Neue Veranstaltungsreihe Wortklang (Poesie und Musik) – Start mit Philipp Herold und Sinu

Sinu und Philipp; Foto: Daria Miller

Philipp Herold, Poetry-Slammer, Autor und Moderator, und Sinan Köylü (Sinu), Singer-Songwriter, haben sich in Heidelberg kennengelernt und gefunden. Am 12.12. haben sie gemeinsam im Schick & Schön in Mainz eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel “Wortklang” ins Leben gerufen, die von der Musikmaschine veranstaltet wird und bei der die Kunstformen beider Kulturschaffenden -Poesie und Musik- vereint wurden.

Ziel der beiden Künstler war es, das Programm des Abends so zu gestalten, dass die Themen von beiden Seiten ineinander verflechten und sich gegenseitig ergänzen. Das Showsetting im Schick & Schön glich einer amerikanischen Late-Night-Show: Während der eine singt oder dichtet, konnte der andere auf der sich im Hintergrund befindenden Couch liegen oder sitzen und kurze, provokative oder unterstützende Kommentare einstreuen.

Los ging es mit dem Themenblock Nostalgie und Chaos, Themen, die die Texte von beiden Künstlern bestimmen. Den Anfang machte Sinu mit seinem Lied “Deponie”, das vom Umzug und dem Hang, unnütze Dinge zu sammeln und aufzubewahren handelt, aber auch die Veränderung thematisiert: “Die Deponie ist voll von früher”. Die durch das Chaos bedingten Klagerufe wurden im Anschluss von folgendem Statement aus Philipps Text “Ordnung lass sein” besänftigt: “Wer die Präzision für’s Detail nicht verliert, der ist einfach in sich geordnet”. Die Gemütlichkeit und Entspanntheit dieses Textes, bei dem auch Rap-Passagen durchsickerten, passte gut als Einstieg in Philipp Herolds neuestes Buch Alles zu seiner Zeit.

Philipp Herold; Foto: Daria Miller

Der zweite Themenblock befasste sich mit Liebesbegegnungen. Sinus melodiöses Lied “Du bist von mir fortgerannt” erinnert an trotzige Zeilen von Von Wegen Lisbeth, schildert aber Sinus ganz persönliches Liebesschicksal. Mit ein wenig Frust aber trotz allem einer gefassten, ruhigen, kernigen und tiefen Stimme singt er darüber, wie “die Ex keine Ahnung mehr hat” – und meint damit die Erinnerungen an die Beziehung mit ihr. Der Abend lebt, das wird in diesem Block deutlich, von den ineinander übergehenden Texten und der Harmonie zwischen beiden Künstlern. Es ist ein Wechselspiel von gegenseitigem Necken und Unterstützen zu beobachten, einem Clash zwischen Poesie und Musik, wie auch in Philipps Kommentar, Sinus Lieder begännen immer mit “und”… als sei da irgend etwas vorher abgeschnitten worden, zu vernehmen ist. Sinu entgegnet, dass sei jetzt modern, diese Hook an den Anfang zu setzen – es lockere auf.

Philipps Part führt im Folgenden die Liebes-Thematik weiter. Sein Soundtrack für einen Film, den es gar nicht gibt, geschrieben von einer Boyband namens Casino Wetzlar, “einer Porno und einer Rapstar”, erinnert an eine “Spotted: Mainz – Flirts und Dating” Anzeige. Kitschig, schnulzig, mit Schlagermusik- und Cloudrap-Einlagen handelt sein Text über ein Mädchen im Zug, die man gerne ansprechen würde, es dann aber doch nicht macht … aber was wäre wenn? Philipp brilliert hier durch seine Fähigkeit, Genres und Stile zu wechseln und die Handlung auf unterschiedlichen Ebenen zu platzieren.

Die Thematik des Trunkenseins beherrscht den dritten Block. Philipps Gedicht “Uwe” handelt von einem unscheinbaren Mann, der an der Bar sitzt und nichts von sich preisgibt, seinem Klassiker “machst du mir noch ein'” vertraut und dessen Geist “trinkfest an die Theke gelehnt” ist. Das Gedicht ist kompakt komponiert mit einer witzigen und inspirierenden Pointe und wird später von Sinu folgendermaßen kommentiert: “Ich feier’ den Text, Alter”. Seinen eigenen, sehr eindringlichen und ruhigen Song, “1×1” leitet Sinu schließlich ein als einen Song, den er “getrunken” habe, als er Uwe war.  

Sinu; Foto: Daria Miller

Nach der Pause, in der man sich rauchend über den neuen König der Löwen Film und die Kinderlieder von Rolf Zuckowski unterhält,  geht es weiter mit einem vorgetragenem Ausschnitt aus Philipps Buch. Es ist ein intelligentes, geschichtetes Gedicht, das den Autor in kurzen, knappen und nüchternen Sätzen, so ein bisschen wie in einem Gedichte der Neuen Sachlichkeit, vorstellt. Es erzählt von seiner Bullerbü Rap Formation und gibt einen “Retroblick” in die Vergangenheit. Er sei Teil der Geschichte und auch wenn er nicht alles verstehe, sei es wichtig, Haltung einzunehmen und nicht von der Überflutung an News bewusstlos zu werden.

Sinu nimmt das Setting und den Kontext auf, stellt sich ebenfalls vor und wird danach politisch, indem er sein wohl wichtigstes und zu diesen Zeiten wohl thematisch relevanteste Lied vorträgt: “bin ich deutsch?”. Das Lied greift den Alltagsrassismus und Sinus eigene Erfahrungen als Kind und Jugendlicher auf und stimmt nachdenklich, rüttelt auf.

Der letzte Themenblock widmet sich der Generation Y. Beide, zunächst Philipp mit “Verzerrtes Spiegelbild”, danach Sinu mit “Y”, thematisieren eine Generation, die nach der eigenen Optimierung strebt, sich mit anderen “Influencern” vergleicht und Sklave des Konsums wird. Beide fordern sie auf, davon los zu lassen, “lass dich gehen”, und sich nicht von der digitalen Welt ersetzen zu lassen. Zugabe gibt es in Form von Philipps “Elementarzeilchen”. Er singt vom “Sich-Vereinen bis sie ineinander passen”, denn dann stimme die Chemie – und das ist dann auch ein schöner Satz, der diesen wunderbar unterhaltsamen Abend zweier Gleichgesinnter passend beschreibt.

Sinu ist am 12.1. im Schlachthof in Wiesbaden zu sehen; Philipp Herold tritt am 19.12. in Gießen, und am 12.1. in Salzburg auf.


Text: Philipp; Fotos: Daria Miller
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