Live: Grundfunk

Die Mainzer 12er-Hip-Hop-Big Band Grundfunk hat Fauves in ihren Proberaum eingeladen, um zu zeigen, was man am Mittwoch, den 13.12. um 21:00 (Einlass 20:00) im LOMO (Mainz) erwarten kann: Eine absolut abgefahrene Live-Performance mit mehrstimmigem Gesang, Rap, Schlagzeug, Bass, Gitarre, DJ, Saxophon, Trompete und Posaune. Das Ganze ist sehr gut tanzbar und macht gute Laune. Im Interview erzählt Grundfunk-Mitgründer Kai (KFJ), der gleichzeitig einer der beiden Rapper der Kombo ist, von Grundfunks Anfängen und der Hip Hop-Szene in Mainz.

In euren Liedern geht es ja auch um eine Suche nach dem verlorenen Hip Hop. Findet man den Hip Hop hier in Mainz?

Das ist auf jeden Fall eine gute und schwierige Frage direkt zum Einstieg. Ich höre gerade ein Album von einer Künstlerin aus Mainz rauf und runter – und zwar das Album von Mine & Fatoni, “Alle Liebe nachträglich”. Dieses Album finde ich extrem gut, ich bin fast ein bisschen hypnotisiert davon.

Aus welchem Grund?

Ich finde das Album enorm musikalisch und gleichzeitig enorm atmosphärisch, unabhängig davon, dass viele Lieder von Beziehungen handeln – was jetzt nicht mein ursprüngliches Zugangsthema wäre. So jemand wie Mine macht sich ja auch Gedanken, in wie fern man sein musikalisches Produktionszentrum in Mainz sehen kann und sollte. Soweit ich weiß, ist sie jüngst nach Berlin umgezogen, was, wenn man so will, natürlich schon etwas aussagt. Ich will damit nicht sagen, dass es hier in Mainz keine Szene gibt – die gibt es bestimmt. Da gibt es ja auch einige, die man sofort nennen kann: beispielsweise die Sichtexot-Crew um Luk&Fil, Kram aus der Ecke (Hip Hop-Kombo aus der Neustadt), und eben uns, Grundfunk. Geht also schon was.

Wie kam es zu Grundfunk?

Ich komme ursprünglich aus Norddeutschland, Emden. Ich war lange auf Solo-Pfaden unterwegs und habe bis 2009 unter meinem Künstlernamen KFJ viel veröffentlicht. Zu der Zeit waren auch Nils (Arro G.2) und Simon (Si-MoN) als Zweierkombo unterwegs. Die hatten sich hier in Mainz schon getroffen und das Album “Hier spielt die Musik” aufgenommen. Nils und ich haben uns während des Publizistikstudiums kennengelernt und das in einer Phase, in der gefühlt einfach jeder, der nach Hip Hop aussah, auch Hip Hop gemacht hat (2007-2011). Zu der Zeit wurde meiner Meinung nach in der Breite deutscher Hip Hop immer schlechter. Umso überraschter waren wir – also Nils und ich – als wir nach anfänglicher, wechselseitiger Skepsis dann nach beidseitigem, wechselseitigem Studium der Tracks des Anderen feststellen mussten: das hier ist ne Ausnahme! Denn das ist geil!

Im Lied “Schimmelpilz”, was Nils und Simon produziert haben, heißt es ja: “Such dir eine andere Crew, wenn du keinen Inhalt willst”. 

Genau. Im Endeffekt war das wahrscheinlich DIE Brücke zwischen Nils, Simon und mir, dass wir eben weniger Wert legen auf diese standardmäßige Hip Hop-Attitüde und vor allem Interesse daran haben, Inhalte musikalisch umzusetzen, die uns persönlich wichtig erscheinen. Da gab es eine große Schnittmenge und auch skillmäßig haben wir uns gefeiert. So war es nur logisch, recht schnell zu sagen: “Lass uns doch mal was zu dritt starten.” – so ist dann Grundfunk entstanden.

Wie ist die Geschichte von Grundfunk, Vergangenheit bis Gegenwart?

Grundfunks Kern besteht im Endeffekt aus zwei Strömungen: einmal mir als ehemaligen Solokünstler sowie eben Nils und Simon, die ja schon zusammen Musik gemacht haben, als wir drei uns kennenlernten. Simon ist Grundfunks Produzent, Nils ist wie ich Texter und Rapper. In dieser 3er Konstellation haben wir dann 2009 angefangen, an einem Album zu feilen. Das (“Bitte kommen”) kam Ende 2012 raus. Anfang 2013 hatten wir dann auf einer der ersten Block-Partys, die damals noch oben beim Baron (Uni-Campus) stattfanden, unser – wenn man so will – Release-Konzert. Danach ging ich ein Jahr nach Australien und wir mussten unsere gemeinsame Arbeit erstmal auf Eis legen. Wir haben dann jeweils jeder für sich Solo-Projekte weitergemacht. Ich habe mein Projekt 2013 veröffentlicht, das ist eine EP („Rückspiegel“) zusammen mit EDK, mein engster Wegbegleiter aus der ehemaligen Emder Hip Hop-Clique. Simon und Nils haben 2016 ihr Projekt “Zeitgeist-Express” veröffentlicht, aus dem auch das Lied “Schimmelpilz” ist.

Was war dann der Plan, als ihr wieder zusammen gekommen seid?

Uns ist, als wir wieder zusammen gekommen sind, klar geworden, dass wir nur noch mit einer Big-Band auftreten wollen. Die Umsetzung des damaligen Albums fand schon mit extrem vielen Gastmusikern statt, organischen Einflüssen und wenig Synthetik. Schon beim Grundfunk-Album stand die Musik im Endeffekt gleichberechtigt neben dem Rap und uns war es wichtig, dass das auch live zur Geltung kommen sollte – eben: mit einer großen Band. Anfang 2013 war das noch eine 5er Besetzung: ein DJ, ein Saxophonist, eine Sängerin und mit Nils und mir zwei Rapper und ein Teilzeit-Trompeter. Ende 2013 haben wir dann versucht, die Band weiter auszubauen, was mit einem ziemlichen Aufwand verbunden war. Wir mussten zuerst einmal Musiker finden, die mit uns Bock hatten, die Geschichte umzusetzen. Noch schwieriger war dann, einen Proberaum zu finden. In Mainz gibt es eine Riesen-Nachfrage danach aber wenig Angebote. Erst Mitte April 2014, also gut fünf Monate später, konnten wir mit unseren Proben anfangen, um unsere Musik live umzusetzen. Bis heute sind wir dran, das Live-Programm auszubauen. Inzwischen füllen wir anderthalb Stunden mit einer Band von zwölf Leuten. In der Band ist nun zusätzlich ein Schlagzeuger, ein Bassist, eine große Bläsersektion mit Saxophonen, Posaune und eben Trompete. Was weitere Entwicklung angeht, ist inzwischen der Fokus zum einen, das Bühnenprogramm auszubauen, zum anderen aber auch, ein Netzwerk zu schaffen, um viel und gut spielen zu können. Dieses Jahr waren wir z.B. auf dem „Schlossgrabenfest“ in Darmstadt, im „Wohnzimmer“ in Wiesbaden, auf der „Fete de la Musique“ in Homburg oder auch im „schon schön“ hier in Mainz.

Ich ess’ mein Robbensteak am liebsten auf nem Elfenbeinteller gönn mir Tabletten statt Ruhe, denn die helfen weit schneller – Zeit ist mir zu langsam, ich liebe virtuell und die Globalisierung ist mir viel zu provinziell.

Welche Themen verarbeitet ihr in unterschiedlichen Liedern, z.B. “Mars”, “Hass oder lieb es” und “Allzumenschlich”?

Wir haben eine relativ große Bandbreite an Themen. Bei dem Lied “Mars” geht es im Endeffekt um unseren vermeintlich normalen Umgang mit der Welt, der aber dazu führt, dass wir irgendwann diese Welt verlassen müssen, um mit dem Mars den nächsten Planeten anzusteuern, um auch ihn vor die Wand zu fahren – eine, zugegeben, sehr pessimistische Ansicht, aber ohne Zeigefinger. Oft versuchen wir eine Ist-Situation zu beschreiben, oft auch auf sehr sarkastische und übertriebene Art und Weise, die dem Zuhörer die Freiheit gestatten soll, eigene Schlüsse zu ziehen. Aus der Ich-Perspektive wird erzählt, wie wir uns im Alltag verhalten und bei „Mars“ gehen wir davon aus, dass das Verhalten relativ egoistisch ist und wir zum Teil in einem absoluten Ich-Kosmos leben. Der wiederum führt dazu, dass das große Ganze, das außerhalb dieser Sphäre liegt, in Mitleidenschaft gezogen wird. Nils’ Part z.B. geht los mit: “Ich ess’ mein Robbensteak am liebsten auf nem Elfenbeinteller gönn mir Tabletten statt Ruhe, denn die helfen weit schneller – Zeit ist mir zu langsam, ich liebe virtuell und die Globalisierung ist mir viel zu provinziell”. Im Endeffekt ist das Lied eine Gesellschaftskritik mit der Quintessenz: Wir verkacken hier alles, aber das interessiert uns nicht, weil wir technisch so weit sind, dass wir uns nach erfolgreicher Zerstörung unseres Heimat-Planetens einfach in eine Rakete setzen und zum Mars fliegen. Tschüss.

Im Video hat z.B. der Protagonist am Anfang eine Cola-Dose in der Hand. Diese Dose schmeißt er hinter sich auf den Boden. Am Ende des Videos ist die Rakete zu sehen, die auf dem Mars landet, und der gleiche Protagonist steigt aus und wirft wieder seine Cola-Dose auf den Boden. Ganz nach dem Motto: Es geht einfach schön so weiter. Oder anders gesagt: Unabhängig davon, dass sich unsere technischen Errungenschaften verändern, im Schädel der Menschen hat sich nicht so richtig viel getan. Diese kritische Sichtweise auf Alltagsverhalten, das die allermeisten Menschen als völlig normal empfinden, das findet sich bei Grundfunk ganz oft.

Es gibt aber auch Songs, in denen wir etwas von unserem Seelenleben preisgeben, z.B. im Lied “Hass oder lieb es”. Das ist ein Song, dessen Quintessenz ist, dass wir in erster Linie Musik für uns machen und dass es erst im zweiten Schritt eine Rolle für uns spielt, was andere Menschen darüber denken. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht wünschen, dass das Publikum unsere Musik feiert, sondern eher, dass wenn das nicht so wäre, es nichts an unserer Überzeugung ändern würde, Musik zu machen und uns künstlerisch auszudrücken.

“Allzumenschlich” ist auch ein Lied, das wir visuell umgesetzt haben. In dem Song geht es um die einfache Frage, ob man jeden Tag dem Leben einen Sinn geben muss oder man nicht auch einfach mal ohne Sinn vor sich hinleben darf. Da geht es letztlich auch um die Frage, ob ich ständig daran denken sollte, Karriere zu machen, immer auf Ziele hinzuarbeiten, mich stetig weiterentwickeln zu wollen – oder ob es nicht auch mal sinnvoll wäre, zu sagen: es ist okay, für eine gewisse Phase einfach nur zu leben, ohne so streng und verkrampft darüber nachzudenken, wie man sich jetzt unbedingt fortentwickeln kann. Das haben wir im Video umgesetzt mit einem Superhelden, der sich am Sonntag, seinem eigentlich freien Tag, fragt, ob es legitim ist, jetzt mal nichts zu machen, obwohl er Superman-Kräfte hat und Menschenleben retten könnte.

Wie entsteht so ein Songtext, wie läuft das ab? 

Ganz unterschiedlich: Beispielsweise bei „Mars“. Da hatte Simon den Beat produziert, ohne dass es einen Text dazu gab. Ich habe den Refrain gehört, dessen Melodie-Linie mit einem Synthie umgesetzt war und sofort den Text zur jetzigen Hook im Kopf gehabt. Dann habe ich einen ersten Vers dazu geschrieben und Nils die Idee rübergeschickt. Wenn Nils das dann feiert, dann schreibt er was. Und wenn ich das dann retour feier und auch Simon, landen wir alle irgendwann im Studio und setzen es um.

Es kann natürlich aber auch so laufen: Nils brennt was auf der Seele, schreibt einen Vers, schickt mir das rüber und sagt: “Ey Kai, wie sieht es hiermit aus – schreibst Du auch was?”. Wenn ich das kann, wenn der Funken überspringt, mach ich das. Es ist also ein Hin und Her. Manchmal hab ich ne Idee, schreib nen 16er, schicke das Nils rüber und sage “Nils, wie sieht’s aus, inspiriert?” Manchmal geht es andersherum. Oder Simon lässt eine brandneue Komposition vom Stapel und Nils und ich flashen so darauf ab, dass wir was drauf umsetzen wollen.

Also inspiriert ihr euch mit so kleinen Schnipseln?

Mit größeren und kleineren Schnipseln – könnte man sagen, ja! Generell ist es eben oft so, dass der eine 16 Zeilen liefert, und der andere thematisch darauf einsteigt. In dem Fall gehen wir mit dem Text zu Simon und hören uns ein paar Sachen von ihm an, um zu schauen, ob da was thematisch passt. Bei “Mars”, wie schon kurz angedeutet, war es eben komplett anders. Die Musik von Simon war da und hat mir den Text sozusagen in den Kopf geschossen.

Was hälst du von der Musikszene in Mainz? Findest du dass Mainz ein guter Standort ist, um Musik zu machen? 

Ich komme aus Emden, 55.000 Einwohner. Damals gab es dort eine ziemlich große Hip Hop-Szene. Ich war dort mit extrem vielen Künstlern norddeutschlandweit über Bremen, Hamburg, Cuxhaven verbunden und es gab dann eben auch gemeinsame Aktivitäten, wie z.B. Gigs und Touren. Es gab wirklich eine Szene, eine große Gruppe von Menschen, die alle das selbe Interesse hatten und sich unterstützt haben und, ehrlich gesagt hatte, ich diesen Eindruck von Mainz nicht, als ich hier her gekommen bin. Es gab zwar ein paar Lager, aber ich hatte immer das Gefühl, dass die sehr unter sich sind. In der Neustadt gibt es z.B. einige Leute, die machen hier Mucke …

… gibt oder gab?

Beides. Damals gab es z.B. Separate, der hier sein Label „Buckwheats“ hatte – da haben damals ein paar Leute aus Mainz mitgemischt z.B. Geeno, Turkish, dann ein paar Leute von außerhalb, Vega aus Frankfurt. Unabhängig davon, dass ich z.B. viel Kontakt zu Geeno hatte, der inzwischen auf Mallorca Mucke macht, hatte ich persönlich immer das Gefühl, dass es in sich geschlossene Gruppierungen sind, die ihr Ding machen, aber nicht über 4, 5 ,6 Gruppierungen zusammen versuchen, so eine Szene aufzubauen. Aber: Vielleicht muss das auch nicht sein und es ist ein Vergangenheits-Ding. Im Endeffekt ist die Grundfunk-Krew auch ein mehr oder weniger abgeschlossenes Musik-Universum mit dem Kern aus Simon, Nils und mir, die sich seit Jahren kennen und zusammen Mucke machen, und unserer geilen Band, die inzwischen ja auch schon seit fast vier Jahren am Start ist. Und das ist auch völlig okay. Damals, zur Albumproduktion, waren wir noch sehr eng mit „The One & Only“ von den Audiotreats, bei dem wir unser Album “Bitte kommen” aufgenommen haben. Der hatte damals auch für Dendemann, Nico Suave oder Samy Deluxe produziert. Diese Base gibt es aus traurigen Gründen heute leider nicht mehr für uns. Conclusio: Ich kenne hier in Mainz ein paar Leute, die Musik machen, aber ich kenne zumindest die Hip Hop-affinen eigentlich alle nicht persönlich. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir auch gar nicht mehr so sehr ein Interesse daran haben, in der Hip Hop-Szene verwurzelt zu sein. Das, was wir mit Grundfunk machen, ist zwar immer noch Hip Hop, aber es ist keine klassische Kopfnicker-Musik mehr, sondern Tanzbares, das brutal nach vorne geht.

Ich habe gehört, dass eure Live-Performance sehr beeindruckend ist.

Hab ich auch gehört! Es ist definitiv ein sehr abwechslungsreiches Live-Programm mit unterschiedlichsten Klangfarben: Wir haben sowohl Ska-mäßig angehauchte Nummern, als auch sphärische Songs, die zum Träumen einladen, bevor es wieder voll ins Gesicht gibt. Alles mit einer Riesenband, die mega Bock hat, zu rocken. Wie bringen jetzt klanglich und optisch das auf die Bühne, was wir uns 2012 vorgestellt hatten. Davon überzeugen kann man sich übrigens kommenden Mittwoch im Lomo in Mainz – da geben wir unser Jahresabschlusskonzert! Vielleicht sehen wir uns ja!

Photos: (1) Grundfunk Press; (Rest) Fauves

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