen in die Siedlung in der Malik, Yasha und Keemo aufwachsen und Zeit verbringen. Es wandert ein Spotlight durch die Szenerie, wechselt den Fokus immer wieder zwischen dem rappenden OG Keemo und der jugendlichen Freundesgruppe, die Autos klauen und kiffend zusammen abhängen. Ein Blick zurück in die Vergangenheit, die heute nicht mehr existiert.

Doch du und das Viertel war ‘ne schnelle Liebe, ja. Denn du warst nicht in der Siedlung seit paar Jahr’n. Die ganze Welt soll’s über dich erfahr’n.

Das Musikvideo erinnert in seiner Ästhetik an den Film LA HAINE (HASS, Frankreich 1995). In dem schwarzweiß Film geht es um 24 Stunden im Leben der drei Freunde Vinz, Saïd und Hubert, die in einem tristen Banlieue aufwachsen.

Dieses Motiv der jugendlichen Freundschaft findet sich nicht nur in der Ästhetik des Videos und den Songzeilen wieder, sondern kann sich auch im Beat entdecken lassen.

Produziert wurde der Track von Funkvater Frank, langjähriger musikalischer Partner von OG Keemo und auch wieder alleiniger Produzent des neuen Albums. Dieser ist in seinem Produktionsstil stark beeinflusst von Boom Bap, ein musikalischer Stil im Hip-Hop, der in den 80er und 90er Jahren große Beliebtheit genoss. Für Töle sampelt er den Jazz Song Heather von Billy Cobham aus den 70ern. Dieser wurde schon im populären Track 93 ‘Til Infinity von Souls of Mischief aus den 90ern gesampelt, dabei aber deutlich beschleunigt, was dem Song eine euphorische Note verleiht. Passend zum Inhalt, der im positiven Sinne auf die Leichtigkeit jugendlicher Freundschafteneingeht, deren Zusammenhalt unendlich scheint.

In Töle bleibt das Sample überwiegend unbearbeitet und behält dadurch die melancholische Stimmung des Originals von Billy Cobham. Dadurch entsteht eine nachdenkliche Atmosphäre und eine resignierte Erkenntnis stellt sich ein, dass die Dinge eine Endlichkeit besitzen. Was übrig bleibt ist die Vergangenheit Revue passieren zu lassen, ein Versuch sie einzuordnen im Angesicht der neuen Rolle, in der sich OG Keemo nun befindet, diese neue Position zu reflektieren und dabei aber auch nicht die eigenen Anfänge zu vergessen. Der Song endet in der letzten Sekunde mit dem Beatbeginn des Songs Blanko, der sich in der Tracklist des Albums als nächstes einreiht. Töle ist nämlich nur ein Teil dieses grandiosen Konzeptalbums und die komplette Geschichte erschließt sich erst im gesamten Gefüge des Albums. Szene folgt auf Szene und bildet dabei einen Film, dessen einsaugender Wirkung man sich kaum entziehen kann.

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