Die The Geues: „Im Waschsalon kann ich so tun als wären wir alle gleich, dabei ist das Bullshit“

Die zwei Schwestern Lena und Gesa Geue aus Hamburg/Mainz machen als Band „Die The Geues“ einen „schwesterlichen Kraut-Pop und bedingungslosen Blödsinn“. Wir haben sie zu ihren „happy Protestsongs“, Politik & Weltgeschehen befragt.

Hallo! Erzählt uns über euren Bandnamen! Konntet ihr euch nicht einigen, ob ihr den deutschen oder englischen Artikel verwendet, oder spielt es schon (mit die=sterben) auf eure Parallelwelt als Vampire ab?

Auf jeden Fall! Ja. Vampire. Wir sind große Fans der 90er-Serie „Der kleine Vampir“. Deren Titelmusik stammt übrigens von den Prinzen. Die sind auf jeden Fall auch eine unserer (uncooleren) Inspirationsquellen. Ein weiteres Vorbild ist natürlich „Buffy-The Vampire Slayer“. Von den Figuren dieser Serie kann man sehr gut lernen, wie man über Gefühle spricht. Und dass Vampire verdammt hot sind! Außerdem gefiel uns, dass mit einer deutschen Aussprache im Englischen aus unserem Bandnamen „Diese Geues“ wird. Man kann sich richtig gut vorstellen, wie das jemand mit einem vorwurfsvollen Unterton sagt, wenn wir mal wieder was verpeilt haben: „Ja, ja, diese Geues..!“

Wann und wie habt ihr euch als Schwestern musikalisch gefunden?

Wir haben eigentlich schon immer gemeinsam Musik gemacht: als Kinder hatten wir eine Band mit unseren Cousinen. Als Teenager und nach der Schule ist dann aber jede erst mal ihren eigenen Weg gegangen. Lena hat die Musik zum Beruf gemacht, ich (Gesa) habe Schauspiel studiert. Ende 2019, Anfang 2020 habe ich Lena einen Song gezeigt, den ich geschrieben habe. Sie fand ihn cool und hatte Lust, ihn zu arrangieren und aufzunehmen. Im ersten Lockdown habe ich dann angefangen, vermehrt Gitarre zu spielen und Songs zu schreiben, einer davon war „Waschsalong“. Auch da hatte Lena wieder Lust, zu produzieren und wir hatten schließlich unseren ersten Auftritt am Staatstheater Mainz.

Wer macht was?

Momentan schreibt Gesa Texte und Melodien, Lena arrangiert und produziert. Live spielen wir beide verschiedene Instrumente und singen.

Was sind eure Ziele mit Die The Geues? Akzente setzen, Protest üben, einfach nur unterhalten, oder eine Kombination davon?

Die Kombination trifft es wohl am ehesten. Aber eigentlich ergeben sich die Thematiken unserer Songs einfach aus den Dingen, mit denen wir uns gerade beschäftigen und das sind natürlich auch – im weitesten Sinne – politische Fragestellungen. Außer „Erben Sterben“ sind die Songs nicht als Provokation gedacht und wir finden sie (bisher) auch nicht sonderlich radikal.

Wir versuchen mit unseren Texten möglichst viele Dinge zu beschreiben, Popmusik zu machen, aber trotzdem nicht nur über Liebe zu singen. Dabei finden wir es wichtig, dass ein gewisses Augenzwinkern immer dabei ist; sich selbst nicht zu ernst nehmen. Dennoch ist jeder Anlass, einen Song zu schreiben ein Gedanke oder eine Begebenheit, die uns wichtig ist, die uns wirklich berührt oder beschäftigt. Der Humor macht das vielleicht leichter konsumierbar, so wie in „Whoa, whoa, whoa“ zum Beispiel. Da geht es eigentlich darum, wie man es haarscharf geschafft hat, aus einer fiesen Depression zu kommen; die Melodie und der Aufbau, die Reime; das alles klingt aber eher nach einem lustigen Kinderlied. Solche Kontraste gefallen uns. Außerdem finden wir den Umgang mit der deutschen Sprache spannend. Sie ist ja sperrig, die Satzstruktur eignet sich nicht so gut für kurze schmissige Lines, wie sie die Popmusik erfordert. Kann man trotzdem Pop machen ohne platt zu sein, wie poetisch kann man werden? Wie ernsthaft? Wie komisch? Damit zu experimentieren finden wir sehr aufregend.  

Auch wenn euer Song „Waschsalong“ politischer ist, erinnert er mich ein wenig an „Aquarium“ von Isolation Berlin. Anstatt des Aquariums geht ihr jedoch in den Waschsalon, denn ihr seid überzeugt, „dass ich an nem trüben Tag hier jemand finden kann“. Wieso inspiriert euch dieser Ort?

