Wie geht es der Musikszene in Mainz und wie kann man sie jetzt unterstützen? (Teil 1/3)

Foto: Stephan Dinges

Wir haben mit Labels, Clubs, Veranstaltern und Musiker*Innen über ihre derzeitige Lage während der Coronazeit gesprochen und sie gefragt, was jeder Einzelne jetzt tun kann, um sie zu unterstützen.

Da uns recht viele geschrieben haben und wir gerne alle zu Wort kommen lassen wollen, wird dies ein dreiteiliger Artikel. Teil 2 und 3 werden in den nächsten Tagen veröffentlicht. Zusammenfassend haben sich unzählige Spenden/Gutschein-Aktionen in Mainz herausgestellt, an denen man sich beteiligen kann: z.B. Rettet die Popkultur RLP, Kultur-Akut-Mainz, Mainz.help oder auch private Initiativen in der Region, wie die für das Willys in Mainz oder das Cafe Vinyl in Wetzlar.

DIE DERZEITIGE SITUATION

Marko Mebus, Trompeter, Komponist, Dozent

Mir geht es ganz gut. Habe in den Wochen vor Beginn des Shutdowns extrem viel gemacht, unter anderem drei Produktionen (davon zwei mit
eigenen Formationen) im Studio aufgenommen und wie immer viel an mir und meinem Produkt rumgedoktert – alles am Rande des Burnout, um ehrlich zu sein. Als die Auftritte, Coachings, Probenleitungen und Dozentenjobs von mir wegbrachen, war ich zunächst vergleichsweise gelassen. Habe mehrere Jahre gespart und gut gewirtschaftet, also kann ich eine Weile ausharren. Allerdings ist natürlich ein Großteil meines Einkommens weggebrochen und die Zukunft meiner Tätigkeitsfelder ist vielfach ungewiss. Ich nutze die Zeit bisher um mich zu erholen, neu zu sortieren und an meiner Musik zu arbeiten, wobei ich das Musikmachen, Proben und Auftreten mit meinen Projekten und alles andere sehr vermisse. Den Unterrichtsbetrieb kann ich als Provisorium online fortführen, das kann allerdings auf Dauer nicht die “echten” Stunde ersetzen.

Foto: belleisart

Michael Goldmann, Bassist (u.a. mit Sinu), Komponist, Musiklehrer

Aktuell sind alle Auftritte bis Ende April und größere, öffentliche Veranstaltungen auch schon bis in den Juni hinein abgesagt. Da ich gerade im Sommer mein Geld mit Gigs im Dienstleistungssektor verdiene, ist das natürlich ein enormer Ausfall. Im Herbst stehen auch wieder Touren an und ich hoffe, dass das bis dahin wieder möglich ist. Musikschulen sind ebenfalls geschlossen, aber hier kann ich zumindest mit Online-Unterricht einen Teil fortführen und immerhin eine Einkommensbasis schaffen.

