Victor A. Muñoz: “Entweder machen oder scheitern”

Nach jahrelangem Tauziehen wird’s auf der Mainzer Ludwigstraße allmählich konkret – und auch die Bagger warten nur noch auf ihren Einsatz.

Auf der Expo Real, der in diesem Jahr nach Corona wieder erstandenen großen Immobilienmesse in München, geht das Unternehmen Boulevard Lu GmbH & Co. KG, das den Lu-Umbau stemmt, in die Offensive. Im Gepäck: die druckfrische Broschüre mit hippen Visualisierungen und Details, um adäquate Geschäfte und Gastronomien für sich gewinnen zu können. Die Projektentwickler werben mit dem Slogan: „Lu: Voller Leben“. Im Fokus stehen die Schlagwörter „Auswahl“, „Genuss“ und „Kultur“. Das Gesamtprojekt soll Mitte 2025 fertig gestellt werden. So die Planer zumindest.

Apropos Kultur – hierfür braucht es in Mainz jedoch keine großen Visionäre und Investoren aus der bayrischen Landeshauptstadt. Das nimmt man hier lieber selbst in die Hand. Und so entstand mit der Galerie Gutleut im temporären Leerstand des ehemaligen Karstadt Kaufhauses, unter der Schirmherrschaft von Victor Anta Muñoz, eine Kunstgalerie, die schnell über die Grenzen der Landeshauptstadt, nein, sogar über die Grenzen von Rheinland- Pfalz bekannt wurde und Schaulustige aus dem ganzen Land anzieht. Zumindest noch so lange, bis die Abrissbirne alles platt macht. Hierbei will Munoz verkrustete Strukturen durchbrechen und bestehende Mauern im Kopf einreißen: „Ich glaube, dass Kunst, genauso wie Kultur, von allen respektiert und bewundert wird, aber dass die Schwelle so weit oben angesetzt ist, dass die Leute auch Berührungsängste haben was Kunst angeht. Unser Ziel ist es, diese Schwelle gar nicht erst aufkommen zu lassen, wir sind eh schon immer gute Gastgeber gewesen und mit der Galerie möchten wir einfach auch dazu einladen, Kunst wahrzunehmen und zu genießen, ohne eben diese Schwelle überschreiten zu müssen. Kunst findet nicht im Elfenbeinturm statt – und das ist gerade bei Streetart oder Urbanart, die von der Straße kommt, auch ganz klar nicht beabsichtigt. Wir sind offen und laden jeden recht herzlich ein, Kunst als das zu genießen, was es ist: Teil des Lebens.“

Seit dem 3. Oktober ist die Galerie Gutleut mit über zwei Dutzend Künstlerinnen und Künstlern auf einer über 1300 Quadratmeter großen Fläche in die zweite Runde gestartet. Dies haben wir zum Anlass genommen, um mit Muñoz ins Gespräch zu kommen und dabei mal genauer nachzuhaken, was ihn so an- und umtreibt.

Fauves: Victor, du wurdest als Topfavorit für den Posten des Mainzer Nachtbürgermeisters gehandelt, bist Inhaber des Alten Postlagers und des Gutleuts. Kurzum: Du bist einer der treibenden Köpfe in Mainz. Trotz Corona hattest du dich dafür entschieden, mitten in der Pandemie, als das öffentliche Leben stillstand, eine Galerie zu eröffnen. Das war durchaus ein großes Wagnis. Was treibt dich an?

