Kamil Ivecen spricht über sein neuestes Projekt F. Minthe, die Mainzer Kulturszene und den “Geist der Planke Nord”.

Mit seinen Brüdern Özgür und Veli betreibt Kamil Ivecen das Hintz und Kuntz, LeBonBon und bis vor kurzem das Lomo. Nun startet ein neues Projekt: F. Minthe, ein “Kulturgarten” am Zollhafen. Im Interview sprechen wir mit Kamil über seine Projekte, über seine Meinung zur Mainzer Kultur- und Musikszene sowie den “Geist der Planke Nord”.

Was steckt hinter dem Namen F.Minthe?

Kamil: F.Minthe, so heißt der Kran, der hinter mir steht. Als hier noch eine reine Baustelle war, ist mir direkt der Name des Krans aufgefallen. Den Namen fand’ ich gut, weil er einen Bezug zur Stadt herstellt – was uns schon immer sehr am Herzen lag. Mit den Namen unserer anderen Betriebe verhält es sich ähnlich. Das damalige Lomo heißt ausgeschrieben “Lounge Moguntia”. “Mogontiacum” ist der lateinische Name von Mainz. Alles hat eine chronologische Verbindung: Das Hintz und Kuntz sollte den deutschen Part unterstreichen. Der Name ist ein altes, deutsches Sprichwort. Mit LeBonBon nehmen wir Bezug auf die französische Zeitgeschichte in Mainz. Mit F. Minthe nehmen wir schließlich Bezug auf den Hafen, das Wirtschaftsleben und ganz spezifisch auf die Mainzer Familie F. Minthe. Alle Kräne, die hier stehen, sind denkmalgeschützt, sehen sehr schön aus – und den Namen fand’ ich einfach sau geil.

Foto: Victoria

Was für ein Ort soll das hier sein?

Kamil: Es ist ein Ort zum Sich-treffen, zum Abschalten. Wo man die Seele baumeln lassen kann. Vielleicht bekommen wir es technisch hin, einen DJ oben auf dem Kran zu platzieren. Alles muss sich entwickeln. Man kann hier nichts hinstellen und sagen “so muss es jetzt sein”. Das Schick & Schön hat sich damals ja auch entwickelt. Erstmal gab es nur eine Theke und man hat Getränke verkauft, alles Andere kam im Nachgang. So passiert das auch hier. Wir werden an diesem Ort Yoga machen, … man wird hier mit dem Boot anlegen können. Die Leute kommen auf uns zu, und daraus entwickelt sich dann meistens etwas. 

Ich habe gelesen, dass du F.Minthe einen “Kulturgarten” nennst. Wieso?

Kamil: Da muss ich ein bisschen ausholen. Das Lomo musste nach 17 Jahren Betrieb zumachen. Es war einer der Pioneerladen in Mainz was Kultur betrifft. Als wir das Lomo aufgemacht haben, haben wir es mit dem Begriff “Buchbar” beworben, das ist ein Stück weit meine Kreation. Viele Leute haben das erst garnicht verstanden, haben mich gefragt, ob man uns “buchen” kann. Ich habe daraufhin gesagt, dass es hier Literatur und Lesungen geben wird. Ich bin selber eine Leseratte. Die Grundidee war, das Bücher lesen und Kaffee trinken zu verbinden. Ein Buch, mit man sich zurückziehen kann und so auch die Möglichkeit bekommt, es anzulesen, um es sich später in einer Buchhandlung kaufen zu können. Damals wurde ich für diese Idee belächelt bis ausgelacht – nach 17 Jahren veranstaltet fast jede Kneipe Lesungen. Das bestätigt unser Konzept.

Außerdem haben wir im Lomo 17 Jahre lang fast ausschließlich Fotografie Ausstellungen gehabt. Das hat sich von selbst entwickelt. Viele Fotografen kamen damals zu uns. Man durfte alles ausstellen, die künstlerische Freiheit war gegeben. Künstler konnten Kontakt mit den Gästen herstellen, um ihre Bilder zu verkaufen, oder auch nicht.