Simon Höneß, Pianist

Alle Auftritte für März, April und Juni sind bereits abgesagt worden, mit Hinweis auf „Höhere Gewalt“ bzw. „Wegfall der Geschäftsgrundlage“ ohne jegliche Stornozahlung. Der häufig erwähnte Hinweis, die Veranstaltung solle zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden, hilft uns wenig, denn ein zukünftiger Termin wäre ja eh anderweitig gebucht worden (alle wollen ja immer Freitag/Samstag veranstalten), und auch die vollständige Verfügbarkeit in der gebuchten Besetzung wäre für einen zukünftigen Termin nicht garantiert. Es besteht eine rechtliche Unsicherheit bei Stornos von Terminen, die außerhalb der behördlichen Einschränkungen liegen, welche bisher ja nur bis 19. April gelten. Kann ein Veranstalter mit Hinweis auf „Corona“ einen Termin absagen, der am 30. Mai oder 15. Juni gewesen wäre? Unabhängig von juristischer Klärung wäre das Fordern von Stornogebühren zwar womöglich machbar, würde den Kunden für die Zukunft jedoch vergraulen. Dabei will ich nicht vergessen, dass natürlich auch einige dieser Kunden womöglich gerade aufgrund von Corona in der finanziellen Krise stecken! Das wird ja quasi nach unten durchgereicht: BMW storniert Großveranstaltung bei Agentur > Agentur storniert alle Dienstleister (Musiker, Catering, Location etc.) … diese Schritte sind von der Begründung „Corona“ gedeckt! Wenn aber der Musiker dann seine Miete oder den Einkauf bei Aldi nicht bezahlen kann, kann er sich plötzlich nicht mehr auf Corona berufen, obwohl es unmittelbar damit zu tun hat! Und selbst wenn der Vermieter Verständnis hätte, würde er, wenn er deshalb den Immokredit bei der Bank nicht mehr bezahlen kann, das Haus an die Bank verlieren … es ist schlicht eine KATASTROPHE!

Hermann Junglas (Reduit), Veranstalter

Nach über 20 Jahren sind wir relativ krisenfest und als Verein bedeutet das Veranstalten nicht Broterwerb. Im Lauf der Jahre sind wir etwas krisenfester geworden und haben Sicherheit aufgebaut, denn bei der Klimaentwicklung kann es einem genauso passieren, das z.B. das Riverside Open Air noch am selben Tag abgesagt wird. Und dann? Flüge bezahlt, Hotels gebucht und die angereisten Künstler kann man auch nicht ohne Geld eben mal nach Hause schicken. Anfang März wurde uns klar: Das mit Corona geht jetzt erstmal nicht gut aus. Wir haben mit den Bands gesprochen und übereinstimmend die ersten Konzerte abgesagt. Gleichzeitig haben wir den Bands Nachholtermine zugesichert. Alle Beteiligten waren absolut solidarisch und teilten unsere Befüchtungen, die sich leider auch bewahrheiteten. Mittlerweile haben wir auch unser Flaggschiff, das Riverside Stomp abgesagt und auch der Juni wackelt merklich. Natürlich haben wir schon Geld ausgegeben für die Veranstaltungen, die nicht stattfinden. Ausserdem fliegen Förder- und Sponsorengelder weg. Das tut weh. Aber wir sind noch safe.

Wieland Wittmeier (Caveau), Veranstalter

Derzeit ist alle stabil. Da der Laden im Frühjahr die Rücklagen für den Sommer bildet, wurden diese verbraucht. Allerdings ändert sich die Situation recht bald und irgendwann demnächst rutschen wir dann in die Miesen. Unsere Kreditlinie ist aber gut genug, um nicht kurzfristig Probleme zu bekommen. Genau wie mein Laden, lebe ich von der Reserve, bzw. vom Gehalt meiner Frau.

