Wie geht es der Musikszene in Mainz und wie kann man sie jetzt unterstützen? (Teil 3/3)

Foto: Stephan Dinges

Der letzte Teil unserer Reihe lässt Anton Pfurtscheller vom Sichtexot-Label, die Sängerin Caro Trischler, den Produzenten und Musiker Marc Jullien, Florian Sczesny von der Band “oh sleep”, Max Grund und Laura Carbone zu Wort kommen. Viel Spaß!

DIE DERZEITIGE SITUATION

Anton Pfurtscheller (Sichtexot), Label

Im Moment ist es für uns als Label glücklicherweise nicht viel anders als zuvor. Unser Kerngeschäft, das Veröffentlichen von Musik auf Vinyl und als digitalem Download/Streaming, läuft weiter. Die Bestellungen in unserem Onlineshop gehen etwas zurück, da es wohl aktuell nicht unbedingt Priorität ist, eine Schallplatte oder ein T-Shirt zu kaufen. Alles in allem kommen wir aber klar. Was Veranstaltungen betrifft, hatten wir mit dem Blend-Festival im Alten Postlager Anfang Februar wirklich sehr großes Glück! Weitere schon geplante Partys im März und April bei unseren Freunden im Gutleut mussten allerdings leider abgesagt werden.

Natürlich trifft es aber insoweit unsere Künstler direkt, da alle Live-Auftritte wegfallen oder jedenfalls auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Das heißt, komplette Einnahmen von geplanten Touren etc. fallen weg. Ganz konkret für Künstler, die gerade so von der Musik leben, aber nicht so bekannt sind, dass sie davon reich werden, betrifft es am stärksten. Sie sind stark auf Einnahmen von Konzerten oder ganzen Touren angewiesen.

Foto: Martina Miocevic

Caro Trischler, Sängerin

Wegen der Corona-Krise wurden natürlich alle meine Konzerte und Gigs bis Mitte des Jahres bis auf Weiteres abgesagt. Manche sollen nachgeholt werden, aber wann genau das ist, kann bis jetzt noch niemand abschätzen. Das ist für mich eine große Ungewissheit. Für mich persönlich war der Zeitpunkt sehr blöd, ich wollte nämlich ab Ende März mit meiner ersten CD live spielen und sie natürlich auch unter Leute bringen. Mit diesem Ausfall konnte man nicht rechnen, aber das geht allen so. Es gibt ein paar prima Veranstalter, die mich mit Ausfallgagen unterstützt haben. Das ist toll, aber natürlich kein Dauerzustand und auch nicht ausreichend. Es ist alles ziemlich ungewiss, ich muss – genau wie jeder andere – drinnen bleiben und erst mal abwarten.

Marc Jullien, Produzent, Musiker

Ich bin neben der Studioarbeit auch als Livemusiker unterwegs und habe Absagen bis in den Juni rein bekommen. Es wäre auf jeden Fall sehr ärgerlich, wenn das ganze Sommergeschäft ausfällt. Im Studio bearbeite ich gerade noch ein Projekt, das ich alleine fertig machen kann.

Laura Carbone, Musikerin / Band

Die Situation meistere ich im Moment mit viel Ruhe, Verständnis und Realismus. Habe früh akzeptiert, dass wir zu einer Pause gezwungen werden, dass Pläne verworfen und neu überdacht werden dürfen. Es ist einfach intensiv mit den privaten Veränderungen konfrontiert zu sein und einen positiven Gedanken an die eigene Existenz weiter wachsen zu lassen, während der Weltschmerz und die Empathie einen manchmal fast erdrückt. Ich gönne mir weiterhin viel Zeit und Liebe um das auch zu verarbeiten, und bin mir selbst eine gute Freundin in dem ich mich aktiv auf die Silberstreifen aufmerksam mache. Es fühlt sich gut an, wenn ich die Energie und Liebe habe, anderen auch von diesen zu erzählen. Und es erfüllt mich voll Dankbarkeit, wenn ein Mensch auch mir einen Silberstreifen zeigt und mich zum Lächeln bringt und meine Stimmung erhellt. Für mich ist das gerade sehr wichtig – positiver Austausch mit lieben Menschen.

