LIN:„Mit eigener und solidarischer Kraft ist Veränderung möglich”

Dass Musik tiefgründig, aussagekräftig und von großer Tragweite sein kann, beweist die heute veröffentlichte Single “Azadi Azizam (Freedom, Darling)”, die von Mohamad Hussein, Rapper aus Afghanistan, sowie LIN und Nik Heimfarth aus Mainz –in den Nebenrollen– produziert wurde. Der Song ist “eine Kampfrede an die Verantwortlichen der europäischen Geflüchtetenpolitik und weist auf die Missstände in den europäischen Geflüchtetenlagern hin”. Wir haben mit LIN über die Hintergründe des Songs und die gegenwärtige Lage gesprochen.

Du warst vor kurzem auf einer kleinen Tour, u.a. in Stuttgart, Trier, Igersheim, Mainz, Düsseldorf und Bochum. Was waren deine Eindrücke?

LIN: Das stimmt, es war fantastisch wieder unterwegs zu sein – auf der einen Seite, auf der anderen Seite kündigte sich der nächste Covid-lockdown schon an und deshalb hatte ich auch ein etwas mulmiges Gefühl. Aber alle locations, in denen wir gespielt haben und auch die Menschen, die zum Konzert kamen, waren alle sehr umsichtig und haben die Lage ernst genommen. Das hat es dann insgesamt zu einer sehr schönen kleinen Tour gemacht.

Deine neue Single „Azadi Azizam (Freedom, Darling)“ beinhaltet Gesang von Mohamad Hussein. Wie kam es zu diesem Aufeinandertreffen und wer ist Mohamad?

LIN: Mo ist ein Freund, den ich im März diesen Jahres auf Lesbos kennengelernt habe. Er ist Rapper aus Afghanistan, der momentan schon seit 2 Jahren auf Lesbos festsitzt und auf sein Asylverfahren wartet. Er hat eine Weile in Moria „gelebt“ und konnte dann zusammen mit anderen Geflüchteten und meiner Freundin in eine Wohnung in der Hauptstadt von Lesbos ziehen. Dort hab ich ihn zum ersten Mal getroffen und seine Musik angehört und war direkt hin und weg. Ich liebe seine poetische Sprache, die Bilder, die er wählt um seine Geschichte oder die Anderer zu erzählen. 

„openborders“ „leavenoonebehind „nooneisillegal“ sind drei von mehreren Hashtags, die ihr verwendet, um den Song zu betiteln. Erzähl uns über den Inhalt des Songs und was er für dich bedeutet.

Der Text stammt zu 90 % von Mo, daher kann ich nur aus 2ter Hand darüber sprechen. Aber zusammengefasst ist der Song Azadi Azizam eine Kampfrede an die Verantwortlichen der europäischen Geflüchtetenpolitik und weist auf die Missstände in den europäischen Geflüchtetenlagern hin. Als Geflüchteter, der seit mehreren Jahren im Asylverfahren auf Lesvos festsitzt, zeichnet er ein düsteres Bild davon, was seine Mutter ihm einst als Gute-Nachtgeschichte erzählte. Statt einer Welt, die er, wenn er groß ist, wie ein Vogel überfliegen und bereisen könne, frei und mit allen Möglichkeiten, findet er Mauern vor, Stacheldraht, Grenzbeamte und eine Welt, die ihm das Gefühl gibt, mit gebrochenen Flügeln im Käfig zu sitzen. Er nimmt uns also mit in seinen Traum, der ihn zurück zu der Zukunftserzählung seiner Kindheit trägt, allerdings nur um diese Stück für Stück zerfallen zu sehen. Zurückbleibt die Hoffnungslosigkeit eines Ortes, an dem statt Güte, Offenheit und Freundlichkeit Deportation, Push-backs und Gewalt herrschen. “Peace has died at the bottom of the sea … The world is a place to hunt.”

