Shantel & Bucovina Club Orkestar

Shantel ist nicht nur disko disko partizani, sondern ein ausgezeichneter Musiker, der Klänge aus allen Teilen der Erde -sei es aus Griechenland, Israel oder Rumänien- mit anderen Musikeinflüssen verbindet, um uns die Vielfalt und Diversität dieser Welt aufzuzeigen. Nun hat er ein neues Album rausgebracht: Shantology // The Bucovina Club Years. Der digitale Release enthält 33 Mixes, Lieder aus der Shantel Ära beginnend in den späten 90er Jahren bis 2007. Für das FAUVES Magazin steht er uns schon früh am Morgen Rede und Antwort und spricht über seine Reisen, seine Wurzeln und Einflüsse. Übrigens: Am 9.11 um 21:00 (Einlass 20:00) ist er im Frankfurter Hof zu sehen. Tickets gibt es hier.

Deine Musik ist ja eine Mischung aus unterschiedlichsten Musikrichtungen und -einflüssen. Was ist da eigentlich die Idee dahinter und vor allen Dingen wo kommt diese Idee zustande?

Ich gehe grundsätzlich einer Verortung aus dem Weg, weil ich permanent in Bewegung bin. Zwar habe ich mein Standbein in Frankfurt am Main, aber durch meine internationalen Touraktivitäten und DJ-Reisen bin ich immer in globalen, musikalischen Zusammenhängen tätig. Ich beobachte mit großer Freude, dass es die aberwitzigsten Querverbindungen und Crossover vom Sound hergibt und dabei ein sehr kosmopolitischer Spirit auftaucht.

Der Westen hat in der Rezeption das Problem, dass die Hörbarkeit von Vielfalt und Diversität nicht funktioniert, weil die Medien eine starke Ausgrenzung vornehmen.

Wir haben heutzutage so ein bisschen das Problem, dass wir Musik sehr gerne in Sparten, musikalische Genre, unterteilen und dann oft das Gefühl haben, dass das ja garnicht alles unter einen Hut passt. Wenn ich mich aber in einer Metropole bewege, kann ich die Möglichkeit nutzen, Musik zu kreuzen und die Vielschichtigkeit der Popkultur mit einzubeziehen. Das ist für mich ein sehr natürlicher Arbeitsprozess, weil auch unsere Gesellschaft sehr vielfältig ist oder sein sollte – und das muss hörbar gemacht werden. Der Westen hat in der Rezeption das Problem, dass die Hörbarkeit von Vielfalt und Diversität nicht funktioniert, weil die Medien eine starke Ausgrenzung vornehmen. Viele sind bei Musik sehr konservativ. Wenn sie z.B. Musik aus Rumänien hören, dann darf das nur eine Gypsy Band sein, die auf akustischen, handgemachten Instrumenten spielt. Es muss alles authentisch sein. Das wäre so, als wenn man sagen würde, in Deutschland höre man nur alpenländliche Musik.

Wo bist du denn sonst noch unterwegs? Hast du Beispiele für diese Crossover-Musik?

Wir waren vor kurzem in Südamerika. In Buenos Aires z.B. geht es gerade richtig ab. Da machen Kinder auf Heimcomputern und ganz rudimentären Programmen völlig irrwitzige Crossover Geschichten, während wir hier immer noch diesem alten Rhythm & Blues wiederkäuen. Ein Kollege von mir, Daniel Haaksman, hat sich auf seiner Platte um den Afro-Crossover gekümmert, das ist eine Hardcore-elektronische Verschmelzung zwischen Tradition und Moderne.

Ich reise sehr gerne, identifiziere mich darüber und merke, dass Musik Ausdruck eines Lebensgefühls ist und Dinge wie Vielfalt transportieren kann. Das versuche ich auf meine Art zu dokumentieren.

1997 habe ich ein Jahr in Tel Aviv gelebt, deswegen habe eine große Affinität und einen starken Bezug zu Israel. Tel Aviv war für mich eine ganz wichtige Station. Ich komme gerade aus Ramallah, wurde zum ersten Mal nach Palästina eingeladen, auf ein Festival. Dort gibt es zurzeit eine sich komplett neu erfindende Szene.

Was für eine Szene?

In Ramallah gibt es zurzeit eine Szene aus jungen Musikern und Produzenten, die alle versuchen arabische Einflüsse mit westlichen Komponenten zu verschmelzen.

In ZDFAspekte gab es eine Doku zu sehen, in der du zurück zu deinen Wurzeln reist, nach Bukovina, dort, wo dein Großeltern gelebt hatten. Wie hat dich diese Reise geprägt?

Nach dem Tod meiner Großeltern war niemand mehr in Bukowina, das war während der Zeit des Eisernen Vorhangs auch garnicht mehr möglich. D.h. ich bin als Kind immer mit diesem mystischen Begriff “Bukowina” konfrontiert gewesen, dieser magische Vielvölker Staat, wo sich die Kulturen verbrüdern und die Hand reichen. Das war der Mythos. Als ich dann zum ersten Mal dort war, ist mein romantisches Bild, was ich von diesem Ort hatte, in sich zusammengekracht. Das Bild hatte überhaupt nichts mehr mit der Realität zu tun. Das große Dilemma ist, das diese symbolträchtigen Regionen und die Vielfalt durch das Nationalstaat-Denken kaputt gehen.

Wie kam es zu deinem Album “Viva Diaspora” (2015)?

“Viva Diaspora” ist ein Roadmovie Album, das ich in Griechenland produziert habe. Es zeigt, wie man den Tag in Athen erlebt. Es fängt akustisch und entspannt an, wird dann auch mal traditionell … und nachts läuft dann Hardcore-Elektro Sound auf den Parties.

Stimmt, in der Mitte des Albums habe ich gemerkt, dass sich die Stimmung ein bisschen ändert, insbesondere bei “The Streets where the kids have fun”. 

Genau, da war ich mit den Produzenten von Imam Baildi unterwegs. Imam Baildi sehr bekannte Band aus Griechenland, die auch international was reißt. Diese Begegnungen mit Musikern sind mir sehr wichtig. Die Produzenten habe ich zurzeit der Griechenland-Krise getroffen, das war schon ziemlich dramatisch.

Gibt es ein Lied, das du gerade gerne hörst?

“200 South La-Brea” von “Allah-Las“. Der ist auf der neuen Platte “Calico Review”. Ich höre den Song gerne, weil ich, trotz aller Begeisterung für digitale Medien, ein totaler Vintage und Revival Typ bin. Allah-Las haben diesen sehr konsequent analogen Retroappeal. Altes Equipment, Vintage Gitarren, 60s Klang – das gefällt mir einfach. Wenn ich lange Auto fahre, dann ist das ein toller Soundtrack.

Gut, dann bist du ja bald in der “Provinzstadt” Mainz!

Du, der Frankfurter Hof macht ein unglaublich gutes Programm. Der Ludwig Jantzer (Programmplanung, d. Redaktion) ist ein wahnsinnig eloquenter, umtriebiger Tausendsassa. Der hat mir alte Konzertposter geschenkt von 1980. Da hatte er die Band Police eingeladen. Als Teenager war ich großer Police Fan, … damit hat er mir eine große Freude gemacht. Er kümmert sich echt um seine Musiker.

Schön, dass es so Menschen gibt! Also, danke für das Gespräch und viel Spaß auf deiner Tour! 

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