Victor Anta Muñoz (Altes Postlager in Mainz): “Die Nacht ist keine Zeit, die Nacht ist ein Ort.”

The cultural and gastronomical entrepreneur Victor Anta Muñoz from Altes Postlager and Gutleut on building communities and strengthening local music scenes.

Was hat euch damals inspiriert, dieses Projekt Altes Postlager zu starten?

Die Firma Gemünden Bau, Bauträger der Region, hatte dieses Objekt, was jetzt das Alte Postlager ist, vor 1 1/2 Jahren gekauft. Wir wurden damals von der Firma gefragt, ob uns was einfiele zu diesem Ding. Die Freundin von dem anderen Victor aus unserem Team wohnt in London und dort gibt es ganz viele Foodcorners oder Foodmarket places. Er hatte uns daraufhin vorgeschlagen, das auch so zu machen. Das haben wir dann Gemünden erklärt. Das klingt jetzt super strange, aber normalerweise sind solche Bauträger ja eigentlich immer die Bösen, zumindest in der Wahrnehmung von vielen Leuten. Bei Gemünden, ein alteingesessener Betrieb, war es jedoch so, dass die von Anfang an unser Konzept geglaubt und die Idee und Vision von uns verstanden haben … die fanden es total geil.

Was war denn damals die Idee?

Wir wollten einen Indoor Streetfood Markt machen, mit inhabergeführten Läden aus Mainz, die fest in der Halle installiert sind. Darunter sind heute Läden, die schon seit Jahren in Mainz funktionieren und die Stadt repräsentieren, darunter Edelbeef, N’Eis, An o ban, Laurenz, Gutleut, kleine Pause. Das Postlager ist somit so ein bisschen eine kleine Stadt in einer Stadt.

Jetzt haben wir diese Essenschiene besprochen, ihr zeichnet euch allerdings auch durch eure Kultur- und Skaterschiene aus.

Die Skater hatten das Problem, dass sie im Winter keine Räume gefunden hatten, um dort zu skaten. Wir hatten hier einfach genug Platz und haben denen während der Bauphase gesagt, dass sie hier ihre Rampe bauen können – wir haben 3500m² Platz. So haben sie hier ihren Skatepark und ihren Vereinsraum, weil es sich einfach -wie auch bei Fuchsbau, die hier ebenfalls mitwirken und Bühnen gebaut haben- gut angefühlt hat. Mit den Fuchsbau Leuten veranstalten wir Parties zusammen und sind dicke, weil es alles Leute sind, die Bock haben und unsere Visionen von Anfang an teilen konnten. Wir legen beiderseitig viel Wert darauf, dass alles fair abläuft und nicht profitorientiert ist.

Was für ein Ort ist also das Alte Postlager? Essensort, Skaterort, Kulturort? Legst du dich da fest?

Auf gar keinen Fall. Es ist ein Ort, an dem alle zusammenkommen und wo Menschen mit unterschiedlichen Interessen miteinander konfrontiert werden. Hier kann sich auch mal ein verschwitzter Skater mit einem älteren Typen im Anzug treffen. Auf den ersten Blick kann man da denken, dass sie nichts miteinander zu tun haben, das ist aber vollkommen falsch. Es gibt zwischen Menschen viel mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt.

Wir von Fauves sind natürlich heute auch gekommen, um etwas über euer kulturelles Angebot, vor allem Richtung Musik, zu erfahren. Was passiert bei euch?

Die allererste Veranstaltung war eine Hiphop Veranstaltung, mit Skatern, Rappern und Beatmakern. Wir sind allerdings mehr an Elektromusik dran als an allem anderen, was zum einen daran liegt, dass wir unsere Räume relativ leicht mit Elektro füllen können. Zum anderen braucht es für eine Elektroveranstaltung meistens nur eine Person mit Anlage, wohingegen bei einer Band die Organisation der Technik ein wenig auwendiger ist. In Zukunft wollen wir allerdings versuchen, wieder mehr in die Hiphop Richtung zu gehen und sind dementsprechend mit verschiedenen Veranstaltern und Labels im Gespräch. Demnächst machen wir ein Open Stage Event mit Robert von den Musiksessions.

Kleines Nachhaken: Du sprichst immer im wir. Wer ist denn dieses wir?

Das sind die Leute vom Gutleut: Fabian Heubel, Victor Bergmann und ich, Victor Anta Muñoz. Wir pachten das Objekt und veranstalten.

Was muss hier in Mainz passieren, dass die Stadt mit ihrer Musik- und Kulturszene längerfristig Erfolg hat?

