Wie geht es der Musikszene in Mainz und wie kann man sie jetzt unterstützen? (Teil 2/3)

Foto: Stephan Dinges

Wir haben mit Labels, Clubs, Veranstaltern und Musiker*Innen über ihre derzeitige Lage während der Coronazeit gesprochen und sie gefragt, was jeder Einzelne jetzt tun kann, um sie zu unterstützen – Teil 2 von 3.

Auch in dieser Ausgabe kommen wieder Menschen aus Mainz zu Wort. Diesmal die Mainzer Band Hanne Kah, Psycho Jones, Melody Connor, Kerstin Haberecht und Moritz Eisenach.

DIE DERZEITIGE SITUATION

Hanne Kah, Band

Wir sind normalerweise eine Band, die ständig zusammen ist und auch im Schnitt zwei Auftritte in der Woche spielt. Für April und Mai wurden alle Auftritte abgesagt oder verlegt. Ob die geplanten Festivals & Shows im Juni stattfinden können ist aktuell noch unklar. Uns geht es da aktuell wie vielen Künstlern. Wir sind alle im „Homeoffice“, machen Musik und nehmen Videos auf und harren der Dinge. Es ist ungewiss, wie die Kulturszene und Veranstaltungen nun weitergehen. Dadurch, dass es jetzt diese Auflagen gibt, dass man sich nicht sehen kann, entstehen aber definitiv auch Chancen. Alles wird entschleunigt und beruhigt sich. Man sieht nachts wieder Sterne am Himmel und es fühlt sich an, als würde sich die Welt ein bisschen regenerieren. Wir selbst sind alle einzeln in unseren Haushalten isoliert und kommunizieren nur über Videotelefonie oder per Telefon. Hanne verbringt die Zeit in ihrem Haus, welches wir nun kurzerhand zu unserem virtuellen Guesthouse umfunktionieren wollen. Aber dazu mehr in der nächsten Frage.

Psycho Jones, DJ

Ich habe einen Komplettausfall aller anstehenden Gigs & somit auch der Gagen wahrscheinlich bis Ende April oder sogar Ende Mai &  länger. Das sind je Monat mehrere tausend Euro, die fehlen. März & April waren gut ausgebucht, sogar besser als die Jahre zuvor. Wenn zudem der Mai wirklich komplett ins Cov19-Loch fallen würde, wäre das der grösste Einschnitt, denn durch diverse große & gutebezahlte Events hatte ich mit Rekordeinnahmen gerechnet, was vor dem üblichen Sommerloch von Juni bis August für mich wichtig ist, um die ruhigen heissen Monate gut zu überstehen. Sehr wenige Auftraggeber zahlen dennoch die Gage oder einen Teil, mit Blick darauf, dass die ausgefallene Veranstaltung verschoben wird & ich dann zur Verfügung stehe. Das hilft natürlich sehr, ist aber eine Ausnahme. Natürlich ist das Geld nur die eine Sache, die wegfällt. Die meisten Gigs liegen mir wirklich sehr am Herzen & ich hatte mich darauf gefreut. Neben meinen regelmässigen Shows, fallen wirklich tolle, einzigartige Veranstaltungen aus, wie z.B. eine Buchvorstellung auf der ITB Messe Berlin oder beim Frankfurter Museumsuferfest im Museum für Kommunikation oder eine Depeche Mode DVD-Releaseparty in Berlin.
Was besonders schade ist, Psycho-Jones hat Ende April sein 22-jähriges Jubiläum. Das wollte ich eigentlich ausgiebig feiern & mit Sonderveranstaltungen meine Fans überraschen. Nun überlege ich mir einen Weg, das dennoch besonders zu gestalten. Positiv zu bleiben, ist sehr wichtig. Ich hatte vor ein paar Jahren bereits eine schwierige Phase, in der ich durch den Wegfall vieler regelmässiger Gigs in finanzielle Bedrängnis geriet. Das hat auch geklappt. Damals fing ich an, mein Buch zu schreiben, was mir viele neue Kanäle öffnete. Bis heute.

Melody Connor (Jettes), Band

Zur Zeit ist alles ziemlich entspannt – aber auch deshalb, weil ich ne Festanstellung in Teilzeit hatte bis vor kurzem, dadurch bin ich erstmal abgesichert. Ich bin ziemlich privilegiert derzeit und sehe mein direktes Umfeld allerdings mehr strugglen und versuche zu helfen wo ich kann. Zudem kommt mir die zwangsweise Isolation mal ganz gut um mich mehr mit mir selber auseinanderzusetzen und nicht konstant unter Strom zu sein. Aber auch hier bin ich mir sehr darüber bewusst, dass ich da nur einer von wenigen bin, die die Zeit so gut nutzen können ohne sich Gedanken über die Zukunft zu machen.