Victor A. Muñoz: Es war nie mein Ziel, irgendein öffentliches Amt zu begleiten. Es war eher ein Impuls, der jetzt Realität wurde. Was dann andere in der Praxis daraus machen, wird sich zeigen. Meine beiden Partner Dr. Victor Bergmann, Fabian Heubel und ich haben diesen Gestaltungswillen den wir, dank starker Partner wie Michael Ebling, Marianne Grosse, Prof. Dr. Hardeck, der Familie Gemünden und unserem leistungsstarken Team, umsetzen dürfen. Die Galerie entstand aus dem Impuls heraus, dass wir im Gutleut, also der Bar in der Innenstadt, eh schon die letzten Jahre Ausstellungen gemacht haben. Und da auch, anders als sonst üblich, eben nicht im Gastraum, sondern in der dafür vorgesehenen Galerie im 1. OG. Die Galerie Gutleut im ehemaligen Karstadt war die logische Konsequenz. Zumal Gemünden ja ganz klar einen hohen Wert auf Kultur und Kunst legt. Die Galerie ist eine Herzensangelegenheit. Die Resonanz ist mega und wir freuen uns, Kunst in Mainz zeigen zu dürfen. Unser Antrieb ist es, nationale und internationale Künstler auszustellen. Auch der Verkauf ist eine Möglichkeit, den etablierten Kunstmarkt aufzumischen, zumindest in Mainz – und etwas Bewegung zu verschaffen.

Fauves: Schauen wir zu allererst zurück, wie wurde die Galerie Gutleut VOL. 1 angenommen und bist du mit der Resonanz zufrieden?

Victor A. Muñoz: Die Ausstellung VOL. 1 – und mittlerweile VOL.2 – wurden und werden sehr gut angenommen. Man muss ja sagen, dass es sowas in Mainz ja noch nie gab. Mittlerweile erregen wir deutschlandweit Aufsehen und Künstler nehmen zu uns Kontakt auf.

Fauves: Seit Anfang Oktober arbeitest du nach kurzer Umbaupause mit neuen Künstlerinnen und Künstlern zusammen: die VOL. 2 der Galerie Gutleut. Worauf hast du diesmal dein Augenmerk gelegt?

Victor A. Muñoz: Weiterhin auf Künstlerinnen aus ganz Deutschland zu setzen. – nach dem roten Faden des guten Geschmacks. Insgesamt ist VOL. 2 etwas farbenfroher und klarer strukturiert. Die Resonanz aus der VOL. 1 hat sich positiv auf VOL. 2 ausgewirkt in der Form, dass sich einfach viele Künstlerinnen bei
uns beworben haben.

Dieses elitäre Geschwafel über Kunst langweilt mittlerweile selbst den genügsamsten Zeitgenossen.


Fauves: Was bedeutet die Galerie für dich generell?

Victor A. Muñoz: Wir sind nicht die klassische Galerie. Wir laden Schulklassen zu Begehungen ein und sind einfach gute Gastgeber. Dieses elitäre Geschwafel über Kunst langweilt mittlerweile selbst den genügsamsten Zeitgenossen. Wir bringen Kunst von Künstler*innen aus ganz Deutschland nach Mainz. Aber wir bleiben nicht nur in den Räumen der Galerie. Mit unserem Mural-Projekt gehen wir in die Stadt und verschönern das Mainzer Stadtbild mit großformatigen Arbeiten renommierter Künstler. Es ist ein Herzensprojekt. Mainz als Landeshauptstadt muss sich national positionieren. Mit frischer, junger, zeitgenössischer Kunst.

Daniel Schweineberg

Fauves: Die Abrissbirne steht bereit: Der komplette Komplex an der LU wird neu gebaut und die Planungen für den Neubau sind in den Endzügen. Jedoch wäre die Galerie erst im Herbst 2022 davon betroffen. Wie fühlt sich das für dich an?

Victor A. Muñoz: Klar ist es traurig zu wissen, dass eine etablierte und von den Menschen angenommene Ausstellungsfläche nicht mehr existieren wird. Allerdings wohnt ja gerade dieser Vergänglichkeit ein besonderer Zauber inne. Und wer weiß, wie es weitergehen wird. Vielleicht bleiben wir erhalten. Der Markt wird es regeln.

Fauves: Gibt es denn die Möglichkeit, auch im neuen Gebäude eine Ausstellungsfläche zu realisieren?

Victor A. Muñoz: Das liegt nicht unserer Hand. Das entscheiden die Verantwortlichen.

