Riverside Stomp Open-Air XIV, Reduit

Wenn man Birgit Schütz, Markus Dreher und Hermann Junglas, Veranstalter des bereits 14. Riverside Stomp Festival für Ska & Reggae Musik in Mainz-Kastel, ins Gesicht schaut, dann sieht man vor Begeisterung strahlende Augen. Im Interview mit Fauves erzählen sie über ihre Erfahrungen mit Musik-Legenden der Ska Szene und geben einen Ausblick auf den 9.6. – Festival Tag in der Reduit in Mainz-Kastel. Fotos von Fauves-Mitarbeiter Raphael, vielen Dank!

H: Hermann Junglas; B: Birgit Schütz; M: Markus Dreher 

Wo liegt bei der Planung und Durchführung eines Festivals in Größenkategorie Riverside Stomp Open-Air die größte Hürde und die größte Freude?

H: Die größte Hürde ist auf jeden Fall ein gescheites Programm zusammen zu stellen, bei uns schon allein deswegen, weil bei wir Künstler z.T. von sehr weit her einfliegen. Die Besonderheit des ganzen Festivals ist,  dass viele der Künstler aus einer sehr frühen Zeit des Reggae kommen, teilweise in den 60er Jahren eine besondere Popularität hatten, und jetzt immer noch regelmäßig touren oder garnicht mehr in Erscheinung getreten sind und der Szene eigentlich nur durch ihre Platten geläufig sind.

Wir sagen ok, wir probieren es, diese inaktiven Musiker für einen exklusiven Auftritt wieder auf die Bühne zu bekommen. Das sind dann vor allem Bands dabei bei denen der eine in London wohnt, der andere in Miami, der dritte auf Jamaika – da musst du die erst einmal wieder zusammenkriegen. Jeder hat dann auch eine sehr unterschiedliche Vorstellung von seinem Marktwert und aufgrund der unterschiedlichen Zeitzonen gibt es dann natürlich auch Gespräche zu ganz unterschiedlichen Zeiten.

Die größte Freude ist dann in der Tat das Gelingen des Ganzen. Organisation und Planung ist extrem aufwendig, was man der Sache nicht ansieht. Für so ein Festival fangen wir ein Jahr im Voraus an zu planen. D.h. bevor das Festival am 9.6.2018 losgegangen ist, sind wir bereits an der Planung für das Festival in einem Jahr dran, da müssen dann schon Kontakte hergestellt werden, Visa eingeholt und Bürgschaften übernommen werden. Wenn z.B. jemand aus Jamaika kommt, muss man bei Eintritt absichern können, dass du für deren Gesundheit garantierst und im Schadensfall eintrittst. Manchmal haben wir von den Künstlern falsche Adressen und dann müssen wir sehen, wie wir sie ausfindig machen – all das gehört so ein bisschen bei der Planung mit dazu.

Was macht das diesjährige Programm aus?

Wir bieten natürlich nicht nur ein Programm der Altstars auf, sondern unser Programm umfasst auch viele junge Bands die modernen Reaggae & Ska spielen. Einige davon haben die Funktion als sogenannte backing band für die Altvorderen zu spielen.

Es kommt Dakka Skanks aus England, das ist eine recht junge Band, die eine Mischung aus punkig angehauchtem Ska und britischem Pop macht. Sie haben eine Sängerin, was in diesem Genre auf dieser Welt, außer in England, eher unüblich ist und deswegen seine eigene Note bekommt.

Dann haben wir Stranger Cole hier, einer der ganz alten Musiker, der seit 54 Jahren auf der Bühne ist. Er ist immer noch sehr gut dabei und ist Protagonist im Bereich klassischer 60s Ska und früher Reggae.

Monty Neysmith gehört zu einer Musikgruppe, die eine hohe Popularität vor allem in der Skinheadszene hatte. Sie haben ein Genre geprägt, das man Skinhead Reggae nennt. Skinhead Reggae war identitätsstiftend für die Arbeiterklasse und den sogenannten rude boys, die auf Jamaika waren. Rude boys, wie der Name schon sagt, waren Leute, die sich nicht so wirklich gut benommen haben, die es bevorzugt haben, Anzüge, klassische Tonic Suits und schicke Schuhe tragen. Man hat sich da gerne so ein bisschen gangsterhaft gegeben, wie man es später ja im HipHop auch wieder hat.

Arthur Kay steht für das, was man als Two Tone Ska kannte. In den 70er Jahren gab es Bands wie Selecter, Specials, Madness, die im Prinzip relativ Neuzeitliches, nämlich Punk, der etwas melodiöser wurde und den alten Ska Rhythmus gemixt hat, machten und so ein bisschen Turbo draufgelegt haben – dazu gehört Arthur Kay. Typisch englischer Zungenschlag, etwas erdig, relativ einfach gestrickte Musik aber es geht eben gleich ab.

Zum Schluss haben wir noch King Hammond. Er ist ein Reisender zwischen allen Genres und hat u.a. mit Lee Perry einen Grammy gewonnen.  Er produziert unglaublich viel im Bereich Reggae, dirty reggae, wie man ihn nennt, und Ska. Ich habe ihn als Schlusspunkt gesetzt, weil er sehr unterhaltsam ist. Wenn alle genügend bekräutert und beschäumt sind, dann sagen wir: da hauen wir doch noch einen drauf.

Was hat der Veranstaltungsort für eine Bedeutung für euch?

M: Für mich ist das Reduit zum einen Arbeitsstätte, zum anderen natürlich wesentlich mehr, weil es eine ganz andere Perspektive bietet. Es bietet ein vielfältiges Kulturprogramm und die Leute schätzen das schöne Ambiente dieses alten Gemäuers. Wir arbeiten seit vielen Jahren in der selben Konstellation zusammen. Man geht an die Stände und weiß, dass die Leute dort mehr oder weniger noch die Selben sind. Für mich hat demnach die Persönlichkeit und der Geist, der hinter diesem Ort steckt, eine große Bedeutung.

Ich mag es außerdem total, wenn sich die Leute im Anschluß an das Konzert so super brav in eine Reihe anstellen um sich all ihre schönen Platten signieren zu lassen und ein Foto zu machen. In dem Moment denke ich dann: es hat sich alles gelohnt.

B: Ich liebe den Ort in all seinen Facetten. Wir machen hier Kulturarbeit, die weit über Ska hinausgeht. Wir machen Kindertheater, eigene Theaterproduktionen, Konzerte. Was ich gut finde an diesem Ort ist, dass er nicht kommerzialisiert ist, keiner hat hier eine Gewinnabsicht. Der Ort dient der Vermittlung von Kultur über Mainz-Kastel hinaus. Mir persönlich gefällt es z.B. immer gut, wenn ich Platten Cover in den USA zu sehen bekomme, auf denen ein Bild vom Reduit als Hintergrund verwendet wurde. Die Reduit ist ein Ort, wo viele Begegnungen stattfinden. Das Festival ist z.B. ein großes Familientreffen, es kommen Menschen aus allen Teilen der Welt hier her und man trifft immer wieder alte Bekannte.

Positiv sehe ich auch, dass der  Stadtteil uns als Ort akzeptiert. Als wir hier angefangen haben, war das noch nicht ganz so. Skinheads z.B. verbindet man ja allgemein mit Nazis oder Rechten, und natürlich gab es anfangs auch Vorbehalte. Ich bin nicht in die Ska-Szene reingeboren, sondern es war eher ein Experiment, Hermann und ich haben gesagt wir probieren das mal … und am Anfang  habe ich gedacht … oh mein Gott, worauf hast du dich da eingelassen.

H: Diese Verbindung zwischen rechten Skinhead Kreisen und Ska sowie Skinhead Reggae gibt es nicht. Das ist ein Widerspruch. Rechte Skindheads sind in der Regel anders orientiert. Vom Jugendzentrum ausgehend ging von Anfang an das Signal aus, dass es hier niemals Platz für rechtes Gedankengut geben wird.


Was hat der Ska & der Reggae für einen Stellenwert, 2018, im Vergleich zu 1990, als ihr angefangen habt?

H: Ska ist auf jeden Fall eine Nischenmusik. Es gibt in Deutschland eigentlich nur vier Festivals überhaupt, die man nennen kann. Eins ist in Köln, eins in Roßlau und zwei sind hier, in Mainz-Kastel. Das hängt nicht damit zusammen, dass wir was ganz Tolles machen, was sonst keiner kann, sondern es liegt daran, dass die Szene so klein ist. Auf den größeren Festivals ist es durchaus nicht unüblich, das mal eine Ska Band auftritt, aber dass ein Festival das ausschließlich macht, das hat man sehr selten.

Wie kommt ihr zu der Faszination Ska?

H: Ich habe die Musik zum ersten Mal 1976 gehört, da war ich 16. Hat mir gleich gefallen. Ich habe allerdings auch viel Punk gehört, das hat damals in der Szene ziemlich zusammen gehört. Meine ersten Konzerte habe ich außerhalb der Reduit organisiert, das ist schon ewig her. Dann hat sich hier die Möglichkeit ergeben, durch den Hof. Das war genial, so etwas kriegt man nie mehr wieder. Das ganze Team und alles drum herum funktioniert super, es könnte garnicht besser laufen.

Die Faszination ist tatsächlich die, dass wenn du nach England fährst, du unglaublich Vielen in meinem Alter begegnest, die Ska hören. Dort ist es ganz selbstverständlich, dass man mit 60 noch Ska hört, mit 70 – kein Problem. Da wird gefeiert, alles klar. Hier in Deutschland gehöre ich zu einer Generation, die zahlenmäßig etwas stärker vertreten ist. Man sagt ja immer, dass der Ska die älteste Jugendkultur ist, die es tatsächlich gibt. Das stimmt aber auch. Die Damen und Herren, die hier zum Festival kommen, schauen jetzt teilweise dem 70. entgegen und uns gibt es immer noch. Das Interesse für die Musik ist noch da, aber es ist in dem Sinne kein Breitensport.

B: Ich höre Ska sehr gerne, bin jetzt aber nicht in der Szene drinne. Mich interessiert die Veranstaltung zu organisieren.

M: Ich komme eigentlich aus dem Hard-Rock und dem Rockmusik Bereich und bin tatsächlich hier bei Arbeitsbeginn zum ersten Mal mit dieser Nische bekannt geworden. Ich schaue eigentlich immer, was es gibt, höre auch unheimlich gerne alten Blues und denke, dass es allgemein viele Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Genres gibt. Mir gefällt Ska sehr, verbinde es mit guter Laune. Mein Musikgeschmack ist tatsächlich sehr breit aufgestellt. Ich freue mich sehr auf das Festival, höre mir die Bands oft im Auto an.

Wie nehmt ihr die Musikszene in Mainz wahr?

H: Es ist zu spüren, dass Live-Musik am Zurückgehen ist. Das hängt damit zusammen, dass es einserseits ein gewisses Veranstaltungsrisiko darstellt und andererseits Live-Musik ja auch irgendwie eine eigene Art ist um Musik zu konsumieren. Diese Musik hörst du nicht nebenbei, erzählst noch was oder nimmst dein Mittagessen dazu ein. Ein Live Konzert ist direkt. Gerade in so kleinen Zusammenhängen, wie wir sie hier haben, ist es sogar sehr direkt. Da schwitzt man, da geht’s ab – so soll es sein. Das ist dann schon etwas Anderes als wenn man sich so ein bisschen Ambient mäßig beschallen lässt.

Was die Musikszene in Mainz betrifft, sind wir in einem Alter, wo man nicht mehr überall Anschluss hat, das muss man fairerweise sagen. Es ist gut zu beobachten, dass langsam, nach einer relativ langen toten Phase, wieder etwas nachwächst und Leute sich auf die Hinterbeine setzen und sagen, da machen wir jetzt etwas und probieren es aus. Es wird in vielen kleinen Zusammenhängen etwas gemacht, es muss nicht die riesen Halle sein. Man sagt sich: Nein, man macht jetzt nicht den Brummer, wenn 80 Leute kommen ist das auch toll, wenn die Stimmung gut ist. Das kann man grundsätzlich für gut heißen. Wenn für jeden etwas dabei ist, umso besser.

B: Man muss natürlich sagen, dass die Bedingungen für Live-Musik relativ schwierig geworden sind. Uns fehlt so ein bisschen ein Schlachthof in Mainz, das ist ein Veranstaltungsort, der all das vereinigt, was eine Stadt braucht.

Wir haben auch so das Gefühl, dass immer weniger Studenten, junge Leute aus Mainz die Veranstaltungen besuchen.

H: Die Leute sind heutzutage überfordert und es legt sich keiner mehr fest. Was ich heute Abend mache, ist am Morgen in der Regel noch völlig unklar. Leute finden sich immer relativ kurzfristig zusammen. Riverside Stomp ist ein Ding, da bereitet sich mindestens 70% des Publikums nach Bekanntwerden des Termins schon einmal mehr oder weniger intensiv drauf vor, das ist gesetzt.

Dann wollen wir hoffen, dass dieses Jahr viele Menschen aus allen Ecken sich darauf vorbereitet haben und wünschen allen Beteiligten und Besuchern ein tolles Festival. Vielen Dank für das Interview!


Text: Philipp; Fotos: Raphael

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