Kerstin Haberecht, Saxophonistin, Leiterin der Jazzabt. der Musikschule Ingelheim und mit im Vorstand von JAZZ RLP – Landesverband für Jazz in Rheinland-Pfalz

Meine persönliche Situation ist momentan (noch) unkritisch, da ich das Glück habe, eine feste Stelle an der Musikschule Ingelheim zu haben, die mich trägt.Es sind natürlich ein paar Auftritte bei mir persönlich weggefallen, die ich schon gerne gespielt hätte und die ich finanziell auch hätte gut gebrauchen können, aber das sind bei mir in diesem Jahr bisher zum Glück nicht so viele. Es gab schon Jahre und wird vielleicht auch wieder Jahre geben, in denen ich mehr spiele. Ich sorge mich um meine Kolleg*innen, die es in großen Teilen schlechter trifft, weil sie mehr durch Spielen Geld verdienen. Ich hoffe, dass die Maßnahmen von Bund und Ländern und / oder Spendenaktionen wie die von http://www.kultur-akut-mainz.de/ schnell helfen.

Moritz Eisenach (Musikmaschine), Veranstalter

Der Alltag hat sich komplett verändert. Wir machen Konzerte, weil das unser Job ist, aber eben auch aus Liebe. Nun fehlt beides, die geliebten Abende und dazu noch sämtliche Einnahmen. Ein Totalausfall.

WIE GEHT’S WEITER?

Hanne Kah, Band

Wir hatten schlaflose Nächte in den letzten Tagen und haben uns überlegt, was wir genau tun können und wie wir trotzdem Kultur in die Wohnzimmer der Menschen bringen können. Wir haben uns entschieden, ein Online-Portal aufzuziehen, dass passend zu unserem aktuellen Album “Y” das Thema Kultur für verschiedene Generationen bedient. Es soll quasi ein Portal für Themen in Mainz und der Welt sein und natürlich werden auch wir dort kleine Videos mit Songs von uns posten & Live-Streamings aus unserem Guesthouse machen. Wir wollen sobald es geht damit starten. Gerne wollen wir auch Einsendungen von anderen Künstlern annehmen, die Interesse haben mit Videos oder Interviews auf diesem Portal zu erscheinen (schreibt uns einfach auf hello@hannekah.com). Es geht uns darum, Kultur & Gesellschaft abzubilden – in Zeiten von Corona aber auch darüber hinaus. Was nach Corona passiert ist aktuell glaube ich für jeden unklar. Daher fahren wir aktuell auf Sicht und probieren eben die Chancen, die die Isolation uns bietet zu nutzen.

Psycho Jones, DJ

Ich muss meine Kosten minimieren & alternative Wege finden, Geld zu akquirieren. In meinem Fundus gibt es noch viele von mir designte Goodies, Werbemittel oder auch lange nicht benutzte Deko, Outfits, oder auch doppelte Platten, CDs, Filme, welche ich in dieser Phase abstoßen und zum Verkauf oder in Auktionen anbieten kann. Ich möchte mich nicht alleine auf die Mittel von Bund & Ländern verlassen müssen. Wie man sieht, geraten diese bereits für Berlin teils an ihre Grenzen, da die Nachfrage extrem hoch ist. Natürlich werde ich versuchen, zumindest einen Teil meines Ausfalls über die angebotenen Kanäle zu deckeln. Da ich nie nur ein reiner DJ war, sehe ich für mich natürlich Möglichkeiten, jenseits der aktuellen Flut an DJ-Set Livestreams. Natürlich werde ich auch weiter an meinem Buch & dem Soundtrack dazu arbeiten. Es gibt echt tolle bis witzige Ansätze im Netz, die den Leuten zu Hause die Zeit versüßen sollen: Die Bravo bietet gratis Downloads vieler Ausgaben an. Patrick Stewart (Star Trek Picard) liest regelmässig aus Shakespeare vor. Sowas finde ich sehr inspirierend.

Melody Connor (Jettes), Band

Ich alleine und meine Band (Jettes) nutzen die Zeit um kreativ und produktiv zu sein, neue Ideen zu entwickeln und Songs zu schreiben. Uns sind jetzt einige Gigs ausgefallen in den nächsten Wochen, die würden wir dann gerne Ende des Jahres nachholen. Allerdings machen wir uns da grade noch nicht verrückt, da wir jetzt auch ein Team haben, was sich um sowas kümmert.