Ersin Akgül (Wir sind Verboten u.a.), Veranstalter, Booker, Künstleragentur

Diese Pandemie trifft uns in mehreren Bereichen, die man alle einzeln betrachten muss. 1. Unsere Veranstaltungen: Wir mussten vier unserer Veranstaltungen in verschiedenen Städten/ Ländern auf unbestimmte Zeit verschieben, drei andere sind im Moment noch in der Schwebe. Wir hatten aber das Glück, wenn man von Glück reden kann, dass wir Mitte Februar schon auf die jetzige Situation reagiert haben, weil mir internationale Aufträge für den Sommer wegen dem Corona-Virus abgesagt worden sind und wir sicherheitshalber angefangen haben, alle Veranstaltungen umzustrukturieren und Verträge so umzuändern, dass wir ohne große finanzielle Verluste schnell reagieren konnten. Das es so ein großes Ausmaß annimmt war uns aber völlig unklar. Wir sind im engen Kontakt zu den Venues und Künstlern, bewerten die Situation von Tag zu Tag neu. 2. Booking: Das Booking steht im Moment komplett still, weil wir durch die Ungewissheit weder Anfragen für Künstler reinbekommen, noch selbst anfragen für Clubs und Festivals stellen können. Unsere kurz vor dem Announcement stehende, neue Booking-Agentur in Kooperation mit einer großen spanischen Agentur wurde erstmal bis auf unbestimmte Zeit verschoben. Unser Launch-Event in Barcelona wurde erstmal abgesagt, bis wir die Situation besser bewerten können. 3. Künstler, Management & Consulting: Das ist der schwierigste Part. Bei elektronischer Musik und bis zu einer gewissen Größenordnung finanziert man sich hauptsächlich durch Live-Auftritte. Da alle Gigs in den nächsten 1-2 Monaten abgesagt worden sind oder kurz davor stehen, fehlen fast 100% der Einnahmen, jedoch laufen die Fixkosten wie Wohnungsmiete, Studiomiete, Krankenversicherung, Finanzierungen etc. weiter. Das trifft vor allem die Künstler, die das hauptberuflich machen. Da die meisten Künstler leider keine riesigen Gagen bekommen und/ oder einen großen Teil davon wieder im Ihre Karrieren und neuen Projekte reinvestieren, haben die Meisten kein finanzielles Polster. Wir sind quasi stündlich auf der Suche nach Möglichkeiten diese Zeit zu überbrücken, halten uns gegenseitig auf dem Laufenden und sind für Jeden da der sich noch so tief in die Materie eingearbeitet hat.

WIE GEHT’S WEITER?

Marko Mebus, Trompeter, Komponist, Dozent

Das frage ich mich auch! Zunächst hoffe ich auf baldige Hilfen für die Kulturszene, sicher sind einige dabei, die gerade von einem kleineren Puffer, wenn überhaupt vorhanden, zehren. Man muss sich vorstellen: Die Jazzszene, der ich angehöre, funktioniert in großen Teilen auch ohne Krise auf dem absoluten Minimum an Geld, vieles ist ehrenamtlich, die Gagen sind in der Überzahl so klein, dass die meisten Künstler andere Betätigungsfelder haben um sich und diese Auftritte gegenzufinanzieren. Wie ein Fliesenleger, der nebenher noch gärtnert um seinen eigentlichen Job ausführen zu können. Völliger Wahnsinn, für uns aber Alltag – und ein Opfer, dass wir bereit sind einzugehen um der Tätigkeit, die wir innig lieben, nachzugehen. Mit der Krise brechen den meisten Kollegen diese wackligen “Standbeine” nun vorerst weg. Viele sind rein freiberuflich unterwegs und werden nicht durchbezahlt, stehen vor dem Nichts, trotz abgeschlossenem Studium. Außerdem ist interessant, inwiefern die Infrastruktur, die an all den Auftritten hängt, ich nenne beispielsweise Bühnentechniker, Veranstalter, Licht- und Tontechniker, Clubbesitzer, Musikinitiativen und so viele mehr, diese Krise überleben werden. Hier wird besonders deutlich mit welch dünnem Garn diese Musiklandschaft gestrickt ist, ohne große Förderung und mit oft zahlungsunwilligem Publikum. Nochmal: Die allermeisten Kolleginnen und Kollegen arbeiten für so wenig Geld, dass die Bildung eines wirklichen Puffers nicht möglich war und von dem man nun zehren könnte.

Meine Existenz ist nicht unmittelbar gefährdet, ich habe eine kleine
Anstellung an einer städt. Musikschule deren Gehalt fortläuft, außerdem
hat die Frankfurter Bigband, welche ich leite, beschlossen, mir
Ausfallgagen zu zahlen und mich solidarisch zu unterstützen, was mich
fast zu Tränen gerührt hat.