Die Musikszene ist für jede Stadt wichtig. Wir sind alle die Stadt, nicht nur die Stadtpolitik, d.h. es liegt an uns allen, die Musikszene zu gestalten. Wo die Stadtpolitik helfen kann ist bei der Vergnügungssteuer. Ohne die Vergnügungssteuer könnte man den Künstlern höhere Gagen bezahlen und den Eintrittspreis für die Gäste verringern. Es ist traurig, dass es diese Steuer gibt, weil wir einige Bands aus Kostengründen einfach nicht hier spielen lassen können.

Ein anderes Problem ist, dass die Stadt keine Unterschiede zwischen Spielotheken, Shischabars, Clubs und Konzertveranstaltungsorten macht – das ist für die Stadt ein und dasselbe. Damit ist die Stadt relativ blind. Gerade bei Fragen zur Verteilung von Fördergeldern ist Differenzierung wichtig. Vielleicht weiß es die Stadt aber auch nicht besser oder es hat ihr noch nie jemand richtig erklärt.

Gerade für Bands ist es schwer, hier in Mainz etwas auf die Beine zu stellen, weil die Stadt – im Vergleich zu bspw. Köln – kulturelle Projekte nicht fördert. Es gibt großartige Künstler hier in Mainz die nur darauf warten, Mainz zu verlassen … das ist absurd.

Denkst du es macht Sinn, längerfristig einen Nachtbürgermeister, der zwischen beiden Parteien vermittelt, in Mainz einzuführen?

Macht absolut Sinn. Ich sage immer, dass die Nacht keine Zeit sondern ein Ort ist. Wenn du tagsüber Leute triffst, die du zuvor abends getroffen hast, dann ist das eine ganz andere Welt. So ein Nachtbürgermeister würde eine Schnittstelle bilden zwischen Menschen, die die Nachtgastronomie nicht so gut kennen und den Bedürfnissen der Anwohner. Er könnte bei rechtlichen Grundlagen vermitteln und helfen, Lösungen zu finden damit beide Seiten zufrieden sind.

Dieses Konzept der Nachtbürgermeister, das ja in in großen Städten wie New York City oder Barcelona bereits gang und gebe ist, findet mittlerweile auch in kleineren Städten Anklang. Dort hat man gemerkt, dass der Bürgermeister zwischen zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, vermitteln muss.

Beide Welten können sich so nerven, sich so stören … aber können sich auch gegenseitig befruchten – mit Nebeneffekten, die du aber auch greifen kannst. Als Beispiel das Gutleut in Mainz. Ich habe sechs Jahre gegenüber des Gutleuts in einer WG gewohnt und der Platz (vor dem Gutleut) war einfach tot. Dort hat man immer Obdachlose oder Jugendliche, die gesoffen haben, gesehen. Dort fand kein besonders schönes Leben statt. Ich habe diese optische Linie zu diesem Platz nie überschritten, dieser Platz war für mich total uninteressant … bis zu dem Zeitpunkt der Gutleut Eröffnung, ab diesem Zeitpunkt wurde der Ort positiv belebt.

Wenn es um städtebauliche Veränderungen geht, wird meistens auch der Ruf lauter, dass die Einwohner mehr Freiräume und Plätze brauchen. Das ist dann nun leider nur die halbe Miete, weil du Plätze auch bespielen musst. Orte ändern sich, je nachdem, wie du sie bespielst: Sie können besonders schön, aber auch besonders hässlich werden. Wenn du dich gar nicht um diese Plätze kümmerst, dann sind sie halt extrem hässlich oder können kippen.

Beispiel Gartenfeldplatz. Vor Zeiten der Annabatterie war der Gartenfeldplatz kein attraktiver Ort. Die Mieten dort waren relativ günstig. Das Haddocks und schließlich die Annabatterie als letzter Moment haben dafür gesorgt, dass die Mieten gestiegen sind. Mittlerweile sind die Mieten dort für einen Normalstudenten nicht mehr zu bezahlen. Das hat vor allem mit der Veränderung des Platzes zutun. Die Häuser wurden renoviert und wegen der Attraktivität des Ortes war auf einmal der Bedarf da, mehr zu bauen – was ja auch eine positive Seite ist. So ein Nachtbürgermeister könnte so etwas auch vermitteln und aufzeigen, dass viele Leute etwas von der Veränderung haben.

Beim Gutleut funktioniert es, dass sich Leute dort nachts auch draußen versammeln können. Bei den meisten Kneipen in der Neustadt ist es aber leider so, dass die Leute ab 22:00/23:00 rein müssen, weil dort ein Wohngebiet ist. Das ist ein Problem, was nicht wirklich gelöst wird.

