Ersin Akgüls Jahresrückblick und NYE Mix

Wie auch im letzten Jahr blickt unser guter Kollege Ersin Akgül (Wir sind Verboten, Loft Arts) auf das Jahr zurück und hinterlässt uns diesmal einen äußerst politischen Musik-Mix für NYE.

Würde hier stehen, dass dieses fast vergangene Jahr, das Jahr der erfüllten Träume, fulminanter Feiereien und emotionaler Konzerte war, wäre es wohl nicht das Jahr 2020. Jede*r hatte dieses Jahr wohl ihr/sein eigenes größeres oder kleineres Päckchen zu tragen. Trotzdem oder gerade deswegen war 2020 auch das Jahr der Musik. Werden wir uns an die Songs dieses Jahres auf ewig als Pandemiesongs erinnern? Haben wir dieses Jahr eine andere musikalische Untermalung der Ereignisse gebraucht als in den letzten und kommenden Jahren? Lieder lassen uns Emotionen wieder erleben, Erinnerungen neu schaffen und Freiheit spüren. Wir haben getanzt, gelacht, gefeiert und gekämpft – in der NYE Playlist habe ich dieses Jahr einen etwas anderen Fokus gesetzt. Es wird politisch. Hört zu, feiert, lasst es euch gut gehen und startet ins neue Jahr mit all der Motivation, Liebe und Neugier wie im letzten Jahr.

“Bist du wach” von Aziz Memo, Kool Savas, Celo & Abdi, Rola, Nate57, Veysel, Sinan G, NKSN, Disarstar, Maestro, Hanybal, Manuellsen, Silla, Credibil, Ali471, Milonair, Mortel, KEZ18 – starke Künstler*innen, die gemeinsam einen Song zum Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau am 19. Februar dieses Jahres an den Start gebracht haben. Rassistische Anschläge in Deutschland sind ein aktuelles Problem und müssen auch von Weißen benannt, thematisiert und verhindert werden. Mit unserer Sprache, Aufklärung und Diskussionen kann jede*r einen elementaren Teil dazu beitragen dieses Problem anzugehen.

OG Keemo kommt aus meiner Heimat Mainz, sein Lied “216” ist 2020 aktueller denn je, der Tod von George Floyd ließ die Neuauflage seines Songs in der Loft Arts Version für mich zu dem emotionalsten Song 2020 werden. Er thematisiert Polizeigewalt gegenüber BIPoC – ein Problem, welches sich nicht nur auf die USA begrenzt. Black Lives Matter Demonstrationen in ganz Deutschland haben dieses Jahr eine Welle des Verstehens und des gemeinsamen Kampfes gegen Rassismus ausgelöst, die bestenfalls nicht bei einer einzigen Welle bleibt.

Yonii erzählt in seinem Song “Gorba” von seiner eigenen Fluchterfahrung aus Marokko. Dass eine Flucht aus der Heimat allein schon durch den Fluchtweg traumatisierend und die Ankunft in Europa nicht warmherzig und willkommen ist, zeigte uns spätestens der Brand im Camp Moria. Ein Leben für Europa aufzugeben, allen Besitz, alles Bekannte und Geliebte zu verlassen um in einem Land anzukommen, in dem das Ankommen eine Dauerlösung wird, ist nichts, was ein Mensch einfach verkraften und hinnehmen kann. Oder um es in den Worten von KIZ zu sagen „Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen, mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?“.

Layla ist für mich die Newcomerin 2020. Als Role Model für feministischen Deutschrap zeigt sie ihren männlichen Kollegen den Mittelfinger und präsentiert uns diverse Frauen, die genauso berechtigt sind, Begriffe wie Hustler für sich zu claimen und offen mit ihrer Sexualität umzugehen. Sie setzt sich gegen Sexismus ein, der gerade im Rapbusiness oft dadurch reproduziert wird, dass weibliche Körper objektisiert und Frauen in den Hintergrund gestellt werden. Doch dabei muss sich auch jeder Einzelne die Frage stellen, ob ein nackter weiblicher Körper nicht erst durch den sexistischen Blick darauf sexualisiert wird. Layla schafft es genauso wie beispielsweise Cardi B (besonders mit ihrem Song “WAP”) genau dieses Problem offen zu legen und Feminismus im Rapgame zu etablieren – die Stilmittel ihrer männlichen Kollegen einfach umzudrehen.

Gashi bringt in “Mama” den 80er Synthie-Sound zurück und kommt mit der Legende Sting musikalisch zusammen. Entstanden ist der perfekte Song für einen aussichtsreichen Start in den Abend.

Lary schafft mit “Taxi” eines der positivsten Lieder aus diesem Jahr. Die Erinnerung an all die Clubgänge, Partys und Abende im Berliner Nachtleben, immer begleitet von diesem einzigartigen Gefühl der Erwartung, des kleines Stückchens Luxus und der Gönnung, die eine Taxifahrt und damit ein eigener Fahrer so mit sich bringt.

Oordayas Lied “Yayo” bringt den perfekten Vibe für einen entspannten Abend im kleinen Kreis oder eine Afterhour nach der Afterhour. Ihr Sound ist lässig und noch nicht von TikTok entfremdet. Wer eine einzigartige Künstlerin vor ihrem großen Durchbruch entdecken möchte, sollte sich beeilen.

2020 ein Musiklabel zu gründen war vielleicht nicht die wirtschaftlichste Idee – nichtsdestotrotz habe ich mit der Verboten-Crew Tragedie gegründet. Gerade in Pandemiezeiten, in denen Kunst, Kultur und Musik von Coronahilfen außen vor gelassen werden und Clubs an ihre Existenzgrenze stoßen, dürfen wir nicht aufgeben. “What We Think” ist unser letzter Release 2020 mit starker Besetzung (Teenage Mutants, Giorgia Angiuli & Lunar Plane) und gleichzeitig mein absoluter Lieblingssong um zumindest alleine tanzen zu können.

Einige Musiker*innen, mit denen ich dieses Jahr künstlerisch besonders eng zusammen gearbeitet habe und die mich inspiriert und motiviert haben würde ich gerne an dieser Stelle nennen. Wenn ihr Lust habt neue Musiker*innen der elektronischen Musik zu entdecken und ihr Schaffen mitzuverfolgen hört vor allem bei ihren Songs in der Playlist genauer hin. Nolah, Heerhorst, Alex Stein, Fernando Lagreca, AFFKT, Peter Pahn, Solver, Heinick, Auusilio Jó, Matchy.

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