Florian Sczesny (oh sleep), Band

Ich bin freiberuflicher Musiker (Komposition, Produktion, Live-Shows, Workshops, …) und arbeite sowohl an eigenen als auch an externen Projekten. Fast alle Konzerte sind leider, bis in den Spätsommer hinein, Corona-bedingt abgesagt worden. Die derzeitige Situation hat sich auf das Songwriting und die Produktionen bis jetzt weniger ausgewirkt. Die Konzeption und Planung von Workshops läuft weiter, die Durchführung muss allerdings auch erstmal warten. Finanziell fällt somit logischerweise ein Teil des Jahresumsatzes weg …

Max Grund (Lilli Rubin / Terztanz), Gitarrist

Natürlich nicht so toll, weil erstmal alle Auftritte abgesagt wurden. Überspitzt ausgedrückt ist man als Musiker jetzt erstmal arbeitslos.

WIE GEHT’S WEITER?

Anton Pfurtscheller (Sichtexot), Label

Aktuell machen wir weiter wie gehabt. Wir werden in den nächsten drei Monaten vier anstehende Alben (physisch sowie digital) unserer Künstler veröffentlichen. Da die Planungen und Vinylherstellung etc. aber auch schon lange vor der Krise begonnen haben, sind wir da mitten drin und sehen erst mal kein Grund zu verschieben. Ansonsten müssen wir, wie alle anderen auch, abwarten und hoffen, dass bald wieder Normalität einkehrt.

Caro Trischler, Sängerin

Ich werde den offiziellen Release meiner CD in den Sommer verschieben, bis ich wieder live spielen kann. Ich mache trotzdem schon ein bisschen Werbung dafür und verschicke Bestellungen selbst. Ansonsten können wir als Freiberufler natürlich unsere Zeit vielfältig nutzen: Ulf Kleiner (mein Pianist, Produzent..) und ich haben zum Beispiel als Alternative zu unserem CD-Release-Konzert ein Live-Video im Gonsenheimer Wald gemacht. Ich hoffe, dass wir bald die Nachholtermine planen können und freue mich sehr aufs Live-Spielen.

Marc Jullien, Produzent, Musiker

Wie bei den meisten Leuten ist es für mich nicht ganz klar, was jetzt passiert. Eigentlich kann es für mich erst weitergehen, wenn alle Auflagen und Kontaktsperren gelockert sind. Trotzdem versuche ich, das Beste daraus zu machen und will erst einmal mit einer positiven Haltung die Zeit überbrücken. Ich kümmere mich um Projekte und Ideen, die schon länger angedacht waren, aber für die nie so richtig Zeit war. Von daher möchte ich die Zeit nutzen, um so viel wie möglich zu planen.

Laura Carbone, Musikerin / Band

Wisst ihr, die Karten sind neu gemischt und ich möchte der Zukunft auch den Raum geben, sich neu zu definieren und sich zu entwickeln. Ich bin dankbar, dass meine Kreativität weiterhin läuft, ich Inspiration finde und den Austausch mit lieben Menschen habe, das tut unfassbar gut. Natürlich besteht der Wunsch weiterhin, ein drittes Album aufzunehmen und damit zu touren – aber alles zu seiner Zeit und ohne Druck und mit Zuversicht, dass sich die Welt erstmal beruhigt und gesund wird und mit neuen Prioritäten und Werten zukünftige Entscheidungen trifft.

Florian Sczesny (oh sleep), Band

Die derzeitige Zeit nutze ich um neue Ideen zu entwickeln und bestehende Projekte zu finalisieren. Ebenfalls werde ich ein Video-Streaming-Angebot erstellen und meinen bestehenden Patreon-Kanal weiter ausbauen (www.patreon.com/ohsleep). Ansonsten ist es wohl zu früh, um eine planungssichere Prognose über mein weiteres Vorgehen in Bezug auf Corona abzugeben.