Fauves: Kommen wir noch mal zurück zu deiner Person. In den letzten Jahren hast du dich stark dafür eingesetzt, die Entwicklung der Stadt vor allem im kulturellen Bereich voranzutreiben. Auf welchem Stand siehst du Mainz heute auch hinsichtlich der Coronapandemie, die das Kultur- und Nachtleben stark herausgefordert hat?

Victor A. Muñoz: Es ist noch etwas früh, Prognosen abzugeben. Momentan schauen wir alle, dass es weitergeht. Firmen, die Events, Weihnachtsfeiern und Veranstaltungen ausgerichtet haben, gehen sehr stark in die digitale Übertragung. Da verdienen Eventlocations null daran. Für den stationären Einzelhandel war Corona ein Brandbeschleuniger. Da müssen neue Ideen her und Menschen befragt und unterstützt werden, die sich außerhalb der Komfortzone bewegen. Grundsätzlich gilt: die Mainzer Innenstadt braucht mehr Frequenz – damit steht und fällt jedes Geschäftsmodel.

Fauves: Dank 2G haben die Clubs endlich wieder auf, auch das Gutleut hat den üblichen Betrieb wiederaufgenommen und das Postlager öffnet am 30. Oktober mit der Bouq wieder ihre Pforten. Fühlt sich das wieder ein wenig wie Normalität an?

Victor A. Muñoz: Es fühlt sich wie Heimkommen an.

Fauves: Kultur ist keine Einbahnstraße. Inwiefern siehst du die Mainzer Bürger in der Pflicht, an der Entwicklung mitzuwirken?

Viktor A. Muñoz: Niemand ist verpflichtet, an irgendetwas teilzunehmen. Man muss sich nicht beteiligen an der Stadtentwicklung – dann darf man sich aber auch nicht beschweren. Ich glaube aber es ist wichtig, dass sich jeder beteiligt und seine Ideen miteinbringt und in Zusammenarbeit mit anderen die Stadt schöner macht, Prozesse in Gang bringt. Es ist nicht die Aufgabe der Politiker, wohin es in den nächsten Jahren geht – sondern es ist Mitsprache, Dialog und Konsens gefragt. Jeder von uns, und das vergisst man immer wieder, jeder von uns ist die Stadt. Wenn jemand sagt „die Stadt Mainz“, denkt jeder sofort an den Bürgermeister oder das Rathaus. Aber nein, jeder von uns ist die Stadt Mainz und jeder von uns hat eine Verantwortung. Das ist aber auch schön, das ist nichts Negatives. Jeder kann sich beteiligen, jeder kann etwas verändern, jeder hat die Möglichkeit, seine Ideen umzusetzen – und zwar miteinander.

Fauves: Victor, vielen Dank für das Interview, hier ist Platz für ein paar abschließende Worte.

Victor A. Muñoz: Ich sehe Mainz als stark Stadt mit enormem Potenzial. Einerseits ist die Mainzer Gemütlichkeit eine positiv zu bewertende Eigenschaft. Anderseits sollten wir erkennen, dass wir jetzt noch agieren können. In ein paar Jahren – die Entwicklung innerstädtischen Sterbens nimmt ja nicht ab – werden wir nur noch reagieren können. Also gilt es jetzt, Risiken abzuschätzen und anzugehen. Das Risiko, es einfach alles entspannt weiterlaufen zu lassen, ist eine sichere Wette auf Scheitern. Wir sehen Kultur nicht als Selbstzweck. Es ist einer der Faktoren für eine attraktive Innenstadt. Also: entweder machen oder scheitern. Die Galerie Gutleut befindet sich in der Ludwigstraße 4 im Untergeschoss der lulu und ist Donnerstag bis Sonntag von 12 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Tickets gibt’s online oder vor Ort für 6€.

Mehr Infos unter: www.galeriegutleut.de ; Das Interview führte Philipp Bommersheim.

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