Kerstin Haberecht, Saxophonistin, Leiterin der Jazzabt. der Musikschule Ingelheim und mit im Vorstand von JAZZ RLP – Landesverband für Jazz in Rheinland-Pfalz

In Zukunft wird die Arbeit hauptsächlich online und konzeptionell stattfinden. Die meisten Instrumentalpädagogen bieten zum Beispiel Online-Unterricht an, um mit den Schüler*innen Kontakt zu halten, was allerdings bei den meisten Instrumenten und technischen Voraussetzungen den “normalen” Unterricht 1 zu 1 nicht ersetzen kann. Konzeptionell bleibt natürlich meistens etwas liegen, weswegen wir jetzt in dem Bereich endlich mal Zeit haben, aufzuarbeiten. In diesem Punkt hat die Situation tatsächlich mal etwas Gutes sofern es nicht zu lange so bleibt. An Auftritte wird aber noch eine Weile nicht zu denken sein, was einen herben Einschnitt bedeutet und das nicht nur finanziell sondern auch emotional.

Moritz Eisenach (Musikmaschine), Veranstalter

Wie das alles weitergeht, weiß ja keiner im Moment. Trotz der katastrophalen Situation versuchen wir unser Agenturmotto “Alles wird gut” mit Leben zu füllen und nach vorne zu schauen. Momentan arbeiten wir an einem hochwertigen Livestream-Angebot, um weiter Konzerte anbieten zu können. Hoffentlich können wir alle bald wieder rausgehen und Konzerte genießen.

UNTERSTÜTZT DIE MUSIKINDUSTRIE?

Hanne Kah, Band

Unsere Freunde von der Pop RLP haben eine tolle Spendenaktion ins Leben gerufen namens „Rettet die Popkultur“ https://www.rettetdiepopkultur.de/. Hier werden Spenden gesammelt, die KünstlerInnen, Freiberuflern und Selbstständigen, deren Lebensgrundlage aktuell zusammenbricht, finanziell helfen soll. Inwieweit es weitere Förderungen aus der Musikindustrie heraus geben wird und wie diese uns zugute kommen, können wir zum aktuellen Stand noch nicht absehen.

Psycho Jones, DJ

Von der Musikindustrie erwarte ich als DJ & Entertainer nichts für mich.
Bandcamp hatte kürzlich einen Tag lang auf die Verkaufsgebühren der Musiker/Bands verzichtet. Das war eine super Aktion. Ich glaube Soundcloud startet eine ähnliche Aktion. Wichtig ist, dass nun Musiker, Künstler, Kreative, Locations, Agenturen, Booker noch enger zusammenstehen & sich mehr denn je im Kleinen unterstützen & auf die Belange der anderen aufmerksam machen, z.B. durch Teilen & Empfehlen von Anliegen & Posts oder sich gegenseitig mit Infos & Updates der Möglichkeiten auf dem Laufenden zu halten. Ellenbogenverhalten vergleichbar mit Panikkäufen ist absolut fehl am Platz. Respekt mit Herz & Verstand ist gefragt. Wir sitzen alle im selben Boot.

Melody Connor (Jettes), Band

Die Industrie macht denkbar wenig. Ich, in meiner Rolle als Unternehmer, habe Anspruch auf Hilfen vom Staat. Die GEMA hat einen Hilfefonds eingerichtet. Wie da Geld fließt, und ob, ist mir noch nicht ganz klar. Man muss aber ehrlich sagen: Die Musikindustrie hat mit uns wenig zu tun, dafür bin weder ich, noch meine Band zu wenig wertvoll für irgendeine Industrie. Alle Leute in unserem Umfeld und direkten Team arbeiten hart und unterstützen uns wo sie können und das ist worauf es für ne DIY-Band wie uns ankommt.

Kerstin Haberecht, Saxophonistin, Leiterin der Jazzabt. der Musikschule Ingelheim und mit im Vorstand von JAZZ RLP – Landesverband für Jazz in Rheinland-Pfalz

“Die Musikindustrie” puh … in meinem Fall sind die “musikalischen Netzwerke” meine Kolleg*innen, Schüler*innen, Musikverbände etc., aber weniger Lables oder Veranstalter. Alle sind natürlich betroffen und traurig über die Situation und versuchen bei einem solchen Fall von, sagen wir höherer Gewalt, ihre “Schäfchen” ins Trockene zu bringen. In den meisten Fällen wurden Veranstaltungen nicht einfach nur abgesagt. Ich habe es so erlebt, dass man versucht wohlwollend nach Alternativen zu suchen, da es schließlich auf beiden Seiten zu Verlusten kommt. Allerdings habe ich es auch schon erlebt, dass nicht immer alle auf dem Schirm haben, dass die Situation vor allem für Musiker*innen in der Summe der Ausfälle und der generellen finanziellen Lage schnell zur Existenzbedrohung wird. Ich bin aber von den meisten Kontakten, die ich vor allem regelmäßig sehe, vom Zusammenhalt sehr berührt und erstaunt, wie viel ehrenamtliches Engagement sich in dieser Notsituation auftut. Konkret gibt es Spenden- oder Crowdfundingaktionen, die Zusicherung neuer Engagements, Ausfallgagen trotz höherer Gewalt (leider aber selten) und hoffentlich Unterstützung von Bund und Ländern. Musikindustrie…puh schwer.