Max Grund (Lilli Rubin / Terztanz), Gitarrist

Ich versuche das Beste aus der Situation zu machen und übe aktuell wirklich sehr viel. Das ist auch wirklich das einzig Positive an der aktuellen Situation – ich komme in Topform zurück auf die Bühnen. Haha. Außerdem recorde ich grade viel von zu Hause aus für andere!

UNTERSTÜTZT DIE MUSIKINDUSTRIE?

Anton Pfurtscheller (Sichtexot), Label

Wir als Label werden keine Soforthilfe beantragen können, da wir kein separates Büro und auch keine großen laufenden Kosten oder Kredite zu zahlen haben. Und da wir wie eben beschrieben derzeit auch nur geringe finanzielle Einbußen haben, wäre dies auch unangemessen. Wir versuchen eher sogar unseren Künstlern mit Vorschüssen weiterzuhelfen.

Caro Trischler, Sängerin

Ich habe vor ca. einer Woche zwei Anträge über kleinere Beträge bei der Deutschen-Orchester-Stiftung und bei der GVL gestellt. Bis jetzt kamen noch keine Antwort, da warte ich mal ab. Es gibt noch einige Anlaufstellen, z.B. die Gema.

Marc Jullien, Produzent, Musiker

Pop RLP ist relativ schnell aktiv geworden und hat eine Umfrage gestartet, um zu erfahren, was die einzelnen Akteure für die kommenden zwei, drei Monate für Ausfälle vermuten, so dass man im nächsten Schritt im Gespräch mit der Politik eine gute Referenz hat. POP RLP ist somit eine gute Stelle, die man kontaktieren könnte, falls es hart auf hart kommt, da sie enge Kontakte zum Landesmusikrat – regional und bundesweit, hat.

Laura Carbone, Musikerin / Band

Es gibt Vorschüsse seitens Verwertungsgesellschaften, was ich als große Geste sehe und helfen wird. Ferner spüre ich ein neues Bewusstsein für Kunst und auch den Gedanken, welch einem Risiko wir (Künstler) uns bewusst aussetzen, um kreieren zu dürfen. Das ist gut, wenn Leute sehen, wie wenig Sicherheit – vor allem finanziell – die Branche für uns mit sich bringt. Man muss verrückt sein, um so viel Passion und Glauben an die Kunst zu haben.

Ich habe mich persönlich sehr über den Aktivismus für Kreative / Freischaffende gefreut – die Petitionen, die gegründet und geteilt wurden von Leuten, die nicht direkt davon betroffen sind, jedoch emphatisch als Kunstgenießer handeln. Besonders meine alten Kontakte in Mannheim haben mir ein gutes Gefühl gegeben, dass Leute für einen gegen Windmühlen kämpfen und aufmerksam machen. Nicht nur die Industrie, vielmehr die Gesellschaft darf umdenken und ihren Begriff neu definieren, wie viel wert einem Kunst ist und auch wie viel Wert einem der Künstler ist, der diese für einen kreiert.

Florian Sczesny (oh sleep), Band

Die GEMA bietet Hilfsmaßnahmen an und die GVL stellt sofort 250 Euro zur Verfügung. Das Rettungspaket für Solo-Selbstständige ist in Rheinland-Pfalz leider nur mit deutlichem Liquiditätsengpass zu beantragen und kompensiert somit nicht den entstehenden hohen Umsatzausfall durch Live-Shows etc. Bandcamp hatte eine schöne Aktion bei der 24 Stunden lang 100% der Einnahmen an die Künstler gingen – von Spotify o.a. habe ich solche Maßnahmen noch nicht mitbekommen. Generell ist die Geschwindigkeit einer effizienten Maßnahmenerstellung und Durchführung eher gedrosselt. Positiv fällt pop rlp mit der Spendenaktion Rettet die Popkultur RLP auf, von der ich ein Teil sein darf (www.rettetdiepopkultur.de).

Max Grund (Lilli Rubin / Terztanz), Gitarrist

Puh – nix. Besonders enttäuscht bin ich grade leider von der Politik. Bisher habe ich trotz aller Formulare und den bürokratischen Aufwands noch keinen Cent „Hilfe“ erhalten. Die Pop RLP Aktion finde ich sehr unterstützenswert!

