Franzi Aller

Die Musikerin Franzi Aller ist die Getrude Stein der Mainzer Musikszene. Dem Impuls ihres Dozenten folgend, ruft sie spontan Musiker an, die sie inspirieren, und holt sie auf ihre Bühne – wie damals Picasso, Hemingway oder Fitzgerald in Steins Wohnzimmer geholt wurden. So entstand auch Blue Note, eine Ansammlung von Musikern aus allen Teilen der Welt. Zu sehen ist die Bassistin nun am 5.3. mit dem Project Brandy im gewohnten Musikmaschine-Setting im Schick & Schön.

In Mainz hast du Musik studiert. Wie hat dich dieses Studium geprägt?

Unter dem Titel “Bachelor of Music, Jazz und Populäre Musik” habe ich die letzten Jahre in Mainz als “Studentin der Musik” verbracht. Während des Studiums habe ich gelernt, wie man sich mit Musik auseinandersetzen kann. Auf der einen Seite hat das Studium durch das miteinander Musizieren und Improvisieren sowie durch Einzelunterricht mit den Dozenten eine gute handwerkliche Basis geschaffen. Auf der anderen Seite ging es um das Knowhow verschiedener Bereiche wie Arrangement, Komposition, Musikrecht und Musikproduktion.

Irgendwie ging es halt immer um Musik in all seinen Facetten, wobei es für mich immer als Herausforderung galt, Musik als ein Studium zu sehen. Was mein Studium ausgemacht hat war vielmehr der Kontakt zu ein paar Leuten, die etwas in mir ausgelöst und mir Klarheit gegeben haben. Da wäre sogar der Hausmeister mit dabei, der Philosophie studiert hat und in der Wüste aufgewachsen ist. Er hat genau diese Ruhe reingebracht, die ich als Studentin gebraucht habe um zu proben. Der andere Fall wäre Hendrik Smock, mit dem ich einmal Musik gemacht und dabei besser gespielt habe, weil ich mich in seiner Gegenwart mit seinem Schlagzeugspiel in meiner musikalischen Ästhetik verstanden gefühlt habe. Danke Hendrik.

Es gibt ja ein ziemlich dichtes Jazz Netzwerk an der Uni. Mit wem hattest du etwas zu tun, was geht bei den Leuten?

Es gibt ein paar Musiker, die aus der Jazz-Abteilung entsprungen sind und mir gerade in den Kopf kommen. Da wäre z.B. Jan Felix May, ein gnadenloser Pianist, welcher mit der norwegischen Sängerin Torun Eriksen tourt und 2018 sein Album rausbringt, auf dem ich auch auf einem Track zu hören bin. Bin gespannt.

Dann gibt es da noch Leona Berlin, eine gute Freundin von mir, die mittlerweile in Berlin lebt und auch 2018 ihr Album rausbringt. Es wird fett!

Außerdem zu erwähnen wäre Paula Wegner aka Pauli, Mainzer Sängerin. Ihr Projekt kann grob als elektronischen Pop Soul Musik beschrieben werden, mit einem Hauch von Jazz. Dann Julian Camargo, Schlagzeuger/Producer. Zuletzt noch Louis Grote, ein junger Sänger, von dem noch einiges kommen wird, nach meiner Prognose. Und und und, ich habe auf jeden Fall jetzt Leute vergessen.

Welche Plattformen für Jazzmusiker gibt es in Mainz? Bist du zufrieden mit dem Angebot?

In Mainz gibt es die Möglichkeit, in geilen Locations zu spielen. Manchmal ist das aber nicht so offensichtlich und man muss ein bisschen die Augen offen halten und es ein bisschen pushen. Dann kommen Highlights raus wie undercover Waldparties mit doppelstöckigen Baumhäusern mit Glitzer-Funkel-Ambiente – Grüße an den Fuchsbau – und Konzerten, wie das im Schlossbiergarten mit Peng als Support.

Was ich an Mainz sehr schätze sind die zuverlässigen Jazzkonzerte im schon schön, die wirklich jeden Montag stattfinden. Das sind einfach gute Konzerte mit regionalen und überregionalen Künstlern, bei denen die Leute aufmerksam zuhören und jeder was von hat. Eduardo Sabella, Booker dieser Reihe, hat ein Händchen dafür, da was aufzubauen. Dann gibt es natürlich noch Sebastian Sternal (Jazz Abteilungsleider der Uni Mainz), der dafür sorgt, dass auch wir als Studenten an Orten wie dem Frankfurter Hof spielen können.

Was ist mit Tonkult und wo sind Jazz-Bühnen, die noch nicht alle kennen?

Das sind auch aktive Leute in der Mainzer Jazzszene, die seit einem Jahr Veranstaltungen organisieren und Musiker nach Mainz holen. Gab da immer wieder Konzerte im LOMO, die für Aufmerksamkeit sorgten. Neben schon schön und LOMO gibt es noch andere Orte, die vielleicht noch ein bisschen unbekannter sind aber absolut besonders sind, z.B. das Atelier Schauder, das versteckt im Bleichenviertel von Frau Schauder organisiert wird, die Musikern eine Bühne bietet. Auch an der Musikhochschule gibt es Konzerte, z.B. die Reihe von Jesse Milliner. Jeden Donnerstag können dort Projekte der Abteilung Jazz vorgestellt werden.

Für Mainz sind die Plattformen überschaubar aber man merkt, dass es ein paar Leute gibt, die da Energie reinstecken, das ist die Sache.

Was fehlt?

Manchmal könnten ein paar mehr Musiker da sein, mehr Fluktuation!

2017 war das Jubiläumsjahr einer bereits verstorbener Jazzmusiker wie Dizzy Gillespie, Ella Fritzgerald oder Buddy Rich. Projekte von Yazz Ahmed und Christian Scott (Crossover) oder Esperanza Spalding, die ihr neues Album während einer Live-Performance aufgenommen hat, gehen jedoch andere Wege. Orientierst du dich mit deiner Musik am traditionellen Jazz oder dem modernen Jazz?

Bill Evans hat mir heute meine Mittagspause untermalt, Silvester hab ich mit Louis Coles Musik verbracht, Esperanza Spalding hat der Welt gezeigt, wie sie komponiert, hat mich inspiriert und mein Komponieren verändert. Gerade transkribiere ich Scott Lafaro – Bassist von Bill Evans. Wenn ich der Frage nachgehe, gibt es keinen Entscheidung für oder gegen “traditionellem” Jazz oder “modernen” Jazz – beides kann mich mitschwingen lassen.

In Kompositionen von dir gibt es oft eine Mischung aus Hiphop-Beats und Jazz. Wieso schlägst du diese Brücke? Woher kommt das?

Ich höre verschiedene Musik und zu mancher Musik verspüre ich mehr Anziehung und Resonanz als zu anderer. Ich fasziniere mich für Groove und dessen Simplizität, die ich im Hiphop finden kann. Ich möchte diese Merkmale jedoch in eine komplexere Form bringen, die mehr im Jazz zu finden ist. Dabei spielt eine große Rolle, dass ich sehr daran interessiert bin, Simplizität mit Komplexität musikalisch zu vereinen und dadurch den Rahmen für Improvisation zu schaffen. Das Ergebnis kann dann inspiriert von J-Dilla bis Bill Evans sein.

Mit welchen Künstlern in der Umgebung arbeitest du zusammen, wie sieht ein Projekt so aus?

Ein Highlight für mich war die Zusammenarbeit mit Negroman (Rapper, bis vor kurzen noch based in Mainz). Wir hatten uns zu einer Session getroffen und das Zusammenkommen von seinem Rap und meinem akustischem Bass war magic für mich. In dieser Session hatte ich das Gefühl von flow, d.h. ein Gefühl, dass uns die Musik zueinander bringen kann. Video Material dazu wird bald veröffentlicht.

Als Leader des Projekts konnte ich dann noch ein paar andere Musiker anfragen, die mich ansprechen. Es war es für mich spannend zu erleben, wie meine eigenen Kompositionen sich durch die Einzigartigkeit der verschiedenen Musiker verändern konnten. So haben manche Kompositionen von mir mit dieser Mischung an Musikern mehr Sinn gemacht. Das liegt daran, dass es für das Komponieren im Zusammenspiel mit Anderen so viele verschiedene Parameter gibt, die gleichzeitig mitwirken. Als Parameter verstehe ich z.B. Musiker, Komposition, Arrangement, Publikum, die dahingehend auf meine Komposition Einfluss nehmen, als dass sie mir aufzeigen, welche Teile meiner Komposition funktionieren und welche nicht.

Ich fand dieses Bild von Blue Lion, was du auf Instagram hast, sehr ansprechend. Da steckt so viel Energie dahinter. Könntest du dieses Bild beschreiben? Was für Leute sind da zu sehen und was haben sie ausgestrahlt? Verspricht das Bild das, was es dann zu hören gibt?

Ja total. Das Bild ist zwischen Soundcheck und dem ersten Konzert der Tour entstanden. Der Shoot hat etwa zehn Minuten gedauert und entstanden ist ein Bild, dass die Dynamik und bunte Leidenschaft von dem Projekt Blue Lion einfängt. Dank an Saron Duchardt, dem Fotographen!

Ich habe vor über einem Jahr Blue Lion gestartet. Jesse Milliner gab mir den Funken dazu. J. M. ist für mich ein inspirierender Musiker, Komponist, Mensch – bin sehr dankbar, dass ich von ihm lernen kann. Er hat mich dazu inspiriert, genau die Musiker anzurufen, die mich faszinieren und sie zu fragen, etwas mit mir zu starten. Dadurch ist dieser Mix von Blue Lion entstanden.

Derrick Dymalski (sax/Miami) hat in Mainz ein halbes Jahr ein Auslandssemester gemacht. Er hat in Mainz einiges gesprengt, dadurch dass er, egal in welcher Konstellation, Musik gemacht hat. Ihn wollte ich dabei haben, weil er mir in meinem musikalischen Schaffen Vertrauen gegeben hat. Dann war da noch Jan Felix May, ein Pianist, der mich berührt, wenn ich ihn live höre. Matheus Jardim (drums/Wien) habe ich in Wien auf einer Session kennengelernt. Wir hatten gejammt, nicht viel geredet und es war klar, dass wir in irgendeiner Form eingerastet sind. Und zu guter letzt Roman Klobe (git/Berlin). Das ist ein Musiker, der sich um die Musik kümmert und bei dem ich sehe, dass er auf der Suche ist. Ich genieße Musiker, die mich “öffnen” können, in anderen Worten vielleicht so ausgedrückt: Musiker, die mich besser spielen lassen, die mich wachsen lassen, die hören, sehen, tasten.

Wie ging es weiter? Was habt ihr gemacht?

Wir haben uns in Mainz getroffen, geprobt, und dann die Tour mit einem Konzert im schon schön eröffnet. Wir waren insgesamt 10 Tage auf Tour durch Mitteldeutschland. Wir hatten z.B. ein Studiokonzert im Red Horn District nähe Detmold, bei dem eine Live-Session entstanden ist, die demnächst online zu sehen sein wird. Mein persönliches Highlight war das Konzert im Jazz Montez und der anschließenden Aftershow-Party, weil das Publikum voll dabei war und wir deswegen die Bühne einfach genießen konnten.

Wirft bei so einem Konzert dann jeder seine Spielweise rein?

Zuerst entstehen Kompositionen, die das Fundament für mich und meine Mitmusiker sind. Der Rest passiert dann in Proben und auf der Bühne. Jeder Musiker hat seinen einzigartigen Sound und bringt im optimalsten Fall Musik, wie er sie selbst fühlt, ans Ohr der Mitmusiker und des Publikums. Und wenn Musiker zusammen kommen und jeder dies macht, kann ein gemeinsames Fließen passieren, welches bestimmt wird durch die feinsten bis gröbsten musikalischen Nuancen des Einzelnen.

Wie unterscheiden sich Projekte, wo du mitwirkst, z.b. Minority von Blue Lion?

Minority ist eine Piano Trio aus drei Leadern. Somit bringt jeder Musiker Kompositionen mit in dieses Projekt, die musikalische Leitung ist gleichmäßiger verteilt. Dadurch, dass wir nur zu dritt sind, ist viel Raum für Flexibilität. Das Projekt um Blue Lion ist mehr auskomponiert und ich habe meiner Aufgabe als Leader mehr nachzugehen.

Was steht 2018 an?

2018 wird bunt.
Unter anderem komme ich mit dem Projekt Blue Lion im April wieder zusammen, wir spielen paar Konzerte, z.B. am 21.4. auf dem MOJAZZ Festival in Moers. Im November steht dann eine größere Tour an.

Dieses Jahr gibt es für mich außerdem einen neuen Bass.
Und s p i e l e n s p i e l e n s p i e l e n ///

Die nächsten Dates in der Umgebung:
5.3. schick und schön MAINZ / zu hören mit dem Projekt Brandy
9.3. Fridaysmuße in der Malstube – Frankfurt
18.3. Tonkult groovt. The Jazz’n’Groove Session im Alexander the Great
2.5. Jazzkeller Frankfurt / zu hören mit Peter Klohmann

Franzi, Danke für das Interview! Man sieht sich! 

Photos: Saron Duchardt

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