Der Song bleibt aber nicht bei der reinen Beschreibung dieser Realität stehen, sondern er weist im Chorus auch ein Moment der Hoffnung auf und die Aufforderung, diesen Ist-Zustand zu bekämpfen. In der Zusammenarbeit haben wir versucht, im Chorus ein starkes Moment der Selbstermächtigung und des Glaubens daran entstehen zu lassen, dass mit eigener und solidarischer Kraft Veränderung möglich ist. “Let’s shape the future do you hear me? Let us build new roads do you support me? With these voices we call for solidarity. Let’s make peace, would you help me?!”

Mir bedeutet der Song sehr viel. Ich war 2016 schon einmal auf Lesvos und habe daher schon eine Verbindung zu dem Ort. Zu sehen allerdings, dass die Lage dort für Geflüchtete immer und immer schlecht wird, ist kaum auszuhalten und wenn man dann die einzelnen Geschichten hört, die Menschen erzählen, die dort unter schlimmsten Bedingungen leben müssen, ohne Perspektive und ohne klare Idee davon, wann und wie es für sie weitergehen kann, wird einem schlecht. Trotzdem beinhaltet der Song für mich das Gefühl, dass es irgendwie weitergeht, dass Kunst und Musik ein Medium der Verbindung sein können, über Grenzen hinweg, und dass so auch Geschichten hier gehört und erlebbar gemacht werden können, die weit weg passieren.

Was sind deine Gedanken zur derzeitigen Lage in Polen, und natürlich den Flüchtlingslagern auf Lesbos?

Ich finde es widerwärtig und beschämend, was die Europäische Union (fun fact: Friedensnobelpreisträgerin) in Geflüchtetenlagern und an den Grenzen Europas für eine menschenunwürdige und menschenverachtende Politik betreibt. Wer Menschen in Not, die nach der Genfer Flüchtlingskonvention alles Recht haben, einen Asylantrag zu stellen und ein faires Verfahren zu bekommen, als lebendiges Abschreckungsbeispiel verwendet, Push-backs nicht nur toleriert, sondern u. a. durch Frontex oder Grenzbeamte in den Grenzstaaten durchführen lässt und mit einer kriminellen Bande – der so genannten lybische Küstenwache – zusammenarbeitet, betreibt eine Politik, der wir wiedersprechen und gegen die wir aufstehen müssen. Was gerade in Polen passiert und wie sich der Diskurs verschiebt, sodass es mittlerweile schon fast als legitim gilt, push-backs als Resultat einer überforderten Grenzpolizei hinzunehmen, macht mich fassungslos. Statt solidarisch auf diese Situation zu antworten und die Menschen aufzunehmen und ihnen ein faires Verfahren zu ermöglichen, wird eine Mauer (mit)finanziert. Deutschland hat Platz und hunderte von aufnahmewilligen Städten und dass das weiterhin vom Innenminister blockiert wird, ist ein Skandal!

Welche Rolle sollte die neue Politik in Deutschland übernehmen?
Sie sollte legale Fluchtrouten schaffen, als gutes Beispiel vorangehen und Menschen aus Geflüchtetenlagern und an europäischen Grenzen aufnehmen, ihnen faire Asylverfahren ermöglichen, den Familiennachzug wieder in Kraft setzen und Druck auf die Staaten ausüben, die menschenunwürdige Verhältnisse in Lagern (Griechenland baut gerade geschlossene (!) gefängnisgleiche Lager auf den Inseln) zu beenden und die Asylverfahren beschleunigen. Außerdem muss die zivile Seenotrettung gefördert, bzw. besser noch: eine staatliche Seenotrettung organisiert werden. Und und und …

Was ist für dieses Jahr noch geplant? 
Dieses Jahr kommt noch diese Single und ansonsten arbeite ich schon kräftig an neuer Musik, und die nächste Single kommt schon Anfang des neuen Jahres. 

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