Das Lomo war der erste Standort für Poetry in Mainz. Nachdem das Lomo zu klein wurde, ist der Poetryslam ins KUZ gezogen. Seit 15 Jahren sind wir außerdem Hauptsponsor von FILMZ (Festival des deutschen Kinos). Drei Veranstaltungen haben somit im Lomo regelmäßig stattgefunden: der Eröffnungsabend, das Drehbuch-Pitching und die dazugehörigen Drehbuchlesungen.

Von Debütanten bis Nobelpreisträger in der Literatur hatten wir schon alle im Haus, u.a. Hertha Müller und Jan Weiler. Des Weiteren haben wir politische Veranstaltungen mit Attac in Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung organisiert. Filmabende mit Amnesty International, Kleidertauschabende mit dem Weltladen. Improtheater, Live-Musik. All das haben wir 17 Jahre lang im Lomo gemacht. Deswegen kann ich Victors Argument nicht verstehen, wir würden uns einen “Kulturanstrich” verpassen … nein, wir machen es einfach.

Foto: Lomo

Kommen wir darauf zu sprechen. In einem Interview mit Victor (Altes Postlager, Gutleut) auf fauves sagt er, dass man den “Geist der Planke Nord” nicht einfach so in Anspruch nehmen kann, so wie es der Bauherr des Zollhafens (Detlev Höhne) getan hat. Was entgegnest du dem?

Kamil: Den Geist der Planke Nord nimmt ja keiner in Anspruch. Herr Höhne (Zollhafen) hat nicht den Anspruch erhoben, die Planke Nord zu kopieren. Ihm ging es lediglich um die gemeinsame Örtlichkeit des Zollhafens – beide “Gärten” sind nicht mal 300m Luftlinie voneinander entfernt. Wir, die Ivecen-Brüder, haben unseren eigenen Geist und F. Minthe ist etwas komplett Eigenes.

F. Minthe ist ein Ort für alle Menschen. Wir sind ein Garten-, Bier- oder Kulturgarten – wie man es auch nennen mag. “Kultur”, weil wir die Wein- und Bierkkultur leben lassen wollen. Wir wollen nicht nur Mainz ansässigen, sondern auch Mikrobrauereien -wie auch jungen Winzern- die Möglichkeit geben, sich hier vorzustellen. Wir bieten z.B. bald “Gelber Hirsch”-Bier an, ein Bier aus Nackenheim. Außerdem sollen hier Musiker auftreten können.

Wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Planke Nord?

Kamil: Wir haben F. Minthe in relativ kurzer Zeit auf die Beine gestellt. Solche Aktionen funktionieren natürlich nur, wenn man ein großes Netzwerk hat, wie damals bei der Planke Nord.

Wir haben zur Planke Nord immer eine große Verbindung gehabt, weil wir damals die größte Bulma Elektroveranstaltung gemeinsam organisiert haben. Jeder ist hier willkommen: einer, der mit seinem Porsche vorfährt ist hier genauso gerne gesehen, wie einer, der im ersten Semester an der Uni studiert. Wir wollen Menschen zusammenführen, nicht auseinanderbringen.

Victor meinte auch, man könne eine “so spezielle Sache wie die Planke Nord nicht kopieren” da hinter diesem Konzept jahrelange Arbeit steckt.

Kamil: Dem könnte man entgegnen, dass das Alte Postlager ja auch nichts Neues ist. Victor hat ja selbst gesagt, dass es so etwas auch in London gibt. Das Gleiche gibt es auch in Porto, Frankfurt oder Istanbul. Menschen lassen sich immer irgendwo inspirieren, so auch die Postlager Jungs.

In den letzten Jahren habe ich das Gefühl bekommen, dass in Mainz Gruppen unter den Gastronomen entstehen. Das finde ich nicht in Ordnung. Natürlich hat man untereinander Beziehungen, aber teilweise ist die Stimmung unter Gastronomen recht rau, und so möchte ich nicht sein. Wir kooperieren mit jedem, der Bock auf uns hat.

Eine Szene baut sich ja auch dadurch auf, dass sie gemeinsam an einem Strang zieht. Das beste Beispiel dafür ist Frankfurt. Wenn man dort in einer Bar sitzt, die bald zumacht, gibt es vom Barkeeper eigentlich immer Empfehlungen: “Hier, geh’ zu meinem Kollegen XY, die sind cool!”. In Mainz heißt es oft: “Ne, ich hab’ keine Ahnung!”.

