ticktackOma

In der ehemaligen Bar Nirgendwo trifft Fauves auf ticktackOma, ein Duo bestehend aus Inox Kapell & Marlene. Im Interview sprechen sie über experimentelle Insektenmusik, die Gedankenwelt hinter ihrem Projekt sowie die Telepathie und äußern sich direkt und ehrlich zur Mainzer Musikszene. Dass sie eng in der Mainzer Musikszene verwurzelt sind, beweist ihre Freundschaft zu Psycho Jones und Inox Kapells schon frühe Involviertheit im Haus Mainusch und der Walpodenakademie.

Die erste Frage zielt darauf ab, euch im Allgemeinen aber gleichzeitig auch im Intimen kennenzulernen. Wie würdest du Inox bzw. Marlene einem Außerirdischen beschreiben, der gerade auf der Erde gelandet ist? Wie würdest du den Außerirdischen auf ihn / sie vorbereiten?

–M: Ich würde dem Außerirdischen sagen, dass, jenachdem wo der Außerirdische sein Herz trägt, er es aus der Hosentasche nehmen soll, es am Besten ganz offen ausbreitet und mit dem Herz als erstes auf Inox zugeht. Es wird zunächst ein bisschen Mut erfordern, sein Herz aus der Hosentasche zu holen und es auszubreiten, aber wenn man das macht, dann bekommt man das Herzliche des Herzes von Inox tausendfach gespiegelt.

Man kann mit Inox viel diskutieren, kreativ sein, verrückte Sachen machen und diese in eine Form pressen z.B. in Musik und Kleidung. Es gibt durch ihn ganz viel Input, was sich zugleich zu etwas formen lässt, solange man offen bleibt.

–I: Marlene ist ja Steinbock. Ein gut ausgeprägter Steinbock ist immer auf der Suche nach so etwas wie einer Basis, die nicht mehr erforscht werden muss sondern schon vorhanden und sicher ist. Zu dem Außerirdischen würde ich sagen: “Sei du selbst! Lass dich auf die Person ein.”

Was verbindet euch?

–M: Der abstrakte Strom. Von Joseph Beuys gibt es die Idee eines Haupstroms. Ein Strom, der den Menschen durchfließt, vom Kopf, durch den Körper bis in die Erde, in die Wurzel.  Wenn wir etwas zusammen machen und uns etwas begegnet, dann haben wir beide dazu direkt einen Zugang und setzen es um in Ideen. Ich suche dann dabei das Wesentliche heraus, und Inox das Flüchtige, das Vielfältige, das in viele verschiedene Richtungen geht.

Hast du da ein konkretes Beispiel?

–M: Wenn uns zum Beispiel bei der gemeinsamen Arbeit, dem Ideen sammeln, während eines Spaziergangs ein Kind begegnet, das etwas ganz Normales und Alltägliches sagt und mit anderen Kindern kommuniziert. Wir gucken uns dann beide an und wissen sofort, dass wir daraus ein Lied machen. Wir haben keine Ahnung, was für ein Lied das wird, aber zumindest spüren wir die Energie und die Kraft dieses Momentes, ein Lied daraus zu machen. Das führt dann weg von der Welt des Kindes, das Kind ist aber trotzdem noch in dieser neuen Welt enthalten.

–I: Wir machen das jetzt schon viele Jahre zusammen. Wir greifen immer alles auf, was uns entgegenkommt, z.B. das mit dem Krabbeltier. Aus dem Krabbeltier wurde ein Kribbel-Krabbel-Song. Die Idee hat uns ursprünglich ein Kind gegeben. Viele Kinderlieder sind so entstanden, dass man sich erst einmal mit der Realität des Kindes auseinandersetzt und fragt, was es gerade macht und äußert.

In diesem Fall war das Kind so von dem Krabbeln auf dem Rücken oder auf der Haut angetan, dass es uns zu einem Stück inspiriert hat. Das Gekribbel und Gekrabbel der Insekten/Käfer wurde nicht als Ekel empfunden und das Kind hatte keine Angst, so dass es uns allen einen großen Spaß bereitet hat, uns zusammen auf den Rücken zu kribbeln, also mit den Fingern und Händen kleine Massagen zu machen, mit den Fingernäglen die Krallen der Käfer zu imitieren.  Wir konnten dadurch Worte und Begriffe erfassen, aufnehmen, speichern und dann in unsere Musik verarbeiten, indem wir etwas direkt eingesungen oder in Musik-Collagen gesprochen haben. So entsteht etwas Schöpferisches, das den Kindern und uns gefällt und außerdem für alle lehrreich ist.