Beim Laurenz ist es ähnlich, wie du es beschrieben hast. Die müssen dort wirklich schauen, dass ab 22:00 keiner mehr draußen sitzt. Im Sommer ist das eine pure Katastrophe. Das sind enorme Umsatzeinbußen. Es ist schön, im Sommer in der Stadt zu sein. Du kannst draußen sitzen und essen, trinken – und das war’s auch schon. Ich glaube, es tut der Stadt selbst nicht gut, wenn man wegen ein paar Anwohnern dieses “südländische Flair” und das Leben auf den Straßen tötet. Ich sag ja nicht, dass Leute bis 1 Uhr morgens draußen sitzen sollen, aber verlängert es doch bis 23:00 / 24:00 und dann ist auch Schicht im Schacht – zumindest im Sommer.

Bei diesem Punkt müsste man auch zwischen Gastronomie und Anwohnern vermitteln können. Es gibt viele Leute, die zugezogen sind, Leute, die sagen “Ja, hier ist es schön in der Neustadt, man kann schön Kaffee trinken, schön essen, alles n’ toller Flair … aber bitte nur bis 22:00”. So unterbinden sie dann leider eben das, was die Stadt so lebenswert macht und zum Wachsen bringt.

Mit dem Gutleut haben wir tatsächlich einfach nur Glück. Anfangs brauchte man Mut, weil uns von allen Seiten gesagt wurde, dass dieser Ort tot und im Dornrößchenschlaf ist. Wir haben Glück mit den Anwohnern, weil rückseitig einfach nichts ist. Vorne sind zwei WGs, mit denen wir uns gut verstehen – alles cool. Wenn das aber nicht so wäre und wir unsere Leute nicht mehr nach 22:00 rauslassen dürften, dann hätten wir den Laden schon längst zugemacht, ganz klar. Es gibt in Mainz ganz wenige Orte, wo man sich nachts draußen im öffentlichen Raum aufhalten kann.

Was tut sich denn zurzeit für dich hier in Mainz? Gibt es da gute Ansätze?

Ich glaube, dass es in jeder Stadt gute Ansätze gibt. Es ist Aufgabe der Verantwortlichen, das kulturelle Potential und die Motivation der Künstler am Leben zu erhalten und zu fördern, sonst stirbt es einfach ab und das ist super traurig.

Oftmals scheitert eine Veranstaltung, zum Beispiel ein Konzert im Gutleut, an absurden Vorgaben. Hintergrundmusik ist erlaubt, wohingegen Live-Musik nicht erlaubt wird – und das nervt, weil es eine Blockade ist. Lass die Leute doch spielen und verbiete es doch nicht einfach nur, weil es unter eine andere Kategorie fällt. Die Stadt sollte checken, dass das Hybride die Zukunft ist: Gastronomie gepaart mit Kultur, Kunst, Flair und Seele. Das ist nichts, was Systemgastronomen leisten können. Künstler sind ein eigenes Spezies. Wir hatten in den drei Jahren des Gutleut zwei dutzend Ausstellungen, weil wir Bock drauf haben und die Künstler unsere Glaubwürdigkeit zu schätzen wissen. Das ist nicht einfach zu kopieren.

Was findest du an Mainz besonders? Wieso lebst du gerne in Mainz?

Ich komme aus Mannheim und lebe seit zehn Jahren in Mainz und bin mir im ersten halben Jahr komplett verarscht vorgekommen. Mannheim ist relativ rau. In Mainz dagegen sind die Leute verdächtig nett. Jeder redet mit jedem, die Wege sind kurz, die Leute tauschen sich aus und rücken zusammen.

Wo bist du nachts unterwegs?

Ganz ehrlich, ich gehe nie weg und gehe auch nicht feiern. Ich mag das Weggehen überhaupt nicht. Ich arbeite zwar nachts hinter Theken und bin am Wochenende unterwegs, das ist aber dann meistens wegen der Arbeit. Ich finde es super suspekt, in einem Raum zu stehen, sich an die Theke zu stellen und rumzugucken.

Trotzdem gibt es in Mainz Läden, die ich geil finde. Das Schick & Schön und die Dorett Bar sind großartig. Ansonsten trinke ich gerne Kaffee in der Annabatterie oder im Hygge.

Gibt es noch andere Konzepte aus aller Welt, die du gerne hier in Mainz sehen würdest?

