Mine: “Vor allem ist es wichtig, die Stimme zu erheben und sie zu nutzen.”

Foto: Simon Hegenberg

Ihre Deutschlandtour geht in diesen Tagen zu Ende. Doch Mine, die dieses Jahr auf allen Ebenen erfolgreich war, lehnt sich nicht zurück. Im Interview mit ihr reden wir u.a. über female empowerment und ihr Engagement zur Crowdfunding Kampagne für die Bürger*innenversammlung im Berliner Olympiastadion am 12. Juni 2020. Bei Interesse, kann man diese Kampagne noch bis zum 24.12. unterstützen.

Fauves: Liebe Mine, im Dezember läuft der zweite Teil deiner Klebstoff-Tour. Den ersten Teil hast du ja bereits im Mai gespielt, größtenteils in ausverkauften Hallen. Deshalb in altbewährter Manier des nahenden Jahresendes zum Einstieg eine klassische Talkrunden-Frage: Wie fühlst du dich nach so einem erfolgreichen Jahr? Und was hast du dabei (vielleicht auch über dich selbst) gelernt?

Mine: Ich fühle mich natürlich großartig! Ich bin total froh, dieses Jahr erleben zu dürfen. Das war einfach total abgefahren. Ich kann immer noch nicht fassen, wie viele Menschen auf den Konzerten waren. Das ist total irre. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass gar kein so großer Unterschied ist, wie viele Menschen zum Konzert kommen, sondern immer nur, wie das Feeling beim Konzert ist. Also, ich bin natürlich sehr, sehr dankbar dafür [dass so viele Menschen zu den Konzerten kommen, red.], aber es ist auf jeden Fall keine Voraussetzung dafür, dass ich Musik mache.

F: Du hast in einem Interview mit minutenmusik im April davon gesprochen, dass es schon kurz nach Release des Albums „Klebstoff“ große Resonanz und Konzerttermine in viel größeren Venues als vorher gab. Was hat sich dadurch in Bezug auf die Stimmung und die Interaktion zwischen dir und deinem Publikum bei den Konzerten verändert?

M: Ehrlich gesagt hat sich gar nichts verändert, es sind einfach nur mehr Menschen dazu gekommen!

F: Im Dezember hast du auf der Tour ein neues Songbuch für Piano und Stimme inklusive Backings mit ausgewählten Songs aus deinen bisherigen Veröffentlichungen dabei. Wieso hast du dich dazu entschieden so ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen?

M: Naja, ich habe halt sehr oft sehr viele Anfragen für Sheets und Noten bekommen, damit Leute das nachspielen können. Ich verschicke die eigentlich auch immer so, aber das ist halt nicht so notiert, dass das jeder chillig lesen kann. Das ist eher für die Band gemacht, ohne Lead-Stimme und so weiter. Ich habe irgendwie gedacht, das wäre doch ganz schön, wenn ich das mal so mache, dass man das besser lesen kann. Aber es ist halt schon sehr, sehr, sehr viel Arbeit und deswegen dachte ich, dann mache ich das als special goodie, so um Weihnachten rum, und verkaufe das dann als Songbuch.

F: Im Songbuch finden sich die Titel Anker, Der Mond Lacht, 90 Grad, Pusteblumenfeld, Raus Raus Raus, Klebstoff und Ziehst Du Mit. Wie bist du bei der Entscheidung, welche Songs in das Buch aufgenommen werden, vorgegangen?

M: Ich habe einfach überlegt, was denn überhaupt möglich ist mit Klavier zu spielen. Weil ich glaube, viele Songs sind einfach nicht so spannend auf dem Klavier zu spielen. Und dann habe ich auch überlegt, welche Songs die Leute gerne als Noten haben wollen. Dazu habe ich eine Umfrage auf Instagram gemacht. Und dann habe ich überlegt, was mich gerade inspiriert, wo ich Ideen habe, das irgendwie umzusetzen. So mache ich es beim Orchesterprojekt eigentlich auch immer.

F: Du nutzt deine Reichweite in den sozialen Medien unter anderem dazu, dich für verschiedene gesellschaftspolitische Themen einzusetzen bzw. auf Missstände aufmerksam zu machen (was ich persönlich super finde!). Beispielsweise hast du im vergangenen Sommer angeprangert, dass verschiedene Festivals viel zu wenige weibliche Acts in ihrem Programm haben. Welche Reaktionen bekommst du, wenn du zum Beispiel in deinen Stories für Themen wie Feminismus (besonders in der Musikbranche) einstehst? Und wie gehst du mit eventuellen Hate-Reaktionen um?

M: Ich bekomme total viele Reaktionen, aber tatsächlich sind die meisten sehr positiv. Ich lebe natürlich auch in meiner eigenen Blase und die Menschen, die mir auf Instagram, Facebook oder Twitter folgen, sind Menschen, die sowieso eher meine Meinung teilen, als sie abzulehnen, glaube ich. Weil ich mich ja schon sehr, sehr lange dahingehend geäußert habe. Zum Beispiel gegen Diskriminierung habe ich mich schon länger eingesetzt. Ich glaube, dass Leute, die da eine ganz andere Meinung hätten, in diesen Zug gar nicht eingestiegen wären. Deshalb bekomme ich eigentlich fast nur positive Reaktionen. Und mit den paar negativen Reaktionen, die ich bekomme, kann ich eigentlich auch ganz gut umgehen. Ich lasse mich dann meistens auch auf eine Diskussion ein und schreibe auch manchmal länger mit Menschen, die mit mir in eine Diskussion gehen wollen. Ich denke generell, dass es voll gut ist, wenn jemand bereits ist zu diskutieren und habe da bisher wenig Beleidigungen erlebt, sage ich mal. Und die meisten, die beleidigend rüber schwappen, die sind vor allem da, wenn neutrale Medien über die Situation berichten. Also wenn das dann die breite Masse anspricht. Aber in meiner Blase ist irgendwie alles schön [lacht].

Foto: Simon Hegenberg

F: Hast du einen Tipp, wie ich mich als Hörer*in für female empowerment im Musikbusiness einsetzen bzw. wie ich weibliche Artists abseits von Plattenkäufen unterstützen kann?

M:  Ja, auf jeden Fall! Es gibt jede Menge Möglichkeiten. Ich glaube, in erster Linie wäre es cool, auf sich selbst und sein eigenes Konsumverhalten zu achten. Vielleicht zu versuchen, dass es ausgeglichen ist [zwischen weiblichen und männlichen Acts, red.]. Geschmack ist auch nur Hörerfahrung. Und ich glaube, wenn man sich mit fast nur männlichen Stimmen füttert, ist man weiblichen Stimmen gegenüber einfach sehr viel kritischer. Man kann auch im eigenen Umfeld weibliche Acts empfehlen, man kann Playlisten zusammenstellen mit weiblichen Stimmen. Man kann Veranstalter darauf aufmerksam machen, dass man sich weibliche Acts wünscht und diese auch direkt verlinken, damit die Veranstalter auch sehen, dass das nicht so schwer ist, weibliche Acts zu finden, die man buchen kann [lacht]. Ich glaube, vor allem ist es wichtig, die Stimme zu erheben und sie zu nutzen und vor allem auch sich selbst anzugucken. Wie ist mein Konsumverhalten? Wie reagiere ich auf weibliche Acts?

F: Du bist Unterstützerin der Crowdfunding Kampagne für die Bürger*innenversammlung im Berliner Olympiastadion am 12. Juni 2020 (https://www.startnext.com/12062020). Kannst du kurz erzählen, warum du dich dafür entschieden hast, diese zu unterstützen, und wieso dir das geplante Event wichtig ist?

M: Ich habe mich entschieden, das zu unterstützen, weil ich glaube, dass das medial eine unglaubliche Aufmerksamkeit auf sich lenken kann. Und ich denke da nicht nur an Deutschland, ich denke auch an Europa. Ich glaube, dass das natürlich nicht der normale Querschnitt von allen Menschen ist, die sich da treffen. Aber ich glaube, dass man damit ein Zeichen setzen kann, dass man sehr viel erreichen kann. Ich glaube, wichtig ist wirklich diese Sichtbarkeit und auch, dass die Politik darauf reagieren muss, weil der gesellschaftliche Druck so groß ist. Und wenn ich mir überlege, dass beim letzten [globalen Klimastreik von, red.] Fridays For Future glaube ich 1,2 Millionen Menschen auf die Straße gegangen sind und immer noch nicht reagiert wurde, dann denke ich, man sollte nicht aufhören zu schreien, bis darauf reagiert wird. Da geht es für mich natürlich auch nicht bloß ums Klima, sondern auch um viele andere wichtige Themen, die da angesprochen worden sind. Als wir uns da alle zusammen getroffen haben, fand ich das sehr überzeugend. Und ich finde es super, dass Menschen ihre Zeit dafür opfern, sich für uns alle einzusetzen, damit die Welt noch bestehen bleibt, so wie wir sie auch genießen durften.

F: Das Vorhaben stößt ja durchaus auch auf Gegenwind. Unter anderem wird die Erschwerung der Zugänglichkeit durch den Eintrittspreis sowie die Wahl der Veranstaltungsstätte als Ort von politischem Aktivismus kritisiert. Wie begegnest du dieser Kritik?

M: Ich finde diese Kritik absolut nachvollziehbar. Ich finde es auch gut, dass man da in die Diskussion geht. Ich glaube, wenn man aktiv wird, kann man auch nicht alles auf dem Schirm haben und dann ist es vielleiht auch wichtig, dass man darauf aufmerksam gemacht wird. Ich muss in diesem Fall aber sagen, dass ich die Kritik schwierig finde. Man braucht eine Veranstaltungsstätte. Wenn man das woanders hin ausweitet, zum Beispiel auf das Tempelhofer Feld, dann ist das einfach eine unglaubliche Masse von Dingen, an die man denken muss. Man braucht eine gewisse Sicherheit, wenn so viele Menschen zusammenkommen. Man braucht öffentliche Toiletten. Man braucht Strom. Das ist nicht so einfach. Man kann das nicht einfach ausrufen und dann kommen 90.000 Leute auf einen Platz und alles wird gut. Gerade wenn man vorhat, eine mediale Aufmerksamkeit zu generieren, ist es wichtig, dass dieser Platz auch sicher ist. Und als kleine Gruppe muss man da auf Veranstaltungsstätten zurückgreifen, wo es eine Infrastruktur gibt, die man nutzen kann. Und das muss dann wiederum auch bezahlt werden, dabei ist Crowdfunding eine gute Möglichkeit. Und natürlich ist es dann nicht der Querschnitt aller Bürger*innen [,der zur Veranstaltung kommt, red.]. Aber trotzdem wird es viele Menschen geben, die Karten kaufen, verschenken oder verlosen. Außerdem wird das Ganze noch gestreamt werden. Das heißt, jeder, der nicht selbst im Olympiastadion ist, kann mit dabei sein und das umsonst im Internet streamen, mit abstimmen und Teil dieser Bewegung sein. Dafür muss man diese 30 Euro nicht ausgeben. Es gibt ja auch ganz viele Menschen, die nicht nach Berlin kommen können. Die werden natürlich gefühlt automatisch ausgeschlossen. Aber dadurch, dass sie das mit streamen können eben doch nicht, weil sie somit auch einen Teil dazu beitragen können, genau wie jeder andere, der in diesem Stadion ist auch. Und für mich geht es da persönlich erstmal auch um mediale Aufmerksamkeit, um Druck auf die Politik. Und das nicht bloß in Deutschland, sondern vielleicht auch in ganz Europa. Denn wenn das wirklich stattfindet, geht es so durch die Medien, dass man vielleicht auch andere Länder motivieren kann, sich dem anzuschließen. Deswegen halte ich das für wichtig, finde es aber trotzdem gut, wenn man in die Diskussion geht und kritische Punkte aufzeigt.

F: Und um den Bogen zu schlagen kommt hier zum Abschluss nochmal eine Talkrunden-Frage: Mine, was wird das Jahr 2020 für dich und deine Fans bereithalten? Gibt es schon Pläne? Oder ist bei dir erstmal Erholung angesagt?

M: Ne! Ich hab kein Bock auf Erholung [lacht]! Ich habe einiges geplant. Ich will auf jeden Fall das nächste Album schreiben. Ich bin nämlich gefühlt ein bisschen spät dran. Ich will das eigentlich noch bis Sommer nächsten Jahres fertig haben, sodass es vielleicht Anfang 2021 rauskommen kann. Aber da muss ich natürlich erstmal gucken, ob ich das alles schaffe. Es gibt noch andere Projekt, die nächstes Jahr stattfinden. Da freue ich mich hart drauf, aber das darf ich noch nicht verraten. Im Januar kann ich dazu auf jeden Fall schon mehr sagen. 

F: Tausend Dank für das Interview! Wir wünschen dir eine tolle Tour 🖤


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