Michael Ebling: "Wir werden bei der Stadt Mainz jeden Stein umdrehen und schauen, was zu verkraften ist. Aber man darf auch nicht vollkommen falsche Erwartungen wecken."

Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling spricht im Interview über konkrete Hilfen für die Musik- und Kulturszene in Mainz, das Open Ohr sowie die Situation des Pengs und geht auf die vor Coronaausbruch intensiv geführte Diskussion um den Nachtkulturbeauftragten ein.

Die Corona-Krise trifft die Mainzer Kulturszene und auch die Gastronomie besonders hart und stellt diese beiden Säulen des sozialen Lebens vor teils unlösbare Aufgaben. Michael Ebling hat vor kurzem bekannt gegeben, dass nach Bund und Ländern auch die Stadt Mainz, mit der Bewilligung des Stadtvorstandes, finanzielle Mittel bereitstellen wird, um diese Folgen abzumildern.

Dazu wurde das Programm „Mainz hilft sofort!“ ins Leben gerufen das Hilfen mit einem Volumen von 2,5 Millionen Euro zusichert. Im Rahmen dessen gibt es seit dem 6. April Unterstützungsmaßnahmen, die sich vor allem an die Wirtschaft, Familien, Ehrenamtler und Kulturschaffende richtet. 

Schauen wir zunächst auf die Musik- und Kulturszene, welche ganz konkreten Hilfen sind hier angedacht und wie genau können diese abgerufen werden?

Lassen Sie mich eine Eingangsbemerkung treffen: Viele Bereiche des Lebens liegen derzeit brach, zahllose Menschen, viele Branchen sind massiv betroffen. Es wird kaum gelingen, jegliche Verwerfungen zu glätten – es kann daher nur um eine schnelle, unbürokratische Schadensbegrenzung in allen genannten Bereichen gehen. Dennoch wollen wir klar adressieren: Wir versuchen, nach Kräften zu helfen, uns ist die Dramatik des Geschehens überaus bewusst, wie auch die Tatsache, dass die Lage nach der Pandemie eine andere sein wird als zuvor. Die Mittel sind aber naturgemäß endlich – und sollen allen betroffenen Bereichen zu Gute kommen.

Über das Programm „Mainz hilft sofort“ ist bekanntlich auch ein Hilfspaket für die Kultur aufgelegt. Für die Kulturträger wird versucht, entgangene Einnahmen aus Veranstaltungen  oder Vorauszahlungen ohne Gegenleistung abzufedern: Bewilligte Anträge der Kulturförderung gelten für 2020 als erfüllt, Mieten für Kulturschaffende in städtischen oder stadtnahen Liegenschaften werden zinsfrei gestundet, der städtische Ankaufsetat zur Unterstützung Mainzer Künstlerinnen und Künstler wird in 2020 auf 25.000 € erhöht. Für Vereine und Initiativen der freien Kulturszene, die von Einnahmeausfällen durch die Pandemie betroffen sind, stellt die Landeshauptstadt Mainz Soforthilfen auf Antrag zur Verfügung. Dafür stehen 150.000 € bereit.

Bei einem Punkt würde ich gerne nochmal nachhaken, denn Sie sagten auf der Pressekonferenz, dass die Mieten in städtischen und stadtnahen Liegenschaften für Vereine und Initiativen der freien Kulturszene gestundet werden können. Gibt es nicht die Möglichkeit, hier eine andere Lösung zu finden? Denn so werden die finanziellen Herausforderungen doch lediglich in die Zukunft verschoben.

Wir werden bei der Stadt Mainz jeden Stein umdrehen und schauen, was zu  verkraften ist. Aber man darf auch nicht vollkommen falsche Erwartungen wecken. Für alle ist diese Ausnahmesituation auch finanziell ein dickes Brett, das es zu bohren gilt. Bei den Mieten in städtischen und staatlichen Liegenschaften für Kultur handelt es sich bereits um einen sehr geringen Mietzins. 

Falls die Gelder zeitnah ausgeschöpft sein sollten, gibt es die Erwägung nochmals aufzustocken? 

Ich versichere Ihnen, wir werden tun, was wir können – aber Geld bleibt eben auch eine endliche Materie. Bei „Mainz hilft sofort“ haben wir uns vorbehalten, auch finanziell nachsteuern zu können. Ganz deutlich: Alles werden Bund, Land und Stadt nicht auffangen können.

Viele Veranstaltungen wie das Open Ohr Festival mussten abgesagt werden. Gibt es hier bereits Gedankenspiele, ein erweitertes Angebot an die Kulturszene für die Zeit nach der Corona-Krise zu schaffen?

Wir haben beim Open Ohr im Rahmen einer Kulanzregelung vertraglich vereinbarte Honorare der Künstlerinnen und Künstler für das abgesagte Open-Ohr-Festival zu 50 Prozent übernommen. Zu allen weiteren Gedankenspielen horchen wir in die Kulturszene hinein. Ich glaube sehr wohl, dass nach der Normalisierung  ungewöhliche Events geschaffen werden können – aber man wird nicht alles, was ausgefallen ist, spielerisch wieder „hereinholen“ können.

Foto: Sara Günter

Die Mainzer Gastronomie ist aktuell bis auf unvorhersehbare Zeit geschlossen, dies kann Gastronomen in den finanziellen Ruin treiben, aber auch die vielen Studenten stehen gerade ohne Job und Einkommen da. Greift hier das Programm „Mainz hilft sofort!“ ebenfalls?

Wir verzichten bei Gastronomen, die auch Außenflächen nutzen, für 2020 komplett auf Gebühren für Sondernutzungen. Dass Studierende in dieser Ausnahmesituation keine Nebenjobs mehr ausüben können, gehört leider zur großen Misere noch obendrein dazu und ist extrem bitter.

Aber: Hundertausende in Deutschland zittern um ihr Geschäft, Ihren bis vor kurzem noch als sicher gedachten Job, die Abzahlung eines Kredit, die nächste Miete … Das ist leider gerade die bittere Realität. Wir versuchen das Menschenmögliche, können an den essentiellen breiten Fronten Hilfe anbieten, viele einzelne Brände werden wir aber leider nicht löschen können, so klar muss man aktuell formulieren, alles andere wäre nicht redlich.  

Viele Gastronomen haben bereits ihren Einfallsreichtum unter Beweis gestellt und z.B. in Kürze Lieferdienste auf die Beine gestellt um einem Totalausfall gegenzusteuern und auch eine Versorgung weiterhin zu gewährleisten. Andere sind kreativ geworden, wie die privat initiierte Selbsthilfeseite MAINZ LIEBE der teilnehmenden Gastronomie-Betriebe:

„Wir wollen unsere Lieblingsorte in der Krise unterstützen und vor der Insolvenz retten, indem wir ihnen jetzt das Geld zur Verfügung stellen, was wir ohnehin bei ihnen ausgeben würden. Wie auch die Behörden aktuell versuchen, die Ausbreitung von Corona auf einen langen Zeitraum zu strecken, sollen auch die Locations durch den Verkauf von Gutscheinen die Verluste auf einen längeren Zeitraum verteilen können und so die Auswirkungen abmildern.“

Wird die Stadt auch solchen Initiativen unter die Arme greifen? 

Ja, wir unterstützen jegliche Initiativen in diesem Bereich ideell sehr gern oder haben dies teils schon getan: mit Aufrufen, diesen Weg zu unterstützen, mit  Videobotschaften etc. Und wir bieten ehrenamtliche Hol- und Bringdienste im Rahmen der Nachbarschaftshilfe an.  

Nach dem Vorbild der Stadt Mannheim will auch Mainz eine Stelle für einen Nachtkulturbeauftragten, oder auch Nachtbürgermeister genannt, schaffen. Dieser soll dann als Mediator, Impulsgeber oder Sprachrohr fungieren und unter anderem die Interessen bzw. Belange der Akteure des Nachtlebens vertreten. Die Bewerbungsphase hierfür lief bis bis zum 17. März. Gemeinsam mit dem Netzwerk „musikszene mainz“ und dem Kulturbüro Rheinland-Pfalz soll entschieden werden, wer den Posten erhält. Bisher wurde noch nicht bekannt gegeben, auf wen die Wahl gefallen ist. Wie weit fortgeschritten sind Sie im Entscheidungsprozess? Falls bereits ein Kandidat feststeht, können Sie das auch gerne hier verkünden. 

Das Bewerbungsverfahren ist mit insgesamt 13 Kandidatinnen und Kandidaten auf der Zielgeraden. Die Personalie steht im Detail aber noch nicht fest. Aktuell behindert uns die Pandemie leider auch beim Auswahlverfahren. 

Wenn wir richtig informiert sind, soll der Nachtkulturbeaufragte unentgeltlich arbeiten, wie stellen Sie sich das genau vor?

Es geht zunächst um eine Probephase von sechs Monaten, um Erfahrungen zu gewinnen; in dieser Probephase soll die/der Beauftragte ehrenamtlich tätig sein. Mit entsprechend positiven Reaktionen und Erfahrungen kann dann eine hauptamtliche Funktion ausgeschrieben werden. 

Es gibt auch auch einige kritische Stimmen bzgl. des Konzeptes und der geplanten Umsetzung. So hat Victor Anta Muñoz vom Gutleut und altem Postlager im Fauves Interview unter anderem angemerkt:

„Die Idee, ein Amt für einen Nachtkulturbeauftragten einzuführen, ist genial und ich war überrascht, davon zu hören. Allerdings steht und fällt jede Idee mit der Umsetzung. Mein Eindruck, hoffentlich irre ich mich, ist, dass die Aufgabengebiete des Nachtkulturbeauftragten nicht klar definiert sind, dass das Auswahlverfahren für die Stelle undurchsichtig ist, es außerdem problematisch ist, dass es keine Vergütung für die Arbeit gibt und schließlich, dass es zu vermuten ist, dass der Handlungsspielraum und die damit verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten des Amtes sehr gering sind. Es geht mir nicht darum, eine gute Idee schlecht zu machen, sondern einzig und allein darum, darauf hinzuweisen, dass wir auf eine konzeptionelle Totgeburt zusteuern.“ 

Ich schätze Victor Anta Munoz für seinen kritischen und kreativen Geist, habe aber dazu eine leicht andere Sicht auf die Dinge. Und mich unterscheidet offenkundig von ihm, dass ich nicht immer bereits vorher weiß, welches Ergebnis ein Projekt haben wird. Dass ein Nachtkulturbeauftragter bei Konflikten und Problemlagen Vermittler zum „Finden und Etablieren von Lösungen“ sein sollte, liegt nahe. Dass sie / er eine Scharnierfunktion ausfüllen und als ausgleichende Persönlichkeit zu allen Seiten hin – in die Kulturszene, zu den Anwohnern, bei Clubs/Gastronomien als auch in städtische Stellen hinein – wirken sollte, versteht sich von selbst. 

Es muss eine akzeptierte Persönlichkeit sein – damit steht und fällt vieles.  Dass uns eine solche Wahl gelingt, daran habe ich keinerlei Zweifel – und es sind aus meiner Warte einige vielversprechende Bewerber/innen im Topf. Kurz: Man muss der – zunächst ehrenamtlichen Funktion – eine Chance geben, zu agieren. Dann kann man das Profil schärfen, aber man sollte die Sinnhaftigkeit nicht im Vorhinein negieren. Daher folge ich Muñoz nicht, er wird es verschmerzen.

Victor Anta Muñoz

Der Mainzer Kulturverein Peng feierte erst am Juli 2019 die Eröffnung im alten Jobcenter, nun musste die Initiative die Räumlichkeiten nach kürzester Zeit abermals räumen. In der 14-jährigen Geschichte suchen die Kulturschaffenden somit aktuell die elfte Übergangsstation, es laufen bereits Gespräche mit Kulturdezernentin Marianne Grosse über potenzielle künftige Objekte. Die Verantwortlichen sprechen davon, dass es geeigneten Leerstand sowohl in der Innen- wie auch in der Oberstadt gibt, etwas Handfestes hat sich allerdings noch nicht herauskristallisiert. Irgendwie stellt sich dabei das Gefühl ein, dass der Kulturverein wenig Unterstützung und Rückhalt im Rathaus hat.

Kann die Stadt da nicht endlich längerfristig eine geeignete Location bereitstellen oder bei potentiellen Vermietern wohlwollend vermitteln?

PENG hat sein Konzept von Anbeginn auf „temporäre Nutzungen“ von Leerständen ausgelegt. Die vielen Umzüge und neuen Destinationen bestätigen dies ja. Zuvor kamen zudem viele neue Locations auf Vermittlung und mit Hilfe der Kulturdezernentin zustande. Ich bin mir sicher, wir werden für PENG auch das Dutzend vollmachen. Aber aktuell gibt es unzählige Baustellen, das füge ich hinzu.

Für uns als Musikmagazin haben die musikalischen Vorlieben unserer Interviewpartner natürlich immer eine Relevanz und auch viele Mainzer interessiert bestimmt, welche Bands / Interpreten Sie gerne hören. Haben Sie da ein paar Empfehlungen für unsere Leser?

Aktuell: auf culture-y.com stöbern und selbst interessiert bleiben. 

Herr Ebling, wir bedanken uns für das Interview!

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