Was hat die Musik für einen Einfluß auf dich?

–I: Ich selbst konnte von neuer Musik und Ideen immer profitieren. Durch anfängliches Imitieren entstand mein eigenens, tiefes neues schöpferisches Bild.

Viele Stücke von mir handeln über Telepathie. Ich selbst lebe in telepathischer Verbundenheit mit meinen Freunden. Es funkt. Funktioniert. Dafür braucht es keine Smartphones, es geht viel direkter, so wie es auch im Kindesalter war. Dort gab es noch keine Grenzen.  Das gelebte Echte, ganz ohne Scheinwelt der Social Media, macht eine Bewusstseinssteigerung möglich.

Was können wir von dem Käferstück lernen?

–I: Wir formen unsere Erlebnisse mit dem Kind und dem Käfer um in etwas, das auch albern sein kann. Es ist wichtig albern zu sein, das sind die Leute viel zu wenig.

–M: Wir versuchen etwas sichtbar zu machen, was schon längst in uns da ist und wir animieren dazu, es aus uns wieder herauszuholen.

–I: Heutzutage ist es für mich schockierend zu sehen, wie viel wir uns verbieten und uns entfremden. Vor kurzem lief eine Ausstellung in Berlin über Freiheit und das Absterben der Seele. Am Ende dieser Ausstellung war es so, dass alle in den Räumen aufgefordert wurden, zu spielen. Das konnte man von draußen sehen, und es zog sehr viele Leute an. Drinnen wurde genäht, gesungen, getanzt, gemalt, gebohrt – alles mit Musik verbunden und alles wie ein Fluß, so wie ich es aus den 80ern kenne. Ich wünsche mir, so etwas mehr zu erleben, weil es mir sehr fehlt. Deswegen mache ich das oft selbst, zelebriere und ritualisiere es.

Ich bin zwar kein Kind mehr, aber viele Charaktereigenschaften und Zugänge, die in einem Kind stecken, werden im Erwachsenenalter abgelegt und versteckt. Die Kindheit wird größtenteils verleugnet, obwohl diese so wichtig war und ist. Die meisten Traumatas und Prägungen stammen aus der Kindheit und die Zeit danach bedeutet eigentlich, die Kindheitserinnerungen aufzuräumen. Auch wenn dir in der Kindheit Schranken gesetzt wurden, kannst du später immer noch die Welt verändern, du kannst das umsetzen was dir nicht passte, z.B. in einem Lied oder als Theaterstück.

Fotos: Inox Kapell

Wir machen das in Hörspiel-ähnlichen Strukturen, das macht uns viel gute Laune. Jeder will doch die Welt mitprägen, sich dem bewusstwerden, was alles möglich ist und genau das hast du ja als Kind erlebt. In Ostfriesland, wo ich aufwuchs, gibt es einen Spruch: „Bloot ehm biegaun!“ – das heißt: Fang’ nur mal an, aller Anfang ist schwer, doch wenn der getan ist, dann geht’s ab! Wir wollen das Alberne und das Lustige mit dem Ernsthaften verbinden, das Sinnvolle einpacken in Quatsch, am liebsten Deutschland „umstülpen“. Ich bin z.B. geprägt von Josef Beuys, und dieser bemerkenswerte deutsche Sozialkünstler war provokant aber dennoch menschlich authentisch und hat damals etwas bewegt, noch heute tut er das. Am Schloss Freudenberg ist viel von ihm im Leben, und ich fühle mich mit Marlene ein bisschen verpflichtet, das Wissensgut von Beuys weiterzuführen, seine Ideen in diesen Zeitgeist zu packen und dann in die Zukunft zu streuen. Das ist mir wichtig, sehr wichtig – vergleichbar mit dem Thema Bienen, das in unserer Musik auch eine große Rolle spielt: Ohne Bienen kein Leben. Bienen sind Kinder der Sonne, ohne sie können sie nicht fliegen und nicht sammeln und dann auch nicht bestäuben.

So wie ich das jetzt verstanden habe, ist eure Mission mit der Musik zu enthemmen, Leute zu animieren, tief in einem drinsteckende Charakterzüge rauszulassen.

–I: Wir haben uns in dieser Welt Strukturen aufbauen müssen und die müssen wir wieder aufbrechen. Wieviele Menschen leben in ihren Dramen, die immer wieder kommen, und aus denen sie nicht ausbrechen können, weil es nirgendwo vorgelebt wird?