Lustigerweise kannte ich den Song gar nicht, aber es stimmt, er hat gewisse Ähnlichkeit mit „Waschsalong“. Die Entstehungsgeschichte von „Waschsalong“ geht mal wieder auf den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 zurück. Da habe ich mit einem Freund viel Zeit im Eco-Express in der Boppstraße in der Mainzer Neustadt verbracht. Und ich fand, dass das ein interessanter Ort ist, weil sich dort so viele verschiedene Menschen aufhalten. Der Song spielt ja mit verschiedenen Sachen, diesem Prekariats-Klischee der Künstlerin zum Beispiel („Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht?“- Christiane Rösinger). Auf der einen Seite befindet man sich ja wirklich oft in prekären Beschäftigungsverhältnissen (oder in keinen), auf der anderen Seite gehört man zu einer sehr privilegierten Gruppe, die oft zumindest über großes kulturelles und soziales Kapital verfügt. Manchmal wird Prekarität auch gerne inszeniert obwohl zwischen dem Geld, was zum Beispiel mir zur Verfügung steht und dem einer alleinerziehenden Hartz IV Empfängerin ja immer noch ein krasser Unterschied besteht. Im Waschsalon kann ich so tun als wären wir alle gleich, dabei ist das Bullshit: ich bewege mich 99% meiner Zeit in einer Bubble von linken Intellektuellen und Künstler*innen, mit denen ich mich austausche, während andere in eintönigen oder körperlich extrem anstrengenden Jobs ackern.

Man könnte also sagen, ich jammere auf hohem Niveau, aber das stimmt natürlich auch nicht: niemand hat etwas davon, wenn ich scheiße bezahlt werde, nur weil ich reflektiere, dass es anderen noch schlechter geht. Und für die Entstehung von Kunst, wenn wir uns als Gesellschaft dafür entscheiden, dass wir diese für wichtig erachten, ist es wichtig, dass es Freiräume, auch zeitliche Freiräume gibt, in denen Ideen entstehen und sich entwickeln können. Absurderweise war für mich die Zeit des ersten Lockdowns genau so eine Zeit- aber natürlich nur, weil ich das Glück hatte, noch in einer Festanstellung zu sein. Gleichzeitig hatte ich gerade gekündigt und habe darüber nachgedacht, wie es in der Zukunft weitergehen soll.

Nicht nur wenn man Kunst macht ist es frustrierend davon ausgehen zu müssen, dass man von dem was man Tag ein Tag aus tut und was natürlich viel Arbeit ist, höchst wahrscheinlich nicht wird leben können und dass man zusätzlich entfremdete Lohnarbeit verrichten muss. Damals habe ich gedacht, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Weg sein könnte, anders über unsere Definition von Arbeit nachzudenken. Ich bin mir heute nicht mehr so sicher. Vielleicht wäre es ein Schritt in die richtige Richtung, vielleicht aber auch nur Augenwischerei. Auf jeden Fall aber wäre es sicher unbürokratischer als der undurchschaubare Wust von ALG1, Hartz IV (menschenverachtend!), Coronahilfen, Wohngeld, Grundrente etc. etc.

„Liebe im Kapitalismus“, ein meditatives Gitarrenduett, ist ein weiterer Song von euch. Um was geht es darin?

Gesa hatte vor einer Weile schon „Warum Liebe weh tut“ von Eva Illouz gelesen und davon ist der Song inspiriert. Darin geht es, verkürzt gesagt, darum, wie Liebe sich im Spätkapitalismus zu einer konsumierbaren Ware entwickelt, die auf dem „Liebesmarkt“ gehandelt wird, wobei gewisse Attribute meinen Wert je nachdem erhöhen oder erniedrigen. Dating-Apps erschaffen die Illusion eines unendlichen Angebots an potentiellen Partner*innen, so wird es schwierig, sich dauerhaft für eine Person zu entscheiden- es könnte ja immer noch jemand besseres um die Ecke kommen. Außerdem hatten unsere eigenen Erfahrungen mit Dating-Apps, das Fremdeln damit und vielleicht auch das Nachdenken über das Scheitern eigener Beziehungen sicher Einfluss auf den Song.

Wie steht ihr zur neuen Regierung? Was für eine Thematik können wir als nächstes erwarten?

Es fällt uns schwer, uns über eine Regierung zu freuen, an der die FDP beteiligt ist und an deren Spitze mit Olaf Scholz eine, gelinde gesagt, äußerst zweifelhafte Persönlichkeit steht.

Man denke nur an G20, Wire Card, Cum-Ex, Brechmittel Einsätze, Agenda 2010 usw. – „harte Bandagen, Opportunismus“ eben. Wenigstens ist der Klimaschutz schon in der Präambel des Koalitionsvertrags festgeschrieben- jedoch muss die Frage erlaubt sein, wie es gelingen soll, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen unter Regierungsbeteiligung einer Partei, die sich immer noch mit der unsichtbaren Hand einen runter holt, als lebten wir in den späten 90ern.

Und was die Aufnahme von Geflüchteten angeht wird man wahrscheinlich auch nicht aufhören, sich die Verantwortung innerhalb der EU zu (und Menschen ab-) zu schieben. Aber scheinbar muss man gerade ja schon froh sein, wenn keine Faschisten an der Regierung beteiligt sind. Aber in unserem nächsten Song geht es dann erstmal um unsere Heimatstadt Hamm in Westfalen. Nach 20 Jahren ist diese mittlerweile zumindest auch nicht mehr CDU regiert. Vielleicht wäre also auch ein Song über Hoffnung angebracht.

Vielen Dank für das Interview!

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