Michael Goldmann, Bassist, Komponist, Musiklehrer

Es ist gerade nicht wirklich einfach für die Zukunft einen Plan zu machen. Ich will mich für einen Master im Wintersemester bewerben und bin mal gespannt, wie sich die Lage in den Unis entwickelt. Auch versuche ich, die Zeit kreativ zu nutzen und mich mehr als Studiomusiker einzubringen.

Foto: Thomas Pirot

Simon Höneß, Pianist

Kein Veranstalter bucht derzeit für den Herbst, weil die Entwicklung nicht absehbar ist … weil die finanzielle Situation des Veranstalters nicht absehbar ist … Kleine Kulturbetriebe werden dicht machen müssen. Viele Musiker müssen jetzt schnellstens in andere Jobs wechseln samt Unsicherheit, ob sie je wieder in den Kulturbetrieb einsteigen können.

Hermann Junglas (Reduit), Veranstalter

Wir planen bereits Post-Corona: 1.) Erstmal alle gesund bleiben 2.) Schauen, was der Beruf jedem Einzelnen zusätzlich abfordert und was wir raschestmöglich weider aufbauen können. 3.) Schauen, wie es dem potenziellen Publium geht (Angst auszugehen oder heiß drauf?) 4.) Nach der Krise wird manch einer ärmer sein, Kurzarbeit, Job vielleicht ganz weg. Wie wird unser Angebot aussehen, dass es sich trotzdem jeder leisten kann? 5.) Das Booking so flexibel halten, dass wir verschieben und umplanen können. Ihr merkt schon, wir haben das Tal der Tränen schon fast hinter uns und schauen nach vorn. Da ist zwar Einiges ungewiss, aber wir sind optimistisch. Und wir sind ganz unverfroren und sagen: Wir kommen wieder, wenn auch vielleicht ein wenig durchgerüttelt.

Wieland Wittmeier (Caveau), Veranstalter

Die 1000$ Frage. Erstmal geht es in die Schulden. Und das schnell! Die Fixkosten für den Laden und die Löhne laufen weiter. Außerdem natürlich die privaten Ausgaben, wie Krankenkasse, Wohnkosten, Lebensmittel usw. Alles hängt jetzt von der Dauer der Krise ab. Sehr schwierig wird die Situation, falls wir erst im Hochsommer wieder öffnen können, weil wir dann keinerlei Rücklagen für die ruhige Zeit im Sommer haben. Die staatliche Hilfe von bis zu 9.000€ beantrage ich natürlich, aber die reicht sicherlich nicht weit. Den Rest muss ich dann über Schulden finanzieren. Die Schwierigkeit von hohen Krediten ist für kleine Unternehmen vielseitig. Sollten unverhergesehene Ausgaben kommen, wird es existenzgefährdend.

Ersin Akgül (Wir sind Verboten u.a.), Veranstalter, Booker, Künstleragentur

Das Positive ist, dass wir jetzt unfreiwillig noch mehr Zeit in die Vorbereitung der verschiedenen Projekte stecken müssen und können so, wenn das Ganze vorbei ist, stärker zurückkommen als je zuvor. Einige Konzepte und Planungen werden wir anpassen müssen, da ich mir sehr gut vorstellen kann, dass die Einreise in Länder außerhalb der EU das ganze Jahr lang schwieriger sein wird. Große Amerika-, Asien- oder Australien-touren wird es eventuell in den nächsten zwei Jahre nicht mehr geben. Das heißt wir werden uns viel mehr auf unseren eigenen Markt konzentrieren, Das Standing unserer Brands und unserer Künstler hier stärken und zu unseren Veranstaltungen wieder vermehrt nationale Künstler buchen. Zudem werden wir unsere Zusammenarbeit mit dem Freud Club in Frankfurt und anderen Partnern noch weiter ausbauen und ein Musiklabel gründen. Außerdem wollen wir die Sparte für Visuelles besser vermarkten und sind seit einiger Zeit in der Gründung eines Modelabels. Klingt alles ziemlich viel, ich weiß, aber wir haben auch ein krasses und unfassbar kreatives Team.