–M: Mit unserem Musikprojekt drücken wir aus, dass alles möglich ist und man sich nichts vorschreiben lassen soll. Für unsere Musik gilt, dass wir uns keine Gedanken darüber machen, was andere Leute uns vorschreiben, wie sich die Musik anzuhören hat, dass wir bestimmte Akkordfolgen beachten müssen, harmonisch sind. Das Müssen wird zum Wollen und das steht bei uns im Mittelpunkt.

Wie kann man sich eure Musik vorstellen? Wie entsteht sie?

–M: Wir nehmen zunächst einmal ein bestimmtes Geräusch auf, was unsere Inspiration ist, und darauf baut sich alles auf. Aus jedem klitzekleinsten Geräusch kann sich eine Sinfonie entfalten.

–I: Es muss nur ein kleiner Fetzen sein, den man dehnen, stretchen, verändern kann.

–M: Ich habe in Berlin auf einem Theaterfestival gearbeitet. Da gab es so eine Wasserflaschen-Auffüllanlage. Dort musste ich mal einen ganzen Kasten mit Wasser auffüllen und das war so ein tolles Geräusch, dass ich es aufnehmen musste. Das ist der Anfang. Außenrum bilden sich dann Interpretationen und Assoziationen.

Wie heißt euer Projekt eigentlich?

–I: Tick Tack Oma. Ich komme aus Norddeutschland und dort sagt man das zur Urgroßmutter. “Uhr Tick Tack” Also die Mutter von der Oma. “Komm, wir besuchen mal die Tick Tack Oma!“’ oder “Oma Tick Tack”, jenachdem.

–M: Das ist etwas sehr simples und beschreibt ganz gut, was wir machen. Ich hatte auch eine Tick Tack Oma und ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als mir die Bedeutung des Wortes und der Zusammenhang klar wurde. Die Uhr macht dieses eindeutige Geräusch und so wurde aus der U(h)roma eine Tick Tack Oma. Ich finde das super. Das ist so simpel und gleichzeitig naiv aber unglaublich vielschichtig.  Die Uroma ist ja meist eine sehr alte Frau. Mit ihr verbindet man Weisheit und Vergangenheit. Es trennt uns aber auch unglaublich viel von der Zeit und dem Geist in dem sie aufgewachsen ist. Das ist spannend. Und das steckt auch in dem Stück “TICKTACK OMA”. Mit unserer Musik versuchen wir bekanntes und fremdes zu verbinden. Wir versuchen uns zu erinnern und gleichzeitig gestalten wir etwas Fremdes und vielleicht Groteskes. Wir folgen Impulsen und spielen mit der Zeit, mit den Geschwindigkeiten und doch dreht sich alles immer um eine Sache. Es ist eine Ahnung.

Wo würdet ihr euch hier in der Mainzer Musikszene einordnen?

–M: Einen gemeinsamen Punkt haben wir in der Walpodenakademie und vor allem im Haus Mainusch. Das besondere daran ist, dass wir das Mainusch aus zwei unterschiedlichen Perspektiven erlebt haben. Inox hat früher dort aufgelegt, 89, in den Anfangsjahren des Hauses.

–I: Ich habe im Mainusch oft live gespielt. Der erste Auftritt im Haus war von der Wiebadener Industrieband „Beinhaus“ mit uns – Inox Kapell. Das macht mich sogar etwas stolz.

Es war, neben der Galerie Simulakrum und dem damaligen KUZ, ein Ort der Freiheit. Es trafen sich im Mainusch viele unterschiedliche Leute, es war ein Pool von Ideen und Lebensphilosophien. Der Ort war spielerisch und, obwohl es auch viele Ausseinandersetzungen gab, es war immer viel Liebe und Spaß dabei.

Für mich war es auch ein Lernort, denn ich konnte mich ausprobieren, wie ein Kind. Wie auch an anderen Orten zu der Zeit gab es dort ausgelebte Wut, in Kunst und Musik gepackt. Das war großartig und ich suche solche Orte noch heute immer wieder auf. Ich will ein Teil davon sein … dafür braucht es aber Feingefühl und viel Wahrnehmung, denn ich will ja kein weiterer drohender Bagger sein, sondern ein Mensch, der versteht und in dem Verstehen vermittelt – und vielleicht auch bereichert.

–M: Ich habe das Haus ganz anders erlebt als er. Für mich war es eher ein Ort um elektronische Musik in einer historisch-aufgeladenen Bude zu hören.

Wenn es das Haus Mainusch irgendwann nicht mehr gibt, welcher Ort bleibt euch dann noch?

–Beide: Die Straße.

 –I: Walpodenakademie, Peng-Land.

Was kannst du über die Walpodenakademie sagen, Inox?

–I: Ich habe die Walpodenakademie damals mitgegründet. Alles fing an mit Technoparties. Irgendwann wurde ein Weinkeller frei und dann ist dort eine Gruppe reingegangen aus der später der Verein Walpodenstraße 21 e.V. wurde. Ende der 90er musste die Gruppe raus und erst in den 2000ern wurde der Verein wiederbelebt. In der Walpodenakademie war es immer schon das Ziel, Leute mit Kunst zu infizieren. Manche Mitglieder von damals sind geblieben, manche sind wieder bürgerlich geworden.

Es ist sehr schön, dass es das gibt. Ich freue mich sehr, dass es aufrechterhalten wird. Dort ist es sehr gemütlich und man spürt immer eine Nähe zu den Künstlern.

–M: Im Prinzip kann man sagen, dass wir uns zu allem und nichts zugehörig fühlen.

–I: Am Besten ist es, irgendwo reinzugehen, wo man denkt, “oh, da pass ich jetzt garnicht rein”.

–M: Ich mache viel Theater, Inszenierungen, und stelle mir oft die Frage, welchen Raum es gibt. Mein Plan ist es, andere Räume zu erkunden und z.B. in Dönerläden zu gehen. Davon gibt es ganz viele und dort gibt es vor allem auch Platz. Warum also nicht mal ein platonisches Theaterstück und dessen Ideenwelt in einem Dönerladen aufführen?

Das hat ja Psycho-Jones schon so ein bisschen im Dönerstag vorgemacht, wo sein Stil und seine Projekte mit dem Dönerladen fusioniert sind.

–I: Psycho Jones ist toll. Wir kommen ja aus dem gleichen Pool. Auch wenn wir ganz anders sind, haben wir uns gegenseitig schon ganz früh inspiriert. Vor allem so eine „Wir-machen-das-einfach-Inspiration“. Ganz egal, was andere denken, ich mache es einfach … mal schauen, wohin es führt.

Wir waren beide Beat orientiert, Pushklick. Davon sind alle Platten weg. Psycho Jones müsste noch eine haben, er hat sie manchmal auch aufgelegt. Mitte der 90er. Ihn zeichnet aus, dass er nie gesagt hat, dass das, was du machst, nicht von ihm verstanden wird, sondern er hat es immer als Bereicherung gesehen. Auch er ging nie davon aus, dass es so oder so klingen muss.

In so einer Stadt wie Mainz, in der man Mitkämpfer hat, ensteht Sonstwas…und dieses Sonstwas wird meistens kaputt gemacht. Es gibt schlaue Leute, die genau wissen, dass man mit Hochkultur Geld verdient. Dass aber die Hochkultur auch mal irgendein Scheiß war, den keiner akzeptiert hat, dass vergisst man dabei. Das ist dann der Kampf, der ein Künstler stärker macht, wie z.B. auch uns.

Wenn man da ganz anders, unabhängig rangeht, sagt man nicht mehr, “da ist die Industrie, die will mich kaufen, ach cool, da lass ich mich doch mal drauf ein”, sondern “pfeiffstdrauf’” und lebst dein Leben. Dann ist es Kultur geworden … die One-Hit-Wonders werden vergessen. Die hört man irgendwann nie wieder. Gut, in Japan oder Amerika wird Scooter noch weitergehört, aber nicht in Deutschland.

Psycho Jones vor dem Dönerstag

Welche Musik würdet ihr mit Mainz in Zusammenhang bringen?

–M: Ich höre hier in Mainz keine Musik. Die Stadt macht keine Musik. Die Musik steckt eher in den Wohnzimmern und den kreativen Köpfen drinnen und ich glaube, es braucht ein bisschen mehr Mut, dass sie rauskommt. Ich bin manchmal ein bisschen enttäuscht über Musikveranstaltungen, die sehr plakativ sind und andere, kleine und neue Dinge, verdecken. Ich fände es schön, wenn man sich mit Mut neue Räume erschließt. Dass man sich vielleicht auch zusammentut, um diese Räume zu erschaffen.

 –I: So war es damals auch mit dem Krautrock und dem DIY-Punk.

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