WIE JEDER EINZELNE JETZT HELFEN KANN

Anton Pfurtscheller (Sichtexot), Label

Um die Künstler und uns zu unterstützen kann man natürlich die „kontaktlosen“ Angebote, wie unseren Onlineshop (www.sichtexot.com) und/oder die bekannten Streamingplattformen nutzen. Auf diese Weise kommt dann natürlich auch Geld bei den Künstlern an. Am besten auf direktem Wege bei den Künstlern z.B. auf Bandcamp einkaufen oder spenden. Die Gesundheit und Vorsicht steht natürlich an oberster Stelle, aber sobald wir das alle überstanden haben und es wieder los geht: ab, auf Konzerte und Partys besuchen sowie generell Kultur feiern und machen! 

Caro Trischler, Sängerin

Man kann sehr gerne meine neue CD (www.carotrischler.com) und auch Ulf’s CD (www.pianoskop.com) kaufen und nach dem ganzen Wahnsinn natürlich wieder unsere Konzerte besuchen.

Marc Jullien, Produzent, Musiker

Zurzeit kann man ja sehen, das viele Konzerte aus dem Wohnzimmer heraus gestreamt werden – das finde ich eine coole Sache. Andererseits werden am Ende aber solche Aktionen auch nicht die Konten der Künstler füllen. Es wäre deswegen sinnvoll, wenn Leute, die sich solche Streams anschauen, auch gezielt spenden würden, um die Musiker zu unterstützen. Ansonsten könnte man sich auch Tickets, die man schon gekauft hat, erstmal nicht erstatten lassen, sondern behalten, so dass die Einnahmen bei den Veranstaltungsorten nicht komplett getilgt werden.

Laura Carbone, Musikerin / Band

Das Gleiche wie zuvor auch: Kauft den Merch eurer Lieblingsband auf deren Webseite. Meistens gibt es immer mehr als CDs oder Platten, z.B. Shirts, Poster, Kunstbücher – so wie bei mir.

Spüre sehr stark, wie man mich mit Gutem unterstützen möchte und bekomme liebe Nachrichten, die mir den Tag erhellen. Es freut mich sehr, wenn man sich selbst oder einem lieben Menschen etwas Gutes tut – und vielleicht auch eine kleine Geste verschenkt um jemanden anderen aus dem Hamsterrad zu holen und mit Kunst einen Raum zu geben in dem mal weggeträumt werden darf. 

Teilt die Kunst die ihr besitzt digital und macht andere Menschen auf dies aufmerksam.

Da mich wirklich viele Nachrichten erreichen wie man konkret meinen kreativen Prozess unterstützen kann, habe ich eine Patreon Seite erstellt. Ich hatte den Wunsch für einen Raum für digitalen Austausch, der gleichzeitig ein Safe Space sein kann, in welchem ich “leichter” und mit mehr Vertrauen meine Kreativität in einem frühen Stadium teilen kann. Näher am kreativen Schaffensprozess sozusagen. Und auch Rückblicke erlaubt – vom Touren und vor der Pandemie und der Schönheit, die uns immer noch umgibt. Die ersten Artikel zu kreieren waren eine schöne Erfahrung und ich freu mich zu sehen, wie sich dies entwickeln wird und ob dies ein Silberstreifen für mich sein darf. 

Florian Sczesny (oh sleep), Band

Ich verfolge bereits seit der ersten Stunde Patreon und bin seit zwei Jahren aktiv auf der Plattform. Jeder der mich und meine Kunst unterstützen möchte, ist hier am besten aufgehoben und bekommt für einen kleinen Monatsbeitrag immer aktuelle Musik, Videos und Insights (www.patreon.com/ohsleep). Ansonsten hilft der Kauf von Merchandise, Heavy-Streaming auf Spotify und Co. und generell: Mündiges Rezipieren von regionaler und überregionaler Kunst (-> nicht kommerziell erstellten Produkten), um diese Welt langfristig und nachhaltig – vor, während und nach Krisen – zu verbessern.

Max Grund (Lilli Rubin / Terztanz), Gitarrist

Viel Musik hören und allen Output von Künstlern teilen und/oder unterstützen.

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