Best of 2020: Pop/Rock

Alysse Gafkjen/rolling stone

Für einige ist es die schönste Zeit des Jahres, für andere tatsächlich schlichtweg ein Graus, oder eine einzige Belästigung in unseren Instagram Stories. Die Rede ist von der sogenannten List-Season, die fünfte Jahreszeit der Musikbranche.

Ob das Rolling Stone Magazin, Spotify oder DJ Uwe aus der Heimat, gefühlt jeder erstellt mit den vermeintlich Besten oder meist verkauftesten Songs des Jahres neue Playlisten. Ob zehn, 20, 50 oder 100, die favorisierten Platten oder Neuerscheinungen werden akribisch gesichtet, eingepflegt und sortiert – so lässt es sich auch wunderbar über die Qualität der Jahresproduktion resümieren.

Speaking of which – der Rockdown, wie er von Paul McCartney betitelt wurde, war eine hervorragende Gelegenheit für Bands und Künstler sich ungestört von sonstigen Verpflichtungen in Ihr Studio zurückzuziehen und kreativ zu sein. Und so ist es dem Beatle kurz vor Jahresende wieder ein Mal gelungen, ganz oben in den Charts zu stehen, da wo er ohne Zweifel auch hingehört. 

Mit läppischen 78 Jahren hat er auf McCartney III alle Songs selbst geschrieben, produziert und jedes Instrument selbst eingespielt – Chapeau! 

„Ich hatte einige Sachen, an denen ich im Laufe der Jahre gearbeitet hatte, aber manchmal lief die Zeit ab und es blieb halbfertig, also fing ich an, darüber nachzudenken, was ich hatte. Also, ich habe einfach Sachen gemacht, die ich mir vorstellte. Ich hatte keine Ahnung, dass das als Album enden würde” (McCartney, loudersounds.com)

2020 war in Bezug auf Indie-Rock/Pop jedenfalls ein großes Jahr der Frauen. Ob Grimes, Haim, Soccer Mommy oder Phoebe Bridgers, alle schafften es auf die vorderen Plätze der renommiertesten Musikmagazine, von Guardian über Pitchfork bis zu Musikexpress und Rolling Stone, alle Kritiker waren sich hier weitestgehend einig. Jedoch muss eine Künstlerin explizit hervorgehoben werden, denn mit “Fetch The Bolt Cutters” gelang Fiona Apples nach einer 24 jährigen Schaffenspause ein wunderbar trotziges, ja fast zorniges Album – das wegen seiner avantgardistischen Spielweise nicht nur vom Feuilleton geliebt wird. 

Würde man nun alle Listen zusammenführen, also eine ultimative Liste erstellen, ist der Singer-Songwriterin sowas wie das Album des Jahres gelungen. Auch wenn der Zugang zugebenermaßen nicht ganz leichtfällt, muss man der Scheibe, wie einem guten Grand Cru, etwas Zeit geben. Es lohnt sich, versprochen. 

Greta Van Fleet sind zweifelsohne ein Mysterium, denn keine andere Rockband spaltet zur Zeit die Fachpresse und selbsternannten Experten dermaßen. In den Verrissen wird immer wieder angeführt, die US-Amerikaner seien nur ein „billiger Led Zeppelin Abklatsch“. Dagegen gibt es auch etliche Lobhudeleien, die Band bringe nicht weniger zustande als „die Rettung des Rock N Roll“ zu sein. Tja, die Wahrheit liegt wohl wie immer irgendwo dazwischen, gleichwohl, eines steht fest: Ihr Debütalbum schaffte es 2018 auf Platz 3 der US Charts, was bei der harten Konkurrenz um Cardi B, Ariane Grande, DaBaby oder Lil Nas X sicherlich als Erfolg betrachtet werden kann, passt die Musik der drei Brüder Joshua, Jacob und Samuel Kiszka sowie Schlagzeuger Daniel „Danny“ Wagner nun Mal so gar nicht in den aktuellen Zeitgeist. Daher ist es umso schöner, dass sich Greta van Fleet nicht beirren lassen, ihren Sound nicht anpassen und für April 2021 ihr neues Album „The Battle at Garden’s Gate“ angekündigt haben. Als Vorgeschmack wurden noch vor dem Jahreswechsel zwei Songs veröffentlicht, die keinen Zweifel daran lassen, dass da eine würdige Fortsetzung auf uns zu kommt. 

Seien wir ehrlich: Das Hören neuer Musik war dieses Jahr nicht gerade einfach. Inmitten des unendlichen Wirbelsturms von 2020 war es verlockend, in einen Kokon nostalgischer Favoriten zu kriechen und nie herauszukommen. Aber die besten Alben und Tracks des Jahres haben bewiesen, dass unglaubliche neue Musik auch in härtesten Zeiten immer den Weg in unser Gehör findet. 

Und so nimmt uns die List-Season nicht nur an die Hand und stupst uns darauf, welche grandiose Musik wir überhört haben, sondern gibt uns zudem noch einen tiefenscharfen Blick auf den Status Quo der Popkultur und seiner Rezeption.

Und hier noch die gesamte Playlist, enjoy, xoxo! 

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