Moritz Eisenach (Musikmaschine), Veranstalter

Die Musikindustrie ist in ihrer Gesamtheit stark gebeutelt und vermutlich kaum in der Lage zu helfen. Für Musiker und Komponisten hat die GEMA einen Nothilfefond aufgelegt, das unterstütze ich total. Wir als Veranstaltungsagentur haben uns auf die staatlichen Hilfsprogramme konzentriert.

WIE JEDER EINZELNE JETZT HELFEN KANN

Hanne Kah, Band

Wir brauchen nun viel Support auf unseren Social Media Plattformen und eben auch möglichst viele Zuschauer auf unserem Y Portal, um möglichst viele Künstler und uns selbst auch in Erinnerung zu rufen und aufzuzeigen, wie wichtig Kultur & der Zusammenhalt zwischen Generationen in unserer Gesellschaft ist. Zusätzlich hilft es uns natürlich, wenn unsere Fans unser Merch kaufen und uns damit unterstützen. Dies gilt denke ich für alle Bands und Musiker*Innen.

Psycho Jones, DJ

Im Prinzip geht es sicher vielen Fans & Gästen ähnlich wie mir. Jobs in kreativen Bereichen, in Gastro, Nachtleben, Theater, Kunst, Handwerk, Verkehrswesen usw. brechen weg. D.h. diese Leute haben ebenfalls arge finanzielle Probleme. Da fällt es mir schwer, um Spenden zu bitten.
Ich werde auf jeden Fall über mehrere Kanäle versuchen, mein Publikum zu erreichen. Über meine Webseite, Facebook, Instagram, Youtube, Mixcloud, Spotify. Ich habe bereits Playlisten zur Situation kuratiert & es kommen sicher noch mehr dazu. Zudem werde ich zuvor unveröffentlichte Showmitschnitte (DJ-Action, Bingoshows) einbinden und z.B. über Wetransfer an Supporter verschicken. Hier gibt es bereits ältere DJ Sets von mir zum Streamen. Außerdem werde ich eigene Musik meiner alten Band, als auch neue Aufnahmen zum Download einstellen, limitierte Goodie-Sets, CDs + Bonus, Surprise Bags in Auktionen versteigern. Live Streams / Podcasts sind auch geplant, jedoch keine reinen “Schau dem DJ zu” Insights. Dazu werde ich mein langjähriges Format “Psycho-TV” weiterentwickeln und Leseproben meines Buches “A Strange Love – Initials PJ” verschicken. Zudem habe ich eine GOFUNDME Kampagne gestartet. Jeder der mir auf diesem Weg hilft oder was spendet, bekommt im Gegenzug etwas zurück.
Doch das Wichtigste: Bleibt alle gesund & positiv. Behaltet Euren Mut & die Kreativität. Darauf kommt es nun umso mehr an. Keiner weiß, wie lange das Ganze dauert & wie es danach weitergeht. Viel Kraft für alle!

Melody Connor (Jettes), Band

Nichts, was man sonst nicht auch tun könnte um Künstler zu unterstützen – egal ob Krise oder nicht. Legt Euch nen Bandcamp Account an und kauft Merchandise wenn ihr es euch leisten könnt. Auf diesem Weg geht die meiste Asche direkt auf das Konto deiner Lieblings-Künstler. Wenn dir jemand wirklich am Herzen liegt, langt Spotify-Streaming einfach nicht. Zudem ist Bandcamp das beste was es gibt.

jettes.bandcamp.com / melodyconnor.bandcamp.com

Kerstin Haberecht, Saxophonistin, Leiterin der Jazzabt. der Musikschule Ingelheim und mit im Vorstand von JAZZ RLP – Landesverband für Jazz in Rheinland-Pfalz

Man kann spenden, sich in Hilfskampagnen engagieren, unsere Musik rauf und runter hören, unsere Musik / Merch am besten so direkt wie möglich bei uns kaufen, sich für bessere Zeiten engagieren, sich – sofern nicht geschehen- in unsere Newsletter eintragen oder unsere Social Media Seiten liken und vor allem gut auf sich aufpassen! Stay at home!

Moritz Eisenach (Musikmaschine), Veranstalter

Wir bieten momentan Gutscheine für die Zeit danach an. Wer uns helfen will, kann das unter www.musikmaschine.net/corona-hilfe gern tun.

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