UNTERSTÜTZT DIE MUSIKINDUSTRIE?

Marko Mebus, Trompeter, Komponist, Dozent

Gegen Vorlage eines Wahrnehmungsvertrages unterstützt die GVL (soweit
ich weiß) einmalig mit einem Betrag, diesen Vertrag muss man dann aber auch haben. Veranstalter und Bandleader werden genug damit zu tun haben, ihren eigenen Betrieb zu erhalten, Ausfallgagen sind dahingehend größtenteils unwahrscheinlich, oft unmöglich. Die Musikhochschule, bei der ich vorletzte Woche als Dozent einer Arbeitsphase tätig geworden wäre,
stellt ebenfalls keine Ausfallgage in Aussicht. Mich hat von Seiten der Veranstalter bisher nur das Versprechen erreicht, die Auftritte nachzuholen. Allerdings wird man ja nicht im kommenden Jahr einfach doppelt so viele Gigs veranstalten können (…). Grundsätzlich ist nicht zu erwarten, dass wir Musiker in irgend einer Form etwas nachholen werden können, was uns in dieser Zeit abhanden kommt. Das macht jede Form eines Kredits, wenn auch zinslos, zum Grundstein eines späteren Existenzproblems und hilft nicht, sondern verschiebt nur das Problem. Ich hoffe, dass die versprochenen “unbürokratischen” Hilfen der Regierung das berücksichtigen. Ich persönlich hoffe, dass mein Erspartes kein Grund dafür sein wird, dass ich keine Hilfen erhalte. Ich lebe günstig in dem Ziel, zukünftig Geld investieren zu können und für etwaige Ausfälle, auch wenn ich mal länger krank sein sollte, selbst kompensieren zu können, schließlich bin ich ja größtenteils mein eigener Arbeitgeber. Auch wenn ich mich so gerade selbst auffangen kann, habe ich wie jeder andere auch gerade große Verluste zu verzeichnen und hoffe nicht für meine Lebensweise bestraft zu werden.

Michael Goldmann, Bassist, Komponist, Musiklehrer

Da die Musikindustrie selbst ja hart getroffen ist, erwarte ich eigentlich mehr Hilfe vom Bund. Allerdings sieht es in Rheinland-Pfalz eher mau aus, da sie das Land an die Hilfen des Bundes hängen (viele andere Bundesländer haben individuelle Hilfsangebote) und diese wohl, nach aktuellem Stand, zu einem bürokratischen Monster werden könnten. Aktuell rechne ich daher leider mit nich all zu viel Unterstützung.

Wieland Wittmeier (Caveau), Veranstalter

Die Gema hat uns die Beiträge für die Zeit der Schliessung erlassen. Bin gespannt, ob es da eine Gutschrift gibt. Das zweite Quartal ist da ja schon bezahlt. Die Musikindustrie ist abgetaucht. Bin mir aber sicher, von denen wieder was zu hören, wenn es für die wieder was zu verdienen gibt. (Wäre ja z.B. schön, wenn wir während der Zeit der Schließung streamen dürften). Die Getränkeindustrie zieht jetzt teilweise Werbekostenzuschüsse vor, um uns bei der Liquidität zu helfen. Man darf aber hier auch nicht vergessen, dass unsere Händler ähnlich stark wie wir leiden.

Simon Höneß, Pianist

Da müsste man erst mal klären, was mit „die Musikindustrie“ gemeint ist. Kleine Hilfen (250-500 €) werden von GVL und Orchesterrat angeboten, allerdings gekoppelt an größere Bürokratie und teils einer eidesstattlichen Erklärung, keine Rücklagen zu haben.Von der GEMA ist etwas angekündigt. Das mit den Rücklagen gilt auch für die staatlichen Hilfen. Ein Witz!! Diese Rücklagen sind – sofern überhaupt vorhanden – die Altersvorsorge. Wenn wir die jetzt Abschmelzen, verschieben wir das Problem auf später. 