Statistisch betrachtet hat Mainz über 1000 Lebensmittel verarbeitende Betriebe. Da gehört der Döner dazu, wir, die Metzgerei, das Gutleut, Redcat, u.a.. Als ich nach Mainz kam, war Mainz sehr beschaulich. Die Läden, zu denen man hingegangen ist, konnte man an einer Hand abzählen. Nach 2000 kam der Stein ins Rollen. Das liegt vor allem daran, dass viele nach Mainz zurückgekommen und die Kreativen in Mainz geblieben sind.

Was wünscht du dir für die Mainzer Kultur- und Musikszene?

Kamil: Ich wünsche mir da natürlich mehr Freiheiten und dass man nach außen und innen zeigt, dass man bereit ist, die Szene zu fördern. Rheinlandpfalz ist zum Beispiel das einzige Bundesland in ganz Deutschland, was keine Filmförderung hat. Wenn man böse ist, könnte man sagen, dass sogar das Saarland eine Filmförderung hat.

Ich wünsche mir auch mehr Flächen für Veranstalter. Eine für jeden zugängliche Fläche für Veranstaltungen für viele verschiedene Veranstalter. Wo eine Musikband sagen kann: “Hey, wir wollen ein Konzert da machen!”. Das wäre ziemlich gut.

Mit dieser Auffassung bist du ja gar nicht so weit weg von Victors Ideen.

Kamil: Bin ich ja auch nicht.

Victor meinte auch, dass es sinnvoll wäre, einen Nachtbürgermeister in Mainz einzuführen. Was meinst du dazu?

Kamil: Mit dem Thema befasse ich mich schon seit zwei Jahren und ich habe bereits in meiner Partei einen Arbeitskreis gegründet, wo jeder Grundinteressierte dran teilnehmen kann. Ich finde einen Nachtbürgermeister für Mainz sehr wichtig, da wir hier eine sehr lebhafte Kneipenlandschaft haben mit vielen Ausgehlocations. Wir haben viele Feste, Fastnacht … jede Woche ist hier ja eigentlich irgendwas los. Ein Nachtbürgermeister wäre ein Medium zwischen Anwohnern, der Vewaltung und den Gastronomen. Er sollte nicht nur ein Schlichter sein, sondern auch jemand, der Ideen weiter verfolgt. Deswegen sollte er auch aus der kreativen Szene kommen. Jemand der neutral ist. Der viele Kontakte zu Künstlern, der Musikszene und Gastronomen hat. Frankfurt hat das Projekt vor einem Jahr angestoßen. Für den Posten steht ein Budget von 70.000€ zur Verfügung, begrenzt auf ein Jahr, in dem man es testen kann. Auch Wiesbaden, Kaiserslautern oder Koblenz redet über einen Nachtbürgermeister, und wir sollten auch darüber reden.

Was wird F. Minthe einbringen für die Musikszene?

Kamil: Das DJ-Pult, was hier steht, ist vom Lomo. Wir werden Bulma wieder aufleben lassen, um Künstler aus Istanbul und Mainz zusammenzubringen. Wir haben dieses Projekt vor fünf Jahren gestartet. Ich bin mit einem Teil meines Personals nach Istanbul geflogen und wir waren dort in einem kleinen Club, Die Kassette. Leider gibt es diesen Club nicht mehr. Nach einem feucht-fröhlichen Abend hat einer meiner Mitarbeiter mich auf meine Elektroparties angesprochen, die ich früher gemacht habe, und fragte mich, ob ich diese nicht weitermachen wolle. Wir wollten den DJ des Abends mal ansprechen da wir dachten, dass er wegen des “I love Berlin”-Aufklebers auf seinem Laptop aus Berlin käme (kam aber aus Istanbul). Ich habe ihn gefragt, ob er Bock hätte nach Mainz zu kommen um aufzulegen. Er sagte ja, und wenig später war er dann in Mainz. “BUL” steht für “Istanbul”, “MA” für Mainz. BUL-MA. So ist es entstanden. Nachdem wir Lokalmatadoren gefragt haben, ob sie bei uns auch auflegen möchten, entstand eben diese Verbindung zwischen den beiden Städten und wir haben zusammen Parties gemacht.

