Von Schlechten Eltern

Die Mainzer Produktionsfirma “Von Schlechten Eltern” ist die Adresse, wenn es um bewegte Bilder / Bewegtbildproduktion in der Musikbranche geht. Im Interview mit FAUVES reden sie über ihre Projekte mit “L’Aupair”, “Evanescence”, “Julian Philipp David”, “Mine” und “Brothers of Santa Claus”.

Von Schlechten Eltern, wer seid ihr eigentlich?

— (Maxim): Wir sind praktisch die moderne Adaption eines Film-Produktionsteams. Wir arbeiten überwiegend im Musikbereich und im Musik-Promobereich mit gelegentlichen Reisen in die Werbewelt. Unser Hauptsteckenpferd ist die Musikszene, da dort sehr viel Inhalt verlangt wird. Wir reden da nicht mehr über klassische Musikvideos, sondern über Promokonzepte, die im Internet auf unzähligen Plattformen laufen.

Was sind Promokonzepte?

— (Maxim): Als Promo bezeichnest du jede Art von Werbemaßnahme, die keine konkrete Werbung ist, sondern den Künstler unterstützt, eine Tour bewirbt – alles was werbend, aber zeitlich deutlich beschränkt ist.

Verstehe, … in etwa so, wie du das mit “L’Aupair” gemacht hast, seine Tour begleiten, Fotos & Videos machen.

— (Maxim): Genau, unsere Arbeit ist da sehr großflächig angelegt. Wir entwerfen z.B. auch Tour-Tagebücher, After-Tour Videos, Konzertvideos, Facebook-Designs (z.B. Header-Animation) – eigentlich alles, was in irgend einer Form bewegt dargestellt werden kann, im Internet, auf Messen, in Zügen. Wir gehören zu ein paar wenigen Glücklichen in Deutschland, die das tatsächlich im Berufsalltag machen können. Unsere Arbeit reicht von ganz kleinen, lokalen Künstlern, bis hin zu internationalen Acts, die bei uns Pressepakete nachbearbeiten lassen. Pressepakete sind gesammelte Inhalte für Fernsehsender oder auch Burgerking TV, die Teile aus einem Interview nehmen können, was vorher veröffentlicht worden ist, damit die keinen großen redaktionellen Aufwand haben. “Hurts” z.B. bringen ein neues Album raus und dann fragt z.B. Burgerking TV beim Label direkt an, ob die nicht was haben, was sie verwenden können.

Burgerking TV?

— (Maxim): Ja klar, da läuft der Fernseher die ganze Zeit.

Um vielleicht einen besseren Einblick zu bekommen: Mit was seid ihr gerade eben beschäftigt?

— (Maxim): Wir haben gerade ein Promopaket für “Evanescence” abgeschlossen. Die Band hat gerade ein Album rausgebracht,…ist zurzeit große Revival-Zeit.

Gibt es bei euren Projekten immer die gleichen Vorgaben, oder müsst ihr euch da jedes Mal neu an den Auftraggeber anpassen?

— (Maxim): Naja, es gibt so ein paar Format Standards. Bei einem klassischen Musikvideo ist jedes Projekt einzigartig. Wenn es allerdings darum geht, Tour-Info Facebook Header zu machen, d.h. eine Animation, wo ein paar Bilder durchlaufen und Konzert Daten dargestellt werden, da werden dann Standard Formate benutzt. Ähnlich ist es bei Pressepaketen für Amazon.

Worauf legt ihr besonders wert, wenn ihr ein Musikvideo produziert?

— (Maxim): Bei einem Musikvideo steht meistens der ästhetische Grad und die Frage, wie erzählst du visuell, im Vordergrund. Da gibt es Lieder, die klingen düster, oder nach Wald … oder es gibt ein Lied, das viel Bewegung erfordert.

Wie kann man sich das vorstellen? Ihr bekommt ein Lied, das hört ihr euch an … und wie geht es weiter?

— (Maxim): In erster Linie wird der Song erstmal tot gehört, so dass er im Kopf läuft, ohne dass man ihn irgendwo starten muss. Ann-Kathrin und ich teilen uns den Aufgabenbereich: Das Konzept entsteht meistens auf meiner Seite, Ann-Kathrin kümmert sich um die produktionelle Umsetzung, überlegt ob das, was ich als Konzept entworfen habe, überhaupt umzusetzen ist. Das läuft dann auch immer sehr unterschiedlich ab. Bei manchen Künstlern, mit denen wir gearbeitet haben, war gar kein Geld vorhanden weswegen zwischen uns und den Künstlern immer eine enge Zusammenarbeit notwendig war, um Konzepte über Abende hinweg zu verfeinern. Dabei entstehen immer sehr spannende und große Ideen, die aber erstmal viel Geld kosten würden. Da ist die größte Arbeit, neben der Kreation, das Möglichmachen, die Logistik, die Filmtechnik.

Könnt ihr den Lesern eure Arbeit veranschaulichen, in dem ihr eines der Lieder rauspickt und uns erzählt, wie ihr da ein Musikvideo draus gemacht habt? 

— (Maxim): Im Januar haben wir mit einem jungen Mannheimer Künstler, Julian Philipp David, ein Musikvideo gemacht. Für das Video habe ich mir zwei Abende lang Gedanken dazu gemacht. Das Lied handelt von Leuten, die sich in ihrer Jugend nicht richtig in die Gesellschaft einfinden konnten. Wenn du in der Masse scheiterst, dann entstehen wiederum auf der anderen Seite Freundschaften und Identifikationen mit einer Gruppe von Menschen, die gleichgesinnt sind oder dermaßen stark mit dir einer Meinung sind, dass das ausreicht, um eine gute Freundschaft zu haben. Das war in meiner Jugend teilweise auch so. Ich habe auf dem Pausenhof nie mit den coolen Kids abgehangen, sondern eher bei den Hippies oder Punks. Das ging dann immer auf ein gewisses Extrem raus – viel um das Erleben, Entdecken. Ich denke, dass eine moderne Adoleszenz beinhaltet, dass man sich sehr stark mit der Masse identifizieren muss, aber viele das eigentlich garnicht wollen. Deswegen gibt es ja auch schon früh in jungen Jahren eine Feierkultur, da geht es ja auch um einen Ausbruch.

Das Video setzt sich also auch mit deiner Erfahrung, Gefühlen und philosophischen Gedanken auseinander. 

— (Maxim): Ja klar, das muss es ja auch. Alles andere wäre unehrlich, wenn du keinen Grund hast, auf dem du pflanzen kannst. Dann wäre alles, was du dir ausdenkst, einfach nur ausgedacht und das hätte keine Wurzeln. Das gilt für den narrativen Ansatz, aber auch für die Bildgestaltung. Wir machen auch Videos, da gibt es nicht wirklich eine Story, evt. nur ein paar kurze Hinweise, die leben dafür aber von einer großen Bildkraft.

Wie war die Zusammenarbeit mit Julian in diesem Video?

— (Maxim): Julian ist ein sehr aufmerksamer, scharfsinniger Typ, der sehr viel über sich und seine Welt nachdenkt. Das findet man auch in all seinen Texten wieder, in denen sehr viel Gedankengut steckt. Mit ihm hat es Spaß gemacht, sich auszutauschen, weil es angenehm war, dass er uns sehr viel Freiheit gelassen hat, aber auch nachts für ein Gespräch zur Verfügung stand. Da gab es z.B. eine Szene, in der sich die Figuren ein Tattoo stechen. Wir haben dann lange darüber gerätselt, welches Wort sich wohl 17-jährige Leute nachts in einem kleinen Rausch auf’s Knie tattowieren würden. Wir haben dann ziemlich lange Listen angefertigt mit 50 unterschiedlichen Worten, unterschiedlicher Schreibweise, um irgendwie zu versuchen, da ein Gefühl für zu bekommen.

Kommen da wieder deine Erfahrungen und Gefühle ins Spiel?

— (Maxim): Natürlich – da kann ich mich in meiner Erinnerung oder in meinem Freundeskreis umschauen.  Ich habe eine Freundin, die sich total absurde Begriffe tattowieren lässt, die auch noch falsch geschrieben sind. Das lässt sich aber irgendwie ihrem Erlebenskosmos zuschreiben. Solche Entscheidungen sind halt Details. Wenn das auf Burger TV läuft, wird das kein Mensch, der in seinen Burger beißt, wahrnehmen.

Du sprichst von einer Ästhetik. Wie kommt denn die ins Video?

— (Maxim): Zum Glück leben wir in einer digitalen Welt, wo der Produktionsaufwand für Videos sehr gering