Inzwischen habe ich von meiner Steuerberaterin die Einschätzung erhalten, dass ich (und die allermeisten meiner Kollegen) vermutlich keinen Cent aus den angekündgiten Hilfen sehen werden, da sie nur zur Deckung von Liquiditätsausfällen verwendet werden dürfen, also nur zur Deckung von Betriebskosten (Mietkosten Geschäftsräume, Leasingraten etc.). So etwas haben wir soloselbständigen Musiker aber nicht! Wir haben ein Instrument, mit dem wir zuhause üben (evtl. mal nen Proberaum). Wir haben ein Auto, was privat und geschäftlich genutzt wird, um zu Auftritten zu kommen. Unsere laufenden Geschäftskosten sind schlicht und einfach unsere laufenden Kosten als Mensch, ohne deren Deckung es den Mensch, und somit den Musiker nicht gäbe!

Ersin Akgül (Wir sind Verboten u.a.), Veranstalter, Booker, Künstleragentur

Es gibt die Möglichkeit, bei der Gema eine Vorauszahlung für künftige Ausschüttungen in den Live- und Wiedergabesparten zu beantragen. Außerdem hat die Gema einen Corona-Hilfsfonds erstellt, bei dem Härtefälle eine einmalige Übergangshilfe beantragen können. Die Künstlersozialkasse bietet auch kleine Möglichkeiten der Unterstützung. Vorraussetzung bei beiden: man muss Mitglied sein. Viele große Firmen und Plattformen bieten im Moment an, ihre Reichweite zu nutzen, um auf die jetzige Situation aufmerksam zu machen. Meistens in Form von Live-Streams aus verschiedenen Venues oder aus dem Schlafzimmer des jeweiligen Künstlers. Und es gibt einen starken Zusammenhalt in der Szene. Kollektive, Clubs und Künstler promoten und unterstützen sich gegenseitig und sorgen so für mehr Reichweite und Aufmerksamkeit.

WIE JEDER EINZELNE JETZT HELFEN KANN

Marko Mebus, Trompeter, Komponist, Dozent

Die größte Hilfe, die ein Einzelner uns gerade entgegenbringen könnte, wäre, unsere Produkte zu kaufen und weiterzuempfehlen. Kunst ist ein
wunderbarer Begleiter durch die Quarantäne und macht Appetit auf die
Auftritte nach der Krise, die wir mit enormer Leidenschaft angehen
werden! Viele Bands haben auf Onlineplattformen außerdem die
Möglichkeit eingerichtet, exklusive Inhalte und/oder unveröffentlichte
Aufnahmen gegen faire Beträge abrufen zu können. Jeder Euro in Richtung
der Kunstschaffenden hilft. Darüber hinaus haben wir die Hoffnung, dass dieser Notstand daran erinnert, dass auch wir Mieten zu zahlen und Brot zu kaufen haben. Bitte denkt daran, wenn ihr nach der Krise euren Teil in den Spendenhut werft, wenn ihr euch überlegt, ob euch das Konzert ‘nen Zwanziger wert ist und feiert die Musiklandschaft mit uns. Es wird eine tolle Zeit werden, wenn dieses Bewusstsein in den Köpfen der Leute ankommt.