Mit Bulma haben wir allerdings nicht nur Elektroparties veranstaltet, sondern auch Live Musik präsentiert. Wir haben drei, vier große Konzerte mit der Halle 45 organisiert. Moğollar, die Rolling Stones der Türkei, waren hier. An dem Konzertabend hatten sie 50-jähriges Bühnenjubiläum gehabt. Nächstes Jahr wollen wir das Kulturprogramm in der F.Minthe starten.

Du hast erwähnt, dass in der F. Minthe auch Musiker spielen können. Wird sich das Angebot auf eine bestimmte Art von Musik begrenzen?

Kamil: Wir werden uns nicht auf eine Musikrichtung beschränken. Wir sind für alle Leute, die auf uns zukommen, offen. Es wird natürlich Elektromusik geben – ich bin selbst im Robert Johnson (Club in Offenbach) groß geworden und dort kommen wir auch ursprünglich her. Mich interessiert die Musikkultur hier in Mainz und ich möchte diese mit der Musikkultur in Istanbul vernetzen. Wer den Film “Crossing the Bridge” von Fatih Akin kennt, der weiß, das Istanbul eine Stadt der Musik ist. Da gibt es einfach alles. Wir haben in den letzten Jahren sehr gute Kontakte knüpfen können, die wir hier weiter pflegen möchten.

Wie steht es um die Kultur- und Musikszene in Mainz?

Kamil: Du kannst den geilsten Laden machen, aber wenn keine Menschen da drinne sind, bringt auch die Räumlichkeit nichts. Menschen machen das alles schön. Der Ort, der Raum ist im Endeffekt unwichtig. Es geht darum, Menschen anzuziehen. Es wird immer viel geredet und viele sagen, Mainz sei klein. Ich arbeite seit 22 Jahren in der Gastronomie in Mainz, habe das Lomo mit 24 aufgemacht, davor habe ich u.a. im Citrus gekellnert. Ich bin damals als Student hergekommen und kenne den Werdegang von einzelnen Stadtteilen, z.B. der Neustadt, sehr gut. Damals waren unsere Stammkneipen dort, z.B. der heilige Aal, Fiszbah, Haddoks und diverse andere Läden, die es jetzt leider nicht mehr gibt.

Mainz gilt unter jungen Menschen weltweit als Geheimtipp … nicht nur unter den Touristen, die mit den Schiffen hier ankommen. Das wissen halt nur wenige.

Seit drei, vier Jahren sage ich, dass es nur einen Kreativen und einen Gastronom braucht, die beide ein bisschen Mut haben, um in Mainz-Kastel und Mombach einen Hotspot entstehen zu lassen. Perspektivisch wird es in diese Richtung gehen. In der Stadt gehen gerade die Preise in die Höhe. In Mainz-Kastel und Mombach ist es noch günstig. Alles verändert sich so schnell. In den 70er, 80er Jahren haben in der Augustinerstraße nur Migranten gelebt … heute kann man sie an einer Hand abzählen. Und so geht es auch in der Neustadt weiter. Als ich damals mit dem Studium angefangen habe, wollte keiner in der Neustadt wohnen, jetzt alle.

Jede Stadt sollte seinen eigenen Geist erfinden, und um das zu erreichen, sollte man auch mal aufeinander zugehen und miteinander reden.

Man darf die Stadt Mainz nicht in Stadtteile aufteilen und sagen “Die Altstadt ist bieder, die Neustadt ist cool”. Dafür ist Mainz viel zu klein. Andere Metropolen haben Stadtteile mit Millionen von Einwohnern. Es sollte auch nicht gesagt werden, in der Neustadt gibt es Cafes im Berlin-Style oder die Gaustraße ist das “neue San Francisco”. Nein, Mainz sollte bei sich selber sein. Es ist Mainz, entwickle deine eigene Kultur. Wir lassen uns natürlich auch von anderen Orten inspirieren, aber das LeBonBon ist für mich etwas Einmaliges, was ich so in der Form noch nirgendwo gesehen habe … auch dank unserer Freunde von FORMAAT, die für ihre Arbeit mit dem Architekturpreis ausgezeichnet wurden. Jede Stadt sollte seinen eigenen Geist erfinden, und um das zu erreichen, sollte man auch mal aufeinander zugehen und miteinander reden.


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