Ich würde mir gerne eine große Fabrikhalle wünschen, die nur aus Proberäumen besteht. Die in regelmäßigen Abständen Konzerte macht, bei denen sich die Bands vorstellen können. Was ich auch geil fände wäre ein Kreativzentrum, wo Grafiker, Architekten, Musiker und Produzenten an einem Ort sind um sich gegenseitig zu befruchten.

Ein ähnliches Prinzip gibt es ja jetzt am Zollhafen, dort kann man sich Räume und Internet anmieten.

Das wird nicht funktionieren. Die einzigen Leute, die ich mir da vorstellen kann, sind Leute, die von Haus aus Geld haben und die -wie als wären sie im Silicon Valley- sagen: “So, jetzt mach’ ich mal ein halbes Jahr Netzwerk und connecte mich mit Leuten”. Für mich ist das ein Ort, der nicht natürlich ist und künstlich aufgebläht wird.

Du brauchst dieses Schmuddelige, dieses Sich-selbst-überlassen und günstige Mietpreise. Wenn man nach NYC schaut, dann sieht man, dass Künstler immer dahin gezogen sind, wo die Mieten günstig waren … bis die Straße oder das Viertel bekannt wurde und die Mieten so auch wieder gestiegen sind.

Bleiben wir beim Zollhafen. Es gibt doch bald dort auch einen neuen Veransaltungsort, “F. Minthe”. Detlev Höhne, Geschäftsführer der Marina im Zollhafen, sagte kürzlich in der Allgemeine Zeitung Mainz zur Eröffnung des neuen Freiluftlokals: “Wir wollen den Geist der Planke weiterleben lassen.“ Was hälst du davon?

Bei so etwas rege ich mich einfach auf. Die Planke Nord ist entstanden durch Enthusiasten, die einen Ort schaffen wollten, wo sich viele unterschiedliche Leute -auch mit einem kleinen Geldbeutel- treffen konnten. Die haben es geschafft, Djs und Künstler kommen zu lassen, da sie aus ihrem direkten Netzwerk kamen. Es war nicht so, dass sie gesagt haben: “So, ich mach die Planke Nord und jetzt fange ich an.” Die Planke Nord war ein Netzwerk von Leuten, die ihr ganzes Leben mit anderen zusammengearbeitet hatten, zusammen gewachsen sind und ihre Interessen geteilt haben und das ganze irgendwann durch Konzerte und Dj-Events öffentlich machen konnten.

Du kannst nicht sagen: “Wir wollen den Geist der Planke weiterleben lassen ” (Höhne). Das sind Menschen, denen das Verständnis für Seele, Rückrat und Geist ebenso fehlt wie die Erkenntnis, dass man eine so spezielle Sache wie die Planke Nord nicht kopieren kann. Es ist unverschämt. Die Planke Nord Leute haben mit soviel Blut und Zeit ihre Existenz in dieses Projekt reingesteckt, Jahre lang relativ profitlos das Ding über Wasser gehalten, und dann kommt irgendjemand der sagt, er möchte den Geist der Planke Nord aufleben lassen, das ist eine Ohrfeige für jeden, der aus Überzeugung heraus etwas macht. Auch da muss man unterscheiden zwischen Rendite und Überzeugungstätern. Gewinnorientiert zu arbeiten ist notwendig und voll ok. Aber man muss schon sehr fein arbeiten um profitorientierte Kulturansprüche umsetzen zu können. Sich einfach einen Kulturanstrich zu verpassen ist plump.

Ich finde es trotz allem wichtig, dass man verstanden hat, dass dieser “Geist der Planke Nord” einen Wert hat. Fakt ist aber, dass man die Planke Nord nicht kopieren kann.

Letzte Frage: Was habt ihr in Zukunft mit dem Alten Postlager vor?

Wir wollen in Zukunft große Ausstellungen mit ca. 200 Bildern oder großen Installationen präsentieren. Die Kunsthalle ist zurzeit ziemlich konkurrenzlos in Mainz und tritt deswegen auch ein bisschen auf der Stelle.

Was ich außerdem cool fänd’, wär ein einmal im Monat stattfindendes Treffen mit 11-15 Leuten, die sich nicht kennen, sich aber kennenlernen sollten. Z.B. ein Anwalt für das Urheberrecht, Grafiker, Künstler, Musiker, Gastronomen, Unternehmer … dass man so ein Netzwerk schafft.


Text: Philipp Steul; Interview: Thorben Emmerich, Philipp Steul; All fotos but parralex (largest indoor foto: Lutz Wilke) by fauves.

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