Michael Goldmann, Bassist, Komponist, Musiklehrer

Wer helfen will, sollte sich überlegen, CDs und Merch der Künstler zu kaufen und die Musik auch gerne teilen. Der Onlinevertrieb ist aktuell ja mehr oder weniger die einzige Einnahmequelle für viele Musiker. Wenn euch was gefällt, empfehlt es weiter! Einige Musiker nutzen auch Plattformen wie Patreon und kreieren Content für ihre Unterstützer. Auch das ist eine gute Möglichkeit.Wenn ihr Konzertkarten für abgesagte Konzerte gekauft habt, wäre es eine Überlegung, die Karte nicht zurück zu geben und den Eintrittspreis zu “spenden”. Für Instrumentalisten wie mich gilt auch: Wer Unterricht möchte, hat jetzt die Möglichkeit, da die Zeit vorhanden ist. Also wenn ihr jemanden kennt, bei dem ihr gerne mal Unterricht haben wollt, nutzt die Gelegenheit. Über Dienste wie Skype, Zoom etc. gibt es da viele Optionen. Und zu Abschluss: Sobald es wieder möglich ist, geht auf Konzerte! Nutzt Kulturangebote und kauft auch mal Merch oder CDs vor Ort direkt bei der Band.

Simon Höneß, Pianist

Die Musiker kontaktieren und Spenden anbieten. Es ist das Einzige, was hilft. Ganz konkrete Spenden an ganz konkrete Musiker. Nicht über Portale oder Organisationen, sondern ganz unmittelbar direkt. Als Auswahlkriterium kann vielleicht gelten, welche Musiker man in den letzten Jahren gehört oder gemocht hat.

Hermann Junglas (Reduit), Veranstalter

Wenn wir wieder loslegen, am Besten mit Öffentlichkeit herstellen. Gute Tipps für Öffentlichkeitsarbeit nehmen wir gerne an. Gilt natürlich auch umgekehrt, wenn wir in irgendeiner Form helfen können. In diesem Sinne wünsche ich Euch, Euren Angehörigen und Freunden Gesundheit, Geduld und das notwendige Quentchen Optimismus. Das wird rumgehen!

Wieland Wittmeier (Caveau), Veranstalter

Uns nicht vergessen! Veranstaltungslokale, Clubs, Bars und Diskotheken werden sicherlich zu den letzen Betrieben gehören, die wieder öffnen dürfen. Es wäre schön, wenn dieses Jahr unsere Gäste auch bei tollstem Sommerwetter bei uns feiern würden!

Für uns Clubs wünsche ich mir mehr Solidarität als sie während des
Schliessungswochenendes vorhanden war, wo einige Läden aus Einsicht
geschlossen hatten, während andere Läden dankbar unsere Gäste
eingesammelt haben.

Ersin Akgül (Wir sind Verboten u.a.), Veranstalter, Booker, Künstleragentur

Falls ihr von der aktuellen Situation nicht so sehr betroffen seid, dann unterstützt bitte eure Lieblingskulturstätten und Clubs. Rund um die Uhr gibt es mehrere Live-Streams, die oft einen Spendenlink haben. Kauft Merch und Tickets für die nächsten Events von Künstlern, Clubs und Veranstaltern und falls ihr bereits ein Ticket für eine verschobene Veranstaltung habt, dann gebt das Ticket nicht direkt zurück, sondern nutzt es für die nächste Veranstaltung. Falls ihr nicht die finanziellen Mittel dazu habt, dann reicht es, wenn ihr die Beiträge und Streams liked, kommentiert und teilt, um mehr Aufmerksamkeit zu schaffen. Ohne Kulturstätten, Clubs und Künstler gäbe es uns Agenturen und Veranstalter nicht, deswegen sorgt bitte dafür, dass diese erhalten bleiben und wenn das alles vorbei ist, versteckt euch nicht Zuhause sondern besucht eure Lieblingslocations und Veranstaltungen. Feiert jede Woche so ausgelassen als gäbe es kein Morgen mehr, damit wir sehen, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen und wir alles richtig gemacht haben. Was auch immer gut tut, schreibt uns einfach, dass ihr an uns denkt und wir nicht in Vergessenheit geraten. Wir werden gemeinsam stärker aus dieser Situation kommen. Bei Fragen & Unklarheiten, kann man sich gerne bei uns/mir melden.

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