Interview mit Konrad Herfurth vom Open Ohr

Das Open Ohr in Mainz ist das älteste Jugend-Politik-Kultur-Festival Deutschlands und war letztes Jahr zum Jubiläum des 45. Bestehens auch wieder ein wahrer Publikumsmagnet. Am Ende tummelten sich bis zu 12.000 Menschen aller Altersklassen an den vier Tagen friedfertig auf dem Gelände der alten Zitadelle, um unter anderen über den Niedergang der traditionellen Parteienlandschaft zu debattieren.

Ohne Zweifel ist das Open Ohr damit das Herzstück des Mainzer Festival Sommers und sollte auch dieses Jahr wieder die Massen über Pfingsten anziehen – doch auch dieses Kulturereignis fällt der Coronakrise zum Opfer und musste von den Veranstaltern abgesagt werden. Die 46. Auflage sollte unter dem Titel “Keinraumwohnung“ vom 29. Mai bis zum 1. Juni stattfinden und sich vordergründig mit dem Thema Wohnungsnot auseinandersetzten.

Wir haben mit Konrad Herfurth vom Veranstaltungsteam über die Absage des Festivals und weiterführende Pläne gesprochen.

Herr Herfurth, nach dem vollen Erfolg des letzten Jahres mussten Sie schweren Herzens das 46. Open Ohr absagen, wie groß ist die Enttäuschung? 

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr es uns betroffen hat, das 46. OPEN OHR Festival absagen zu müssen. Es ist das erste Mal überhaupt, dass das komplette Festival ausfällt. Seit letztem August saßen wir an den Planungen und haben enorm viel Zeit und Herzblut in die Erarbeitung des Programms gesteckt und uns mit weitergehenden Fragen rund um das Festival beschäftigt. Die Erarbeitung des jeweiligen Themas ist jedes Jahr mit sehr viel Auseinandersetzung und Aufwand verbunden. Seit Monaten waren wir mit verschiedenen Referent*innen, Akteur*innen und Künstler*innen in Kontakt, um ein hochwertiges Programm auf die Beine zu stellen, für das das OPEN OHR bekannt ist. Das Programm war bereits nahezu vollständig. Darüber hinaus sind wir dieses Jahr die überfällige Auseinandersetzung zur Änderung der Ticketpreise angegangen. Mit diesem sehr intensiven Prozess waren wir bis Anfang Januar beschäftigt und kamen zu einem sehenswerten Ergebnis mit ein paar Neuheiten, deren Nutzen wir dieses Jahr allerdings nicht mehr überprüfen können. All diese Arbeit kann nun dieses Jahr keine Früchte tragen. Entsprechend tief sitzt daher unser Schmerz.

Bereits gekaufte Tickets werden voll zurückerstattet, wie kommen die Festivalgänger an ihr Geld? 

Wer sein Ticket online bestellt hat, wird von unserem Ticketanbieter Adticket per E-Mail kontaktiert und bekommt das Geld automatisch zurückerstattet. Menschen, die ihre Tickets an einer Vorverkaufsstelle erworben haben, müssen sich erneut an diese wenden und erhalten dann das Geld gegen Vorlage des Kaufbelegs zurück. Die Abwicklung wird aber noch eine Weile dauern, da Adticket gerade eine Menge solcher Rückabwicklungen für alle möglichen Veranstaltungen durchführen muss. Wir bitten daher noch um etwas Geduld. Wir empfehlen aber ausdrücklich allen, sich ihre Tickets rückerstatten zu lassen. Eine Spende des Betrags über Adticket würde nicht beim OPEN OHR landen, sondern dem Haushalt der Stadt Mainz zufließen, da das Festival hauptsächlich über diesen Haushalt finanziert wird. Wer den Stadthaushalt auf diese Weise unterstützen möchte, kann das natürlich gerne tun. Wer aber sein Ticket ausdrücklich für das Festival spenden möchte, kann gerne den rückerstatteten Betrag an den OPEN OHR Verein spenden. Wer sich darüber hinaus für den Erhalt des Festivals einsetzen möchte, kann dort gerne auch Mitglied werden.

Inhaltlich gestaltet wird das Open Ohr von einer ehrenamtlichen freien Projektgruppe, wie groß ist der finanzielle Schaden für Sie? 

Dank einer Ausfallbürgschaft durch die Stadt Mainz und der ausdrücklichen Unterstützung durch den Stadtvorstand müssen wir wenigstens nicht um die Existenz des OPEN OHRs fürchten. Da das Festival größtenteils über den städtischen Haushalt finanziert wird, entsteht der finanzielle Schaden auch nicht dem Festival direkt, sondern der Stadt Mainz. Vertragspartner*innen, die bereits vertraglich vereinbarte Leistungen erbracht haben, bekommen diese selbstverständlich bezahlt. Glücklicherweise sind diese Summen verhältnismäßig gering. Auch insofern hat sich also gezeigt, dass es richtig war, so früh im Vergleich zu anderen Festivals abzusagen. 

Foto: Fruendederkuenste.de

Oberbürgermeister Michael Ebling gab bekannt, dass die gebuchten Künstler die Hälfte ihrer Gage erhalten, war das ein wichtiges Anliegen für Sie? 

Uns ist es absolut wichtig, dass unsere Künstler*innen einen Ausgleich für die entgangene Auftrittsmöglichkeit erhalten. Als Veranstalter*innen eines politischen Festivals legen wir besonderen Wert auf Solidarität mit den Betroffenen. Anders als das OPEN OHR verfügen die Künstler*innen in der Regel über kein finanzielles Sicherheitsnetz. Die von Bund und Ländern bereitgestellten Hilfen dürften sicher helfen, aber sie werden wahrscheinlich nicht für alle reichen. Als nicht-kommerzielles, politisches Festival ist es uns ein besonderes Anliegen, dass die Vielfalt in der freien Kulturszene erhalten bleibt und alle diese Krise mit möglichst wenig Schaden überstehen. Schließlich möchten wir die gute Zusammenarbeit mit den Künstler*innen und Agenturen in den kommenden Jahren weiter fortsetzen.

Dieses Jahr sollte das Festival unter dem Titel „Keinraumwohnung“ laufen. Für wie wichtig erachten Sie das Thema Wohnungsnot? 

Wir betrachten das Thema als eine der zentralen sozialen Fragen in der Gesellschaft. Die Nachrichten der vergangenen Jahre waren voll von Beiträgen zu Wohnungsnot und damit verbundenen Fragen. Mehrere Initiativen in diesem Bereich haben bundesweit Aufmerksamkeit erhalten. Die Einführung politischer Instrumente wie etwa die Mietpreisbremse oder Forderungen nach Enteignung großer, börsennotierter Immobiliengesellschaften zeigen, wie groß die Nöte auf dem deutschen Wohnungsmarkt sind. Vor dem jetzigen wirtschaftlichen Crash wurde bereits wieder von einigen Expert*innen vor einer neuen Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt gewarnt. Vieles deutet nun darauf hin, dass sie geplatzt ist. In diesem Zusammenhang war es uns außerdem sehr wichtig, den Blick auf diejenigen zu richten, die über keinen festen Wohnsitz verfügen. Gerade jetzt, wenn dazu aufgefordert wird, zu Hause zu bleiben und viele Einrichtungen für Wohnsitzlose und für Geflüchtete entweder geschlossen sind oder nur sehr eingeschränkt arbeiten können, fragt sich, wie sich diese Menschen schützen sollen. Die Bemühungen der Politik in Deutschland und der EU, sind hier zwar ein (bescheidener) Anfang. Aber das Ende der Fahnenstange ist damit noch längst nicht erreicht. Dass bei all diesen Missständen das Recht auf menschenwürdiges Wohnen, das Bestandteil der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist, immer noch nicht ausdrücklich im deutschen Grundgesetz verankert ist, ist doch sehr bezeichnend. Gleichzeitig hat es immer auch zum OPEN OHR gehört, nicht einfach nur anzuprangern, was alles schiefläuft, sondern auch anzuregen, wie es auch anders gehen könnte und was Fragen für die Zukunft sein können.

Welche Veranstaltungen waren geplant? 

Wir hatten zunächst acht inhaltliche Schwerpunkte mit dazugehörigen Wortveranstaltungen geplant. In der Eröffnungsveranstaltung wollten wir uns mit dem Recht auf menschenwürdiges Wohnen und den damit verbunden Fragen für den deutschen Wohnungsmarkt auseinandersetzen. Das Thema Wohnsitzlosigkeit habe ich ja bereits genannt. In den weiteren Schwerpunkten wollten wir uns mit der kapitalistischen Wertschöpfung auf dem Wohnungsmarkt, mit nachhaltigem Bauen, verschiedenen alternativen Wohnformen, mit gesundheitlichen und infrastrukturellen Fragen sowie mit einem Blick über den nationalen Tellerrand hinaus beschäftigen. Ausgehend von diesen Schwerpunkten war ein vielfältiges und umfangreiches Programm geplant. Hier jetzt alle einzelnen Veranstaltungen zu nennen, würde aber zu lange dauern. Insgesamt standen neben den Podien bereits 60 weitere Programmpunkte in Form von Musik, Theater, Kabarett, Filmen, Workshops, Lesungen, Aktionen u. v. m. fest.

Foto: Sara Günter

Spielen Sie mit dem Gedanken einer Ersatzveranstaltung, sodass die 46. Auflage nicht komplett ins Wasser fällt? 

Bisher waren wir noch ganz mit der Abwicklung der Festivalabsage beschäftigt. Wir werden uns in den kommenden Wochen mit möglichen Alternativen beschäftigen. Diese werden aber aller Voraussicht nach nur im kleinen Rahmen – wenn überhaupt – möglich sein und keinen ernstzunehmenden Ersatz für das Festival bieten können. Sie stellen lediglich Versuche dar, diese Saison nicht sang- und klanglos auslaufen zu lassen und unseren Fans wenigstens ein kleines Bisschen zu bieten. Wir betrachten das Festival als eine zusammenhängende Einheit, die mehr ist als die Summe seiner Einzelveranstaltungen. Auch wenn die Vorstellung, dass nicht alle Arbeit komplett umsonst gewesen sein soll und man noch das eine oder andere „retten“ könnte, erst einmal nahe liegt, entspräche eine reduzierte Veranstaltung nicht dem Konzept des OPEN OHRs. Eine Soli-Veranstaltung wäre zwar grundsätzlich denkbar, doch ist davon auszugehen, dass diese frühestens irgendwann im Sommer stattfinden könnte. In dieser Zeit müssen wir allerdings zunächst eine neue Freie Projektgruppe bilden und mit der Planung für das nächste Jahr beginnen. Parallel dazu noch eine Ersatzveranstaltung zu organisieren, von der noch nicht abzusehen ist, wann sie stattfinden könnte, übersteigt unsere Kapazitäten.

Letztes Jahr war das Festival so gut besucht, dass zeitweise die Tageskasse geschlossen werden musste und die Kapazitätsgrenze erreicht wurde. Wäre eine Vergrößerung auf der Zitadelle ein Thema bzw. überhaupt möglich? 

Der enorme Besucher*innenandrang nicht nur des vergangenen Jahres erfreut uns natürlich sehr, zeigt er uns doch, wie beliebt das Festival ist. Gleichzeitig stoßen wir immer mehr an unsere Grenzen, weshalb wir uns im Zuge der Diskussion zur Ticketpreisänderung auch mit verschiedenen Lösungsansätzen zum hohen Besucher*innenaufkommen auseinandergesetzt haben. Wir haben uns bisher aus verschiedenen Gründen gegen eine Vergrößerung des Festivalgeländes entschieden. Innerhalb der Zitadellenmauern sind wir räumlich bereits am Limit; in den Gebäuden auf der Zitadelle, in denen Teile der Stadtverwaltung beheimatet sind, sind uns keine Veranstaltungen gestattet. Eine Ausweitung auf das Gelände außerhalb der Zitadellenmauern würde einerseits die Lärmbelastung für die Anwohner*innen erhöhen. Anderseits würde uns die dann notwendige Erweiterung des Programms auch vor einige organisatorische Probleme stellen. Nicht nur müssten wir mit dem jetzt schon knappen Künstler*innen-Etat noch mehr Veranstaltungen finanzieren. Jede Veranstaltung wird von der Freien Projektgruppe betreut und mit der Fülle des aktuellen Programms stoßen wir schon jetzt an unsere organisatorischen Grenzen. Noch mehr Programm ist aus unserer Sicht daher schlichtweg nicht möglich.

Falls es Interessenten gibt, die das Open Ohr unterstützen wollen, suchen Sie noch helfende Hände? 

Auch für das nächste Jahr freuen wir uns über engagierte, kreative Menschen, die als Teil der ehrenamtlichen Freien Projektgruppe das Programm für 2021 tatkräftig mitgestalten und organisieren wollen und bereit sind, dem OPEN OHR für mindestens ein Jahr einen Teil ihrer Freizeit zur Verfügung zu stellen. Sobald die Bewerbungsphase beginnt, werden wir das auf unserer Webseite veröffentlichen. Interessierten Menschen empfehlen wir daher, sich regelmäßig über unsere Webseite zu informieren.

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