Faber – “I fucking love my life”

Foto: Peter Kaaden

Faber ist exaltiert, Faber ist laut, Faber ist unangepasst, Faber zeigt Dir unverhohlen den Mittelfinger und eines ist klar: Du wirst es lieben. 

Der Schweizer hat sich zwei Jahre Zeit gelassen, um mit einer neuen Platte auf sich aufmerksam zu machen und das ist ihm definitiv gelungen. Sein Zweitwerk ist noch düsterer und deutlich experimenteller als sein Debütalbum, überrascht mit lyrischen Texten, die Dir und der Konsumgesellschaft schonungslos den Spiegel vorhalten. Zugleich sind seine Versatzstücke dermaßen intelligent geschrieben, dass Du Dich wunderst, wie jung dieser Teufelskerl noch ist. Die Musikszene ist begeistert, das Feuilleton sowieso und Du hoffentlich auch bald. 

Sein im November erschienenes Album I Fucking Love My Life ist aufgebaut wie eine Oper, ganz fabermäßig viel zu dick aufgetragen. Und so weisen Dir in der Ouvertüre melancholische Streicher den Weg zu dem Wahnsinn, der auf Dich eindreschen wird. Die Atmosphäre für die nächsten 50 Minuten ist somit geschaffen.    

Und dann ertönt sie endlich wie aus dem Off, Pollinas erstaunliche Stimme, die klingt, als hätte er bisher nichts Anderes gemacht als Kette zu Rauchen und Whisky zu tschechern.  

Faber scheut es nicht den unkonventionellen Weg zu gehen, er nimmt dich an die Hand, auf eine Reise unterschiedlichster Gefühlswelten. Musikalisch ist es eine Gradwanderung zwischen Piano-Balladen und Folk, untermalt mit vielen fetten Bläsern und sinnig eingesetzten Balkanbeats. Hinzu kommen spanisch angehauchte Gitarrenriffs oder auch Mal ein ausgiebiges Saxophonsolo. Das alles klingt überwältigend, aber nie overproduced. Und hierin wird, nein, hierin muss der Erfolg liegen. 

Foto: Peter Kaaden

Auch die führenden Vertreter der deutschen Popkultur,  Jan Böhmermann und Olli Schulz, sind sich in ihrem Podcast Fest & Flauschig einig: an Faber kommst Du aktuell nicht vorbei. Der Showmaster bringt es ziemlich treffend auf den Punkt, wenn er meint: „Man muss sich so ein kleines bisschen durch ein Theatergefühl durcharbeiten. […] Und wenn man das erstmal geschafft hat, hat man sehr viel Spaß an den Texten. […] Wenn man drin ist, ist es wirklich fantastisch.“  

Julian Pollina ist ein unbequemes Album gelungen, gespickt mit bitterem Humor und einer bemerkenswerten Sicht auf unseren Zeitgeist. Viele Textzeilen wirst du erst nach abermaligem Hören gänzlich verstehe und bloß  Fans erster Stunde werden die vielen Verweise auf den Vorgänger bemerken. Zudem weiß Faber sich richtig in Szene zu setzen, denn bereits jetzt, gerade am Anfang einer wohl großen Karriere, gibt er sich als den unnahbaren Rockstar. Er hat seine Rolle gefunden, die zu seinem “Theater“ passt. Auf dem Albumcover steht er da, ganz in weiß-gold, wie der Messias, um die Schultern locker-lässig einen übergroßen Designer Schal, der Benjamin von Stuckrad-Barre bestimmt vor Neid erblassen lässt. Um den Hals das Goldkettchen, in der Hand lässig die Schachtel Kippen, das Artwork sieht aus wie ein Paparazzi-Schnappschuss – es könnte die Titelseite eines Boulevardblattes sein, er schafft die perfekte Selbstinszenierung. Der 26-jährige hat das Spiel nicht nur verstanden, es scheint sogar, als hätte er es gerade neu erfunden. Faber ist abgrundtief sarkastisch und liebt die Überhöhung, er wird Dich an den jungen Johann Hölzel erinnern. 

I Fucking Love My Life ist eine Botschaft, ein Fingerzeig, ein gewaltiger Tritt in den Arsch des gefälligen Mainstream-Pop, der im deutschsprachigen Raum produziert wird. 

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