The Strokes – "The New Abnormal"

Henry Giroux, sozialkritischer US-amerikanischer Autor und Julian Casablancas, Leadsänger von The Voidz und The Strokes haben eins gemeinsam: “Make the world a better place”. Was zunächst wie ein plakatives Statement klingt, nimmt in dem Werk von The Voidz konkrete Formen an. Songs wie “Pyramid of Bones” lassen eine Kritik an der von Aktiengesellschaften und Unternehmen gesteuerten Politik durchscheinen, die auf dem neuen Album von The Strokes, “The New Abnormal”, -wenn auch abgeschwächt- weitergeführt wird.

Auffallend ist die Unauffälligkeit der Band um Julian Casablancas vor und nach Erscheinung des neuen Albums; in nur wenigen Interviews bekommt man sie zu sehen. Eine Ausnahme macht Casablancas Auftritt bei James Corden vor zwei (!) Jahren. Die Scherze von Corden, der Orangenscheiben in die vielen Taschen von Casablancas Jacke stecken will, werden von dem Frontsänger der The Strokes abrupt unterbrochen: “We are in an invisible war, my friend”.

Dieser unsichtbare Krieg trägt sich nach Casablancas Auffassungen auf mehreren Ebenen aus. Ein Klick auf sein letztes Interview mit dem Titel “Music in politics” auf dem russischen Fernsehsender RT (spricht für sich selbst!) gibt einen tiefgründigen Einblick in seine Gedankenwelt. Dort erzählt er, dass Bushs Wiederwahl ihn damals sehr beeinflusst und aufgeschreckt habe und er sich vermehrt den Büchern von Baldwin und Martin Luther King widmete, die der “white power” den Kampf ansagen. Den direkten Einfluss scheint Casablancas jedoch von U.S. Autor John Perkins zu nehmen, der seine Rolle als “economic hit man” beschreibt. Die Economic Hitmen helfen großen Unternehmen dabei, mit Geld die natürlichen Ressourcen der Erde sowie die Politik zu kontrollieren.

Es ist also keine Überraschung, dass die Wahl des Albumcovers auf Basquiats “Bird on Money” fällt. Dem ebenfalls in New York City geborene Basquiat war damals viel daran gelegen, mit seinem Werk (auch “Native Carrying Some Guns, Bibles, Amorites on Safari”) die Ausbeutung Afro-Amerikaner und den ökonomischen Kolonialismus aufzuspießen, an den Pranger zu stellen.

“The New Abnormal”, das sechste Album nach sieben Jahren Pause und 19 Jahre seit ihrem Debüt mit “Is this it”, wurde seit langem mit Spannung erwartet. Die Presse, allen voran Pitchfork, fand nach dem zweiten Album “Room on Fire” keine positiven Worte und ratings für die Band, mit der Begründung dass The Strokes ihre Rocklegacy durch die breite Akzeptanz im Mainstream aufgegeben haben und das Ergebnis nun fragmentierte, gleichklingend und mechanische Songs seien.

Zur Arbeit am neuen Album wurde Rick Rubin engagiert, der amerikanischer Produzent, wessen Diskografie sich wie eine Crème de la Crème der Rockmusik liest: Johnny Cash, Red Hot Chilli Peppers, ZZ Top, AC/DC. Bezeichnend sagt er, dass es für ihn wichtig sei, mit Bands einen sicheren Ort zu schaffen, an dem es keine Erwartungen gibt und man sein selbst sein kann – ohne Druck von außen.

Das Album liefert das, nach dem sich viele Musikhörer gesehnt haben. Schon der Opener “The Adults Are Talking” ist durch Casablancas Gesang gewohnt melodiös, und wird durch die spitzen Riffs angeführte, ebenfalls gewohnte Hintergrundenergie der Instrumente, belebt. Da passt es dann auch, dass lyrisch die “Stockholders” angegangen werden.

War es beim Hören und Vergleichen der beiden ersten Tracks dieses bei “Is this it” so berühmte Gegenmelodie-Konzept, das unterschiedliche Rhythmen miteinander vereint, so setzt “Brooklyn Bridge To Chorus” noch eine Schippe drauf, um den alten The Strokes-Sound durch den treibenden Sound und den eingängigen Hook wiederzuerkennen.

Dies ändert sich auch nicht bei “Bad Decisions”, das mit heftigem Schlagzeugeinsatz brilliert, oder “At the Door” und “Ode To The Mets”, die mit unglaublich schönen, harmonischen Melodien bestückt sind und bei denen, wie in “Brooklyn Bridge To Chorus” ein Stück Nostalgie mitschwinkt: “The ’80s bands, where did they go?” fragen sie sich und widmen deswegen ganze Songs an Instrumente und Musiker aus der damaligen Zeit, z.B. Billy Idol und Tony James (Generation X) in “Bad Decisions”.

The Strokes sind zurück und bringen ein Album heraus, das politisch getönt ist und versucht, die Wahrheit dieser neuen abnormalen Realität in Worte zu fassen. Es ist ein Album, das den The Strokes Fans, die simple aber genial und eingängig arrangierte Songs aus alten Zeiten noch gut in Erinnerung haben, zufriedenstellen wird.

0 0 vote
Article Rating
Written By
More from Fauves
Subscribe
Notify of
guest

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments