IVE: “Ich habe aufgehört, mich großartig mit dem, was ich tue oder darstelle, zu identifizieren.”

Um die Hip-Hop Kultur in Mainz kennenlernen zu wollen, kommt man am Sänger und Beatmaker IVE kaum vorbei. Seine hohe Produktivität (baller tracks im Minutentakt – “Irgendwann”, 2021) macht sich vor allem 2021 bemerkbar – am 19.02. erscheint sein neues Album “Anthrazit”. Vorab haben wir ihn im Interview zu Themen wie Kollaboration und Kognitive Dissonanz befragt und erfahren, gepaart mit Songtext-Schnipseln, wie sich sein Selbstverständnis im Laufe der Zeit verändert hat.

Schritte führen mich zum Ursprung („Blank“, 2021)

Wie hat deine Kindheit und Jugendzeit die Person, die du jetzt bist, geprägt?

I: Ich glaube dadurch, dass ich viele Sachen ausprobiert habe und keine Angst davor hatte, mit irgendetwas zu scheitern, konnte ich mir über die Jahre hinweg ein Mindset aneignen, welches mich bis heute noch trägt.

Ansonsten habe ich in meiner Jugend und dem jungen Erwachsensein  jahrelang sehr intensiv Kampfsport betrieben und mich dadurch schon früh mit einer Kultur auseinandergesetzt, die hauptsächlich durch den Buddhismus geprägt wurde. Das ist auf jeden Fall ein Thema, welches mich schon lange begleitet und mit dem ich mich immer wieder auseinandersetzte.  

Nicht mehr irgendwann, sondern heute / Nicht mehr Bürger, sondern Mensch sein / und vielleicht sogar irgendwann Freunde („Irgendwann“, 2021)

Was ist, aus der Sicht eines Rappers, besonders an Mainz?

I: Ich habe generell nicht das Gefühl, die Dinge wirklich aus der Sicht eines Rappers zu sehen. Das könnte vielleicht daran liegen, dass ich aufgehört habe, mich großartig mit dem, was ich tue oder darstelle, zu identifizieren. Dazu kommt noch, dass ich keine wirkliche Referenz habe, anhand derer ich Unterschiede zu anderen Städten erkennen könnte. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich Mainz für seine vielen entzückenden Charaktere sehr liebe. 

Reiß das dritte Auge auf / in der Hoffnung, dass ich aufwach‘ / habe das Gefühl, / dass es alles nur ein Traum war („Am End“, 2018).

Wie erlebst du die lokale Rapszene seit Corona? In wie fern hat sie sich verändert?

I: Als richtige Szene ist sie für mich kaum noch wahrnehmbar. Das finde ich natürlich super schade, weil dieses ganze Lebensgefühl, was damit einher geht, von diesem Kontext sehr verstärkt wurde und jetzt so nicht mehr fühlbar ist. Ich hoffe sehr, dass sich das in nächster Zeit ändert, auch wenn ich es nicht glaube.

Ich mach‘ das niemals für die Kohle, weil sich der Scheiß nicht lohnt / Ich schreib’ und schreib’, weil’s bockt / Ich geb‘ kein F. auf Moneten / weil die Seele thront („Kein F.“ ft. Ozelot, popadiclo, 2018)

Welches Thema / welche Stimmung / welches Bedürfnis treibt dich an, Songtexte zu schreiben?

I: Meistens sind es persönliche Themen, die mich inspirieren, wenn ich schreibe. Die Stimmung kann schon unterschiedlich sein, manchmal bin ich auch in so einem verträumten, nur so halb anwesenden Zustand und lass’ einfach die Worte fließen. Und dann gibt es wieder diese Strophen, die sehr bewusst entstehen um mich zu sortieren oder wirklich zu sagen, was mir am Herzen liegt. 

Kann dieser Welt nicht mehr vertraun‘ / ich brauch‘ ne Weste die mich schützt / vor den Krallen der grauen Menschen / kognitive Dissonanz sitzt grad‘ im blauen Hemdchen („Unschärfe“ ft. Uwe Jockel, 2020)

Kognitive Dissonanz ist einer deiner Lieblingsbegriffe, der immer wieder auftaucht. Wieso?

I: Also wenn ich mich nicht täusche, sage ich das nur zwei mal in all meinen Tracks zusammen :D. Trotzdem ist es schon so, dass ich einfach oft eine Kognitive Dissonanz habe. Da steckt nicht wirklich mehr dahinter als die Tatsache, mich oft zwischen zwei nicht miteinander zu vereinbarenden Punkten zu befinden. Oder anders gesagt: zwei sich ausschließende Dinge zu wollen. Ein persönliches Beispiel wäre der Wille, nichts zu wollen. 

Jeder gibt sein’ Senf dazu / doch mir schmeckt nur meiner („Anthrazit“ ft. Nepumuk, Ozelot, 2020)

Du kollaborierst mit vielen Leuten wie z.B. Ozelot, popadiclo oder Nepumuk. Was kannst du uns darüber erzählen?

I: Das passiert eigentlich immer relativ organisch, man lernt sich irgendwo kennen, findet sich sympathisch und mag den Stuff des Gegenübers, egal ob es um einen Videodreh, Fotos oder Musik geht. Ich denk, der entscheidende Punkt ist, dass man auf einer Welle ist, was die Ästhetik angeht und dann kommt es einfach zustande und man fängt Projekte an. Was zu dem Ganzen auch noch beiträgt ist, dass ich mich super gern’ mit vielen Leuten connecte.

Und am End bleibt alles offen / und ich hadere und weiß / nicht was ich da tue / lass mich tragen von dem Eis / Es ist dünner als meine Sohlen / doch jeder Schritt bringt mich näher / zu meinem Thron und meiner Krone („Schlechtes Beef“, 2019)

Dein neues Album „Anthrazit“, was am 19.02. erscheint, wurde ebenfalls mit vielen Rapper-Kollegen von dir produziert. Was waren die Tiefen und Höhen auf dem Weg zu diesem Album und was ist das Besondere an “Anthrazit”?

I: So wirkliche Tiefen gab es nicht, aber man schwankt ab und zu zwischen so Gedanken wie: “Das ist gut, das ist richtig gut,” und “was ist das eigentlich gerade hier für ne Scheiße,” oder “ich glaub ich schmeiß fast alles wieder weg”. Jetzt zum Schluss haben die guten Gedankten den Sieg errungen und ich bin total zufrieden damit. Besonders macht das Album, dass es in Isolation entstanden ist und ich wenige Menschen am Prozess hab’ teilnehmen lassen. Dadurch ist es sehr durch den Menschen gefärbt, der ich im Entstehungsprozess war und weniger durch Fremde. Ich würde auch sagen, dass ich mehr fantastische Vorstellungen habe einfließen lassen als sonst. Im großen und ganzen symbolisiert Anthrazit einfach den ewigen Kreis.

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