Martin Kohlstedt

Nach seinen Alben Tag und Nacht erscheint am 17.11. Martin Kohlstedts neue Platte Strom, auf der Klavierklänge und elektronische Elemente in Diskurs miteinander treten. Das Mainzer Publikum bekommt schon am 18.11. (20:00) im Capitol Kino die Möglichkeit sich von dieser Symbiose mitreißen zu lassen. Tickets gibt es hier! Trotz seines eng getakteten Terminplans, hat sich der Pianist die Zeit genommen, mit Fauves über tiefsitzende Kindheitserinnerungen, seinen Schaffensprozess und die Interaktion zwischen Publikum und Musiker zu sprechen.

Deine Alben Tag und Nacht fassen die ersten 27 Jahre deines Schaffens zusammen. Welches Lied entstand zuerst? In welcher Lebensphase hast du dich bei dessen Entstehen befunden?

Eigentlich begann alles mit dem Stück OMB, dem letzten Stück auf der Tag – Platte. Die Grundlage war das allererste A, das ich immer wieder zum Ticken unserer Wohnzimmeruhr gespielt habe. Ich habe diese Beschäftigung als sehr meditatives „Zu-mir-kommen“ empfunden. Damals muss ich um die zwölf Jahre alt gewesen sein, das ist mittlerweile 17 Jahre her. Ich habe im Laufe der Zeit immer wieder andere Motive und Loops entwickelt und mir verschiedene kleine Legobausteine zusammengebastelt, mit denen ich irgendwann kommuniziert habe.

 

Hat dich deine klassische Klavierausbildung bei diesem Schaffensprozess beeinflusst?

Die Einflüsse meiner Klavierausbildung sind sehr spät dazu gekommen. Ich habe erst mit 14, 15 Jahren angefangen Klavierunterricht zu nehmen. Dieser Unterricht hatte einen sehr interaktiven Charakter, war jazzlastig, auch vom theoretischen Ansatz in verschiedene Richtungen ausschweifend. Meine eigene Musik habe ich erst später einem gewissen Vokabular unterzogen. Zunächst habe ich ganz für mich gespielt. Ich habe Töne so aneinandergereiht, dass sie für mich passten. Und ich glaube es war auch ganz gut, diese Sequenzen erst im Laufe der Zeit mit Jazzvokabular zu bespicken.

In einem deiner Interviews bezeichnest du deine Alben „Tag“ und „Nacht“ als Gegensätze, die eine Einheit ergeben. In welchem Bezug steht dein neues Album „Strom“ zu den beiden Vorgängern?

Schon beim Ausgebähren von Tag war mir irgendwie klar, dass die Nacht kommen muss. Diese Erwartung ist für mich sehr entscheidend gewesen. Zwischen Tag und Nacht lag auch ein sehr persönliches Ereignis. Die 18 Musikstücke rahmen sozusagen all das ein, was mich in dieser Zeit geprägt und beschäftigt hat. Es entwickelt sich ein geschlossener Zirkel der intuitiven Kindheitsstücke. Was Strom versucht, ist einen Kontext zu schaffen. Begleitet von einem zusätzlichen Partner: den elektronischen Instrumenten. Da wird mit Bass und Rauschen etwas erzeugt, was schon eher einem Diskurs entspricht. Sie finden zwar zueinander, aber letztlich sind sie doch Einzelspieler für sich. Sie brauchen einander und ermöglichten so eine völlig andere Art des Musizierens. Das Klavier konnte sich auf den Synthesizer verlassen oder auch andersherum: zunächst hat das Klavier den Grundstein gelegt und dann entfalteten sich die Synthesizer darüber. Die Interaktion hat neue Formen zum Vorschein gebracht, der eher im Unterbewussten angesiedelt sind. Man hat mehr dahingeklimpert, viele Wiederholungen gespielt, bis man überhaupt nicht mehr darauf geachtet hat, wie lange man schon spielt. Und dadurch ist dann Strom, abgeleitet von „Strömung“ entstanden. Es beschreibt den Moment, in dem man gar nicht das Gefühl hat, man hätte aktiv komponiert. Dementsprechend basiert das Album auf einem sehr intuitiven Ansatz. Für mich war das der richtige Ansatz ein neues Kapitel zu beginnen.

 

Klingt ganz so, als sei zunächst die musikalische Gestaltung dagewesen, der du dann mit dem Titel Strom am besten nachspüren könntest.

Es war tatsächlich ein Stück weit so. Ich habe es mal als Äther bezeichnet. Man hat das Gefühl, die Musik ist schon immer dagewesen und man bedient sich nur noch ihrer. Diese Herangehensweise des beharrlichen Wiederholens gab es ja im Surrealismus auch schon. Irgendwann setzt dann etwas ein, was so mancher als „Langeweile“ bezeichnen würde, aber in diesem Moment wird das Unterbewusstsein aktiv und sucht diesen gewissen Bereich dazwischen. Da habe ich gebohrt. Das spiegelt sich auch in der kompletten Gestaltung und besonders im Vorbereiten des Albums wider. Es ging mir darum, kein Studio einzukaufen und sich irgendeinem Zeitdruck auszusetzen, sondern alles so weit laufen zu lassen, wie es möglich ist. Und das auch live zu tun. Alle Einflüsse aufeinanderzujagen und die Flussbewegung zuzulassen.

 

Du hast gerade schon deine Liveerfahrungen angesprochen. Deine Konzerte finden an den unterschiedlichsten Orten statt, alteingesessene Kulturstätten, aber auch Festivals wie dem Fuchsbau. Dementsprechend stelle ich mir dein Publikum recht gemischt vor. Inwiefern beeinflusst deine Zuhörerschaft deine Performance?

Das ist ja gerade das Schöne. Ob das Konzert auf einem russischen Hausdach bei einem Technofestival oder in einer klassische Halle im Iran stattfindet: diese Einwirkungen von außen erschaffen jedes Mal eine völlig eigene Welt. Wenn man dann in der Elbphilharmonie steht oder vorm Kamin, wo Leute im Schneidersitz sitzen, wie bei einer Zeremonie. Diese gewisse Grundoffenheit, wie sie bei Fuchsbau-Festivals beispielsweise herrscht, kann ganz unterschiedliche Prozesse freisetzen. Dieses gegenseitige Vertrauen ermöglicht, dass man gemeinsam in eine Richtung arbeiten kann. Je größer der Resonanzkörper wird, desto mehr kann man mit diesem Vertrauen bewegen. Da traut man sich das Stück an eine Grenze zu treiben und auch selbst das Scheitern zuzulassen. Genau an dieser Stelle wird es spannend für mich, weil man eine gemeinsame Konversation ausarbeitet. Und da lasse ich im Moment jeden Ort zu und spüre, was tatsächlich möglich ist.

 

Mit deiner Musik sprichst du junges und auch älteres Publikum an. Wie kannst du dir das erklären?

(Lacht) Spannende Frage. Das Schöne ist, dass jedem Lied oder Motiv eine Menge Sehnsüchte anhängen. Man lehnt die Musik an etwas Vergangenes an und das ist auch der Grund, warum die Stücke niemals abgeschlossen sind. Diese kindlichsten Sehnsüchte werden bis ins Alter mitgenommen. Wenn man bitterehrlich wird und dort nachspürt, wo es wehtut, muss man zugeben, dass all das Vergangene im Hier und Jetzt noch aktiv ist. Das reicht von den kleinsten Verlustängsten bis hin zu den ganz großen Dingen, die man nicht versteht, Abgrenzungsenergien, Gerüsten von denen man sich lösen will. Und das bleibt so von der Pubertät bis ins hohe Alter.

 

Und inwiefern passt deine Musik gerade in die jetzige Zeit? 

Wir leben in einer Zeit, in der fast nichts mehr richtig und nichts mehr falsch ist. Versuche etwas anzuloten werden direkt ans Kreuz genagelt. Deswegen nehme ich meine Auseinandersetzung mit der Welt live, spontan und instrumental vor. Live kann ich die ganzen Sachen passieren lassen, frei von ständigen Bewertungen. Ich kann dieses blöde Über-Ich, das da immer herumkontrolliert und an einem rumschraubt loslassen und einfach ein Affe sein, der mit seinen zehn Fingerchen dieses wunderschöne Instrument auseinandernimmt.

 

Dann bin ich mal sehr gespannt auf dein Konzert im Capitol! Danke für das Interview!

Photos: Steffen Suuck (1) Peter Runkewitz (2&3)

Written By
More from Marie

Leave a Reply

Be the First to Comment!

Leave a Reply

  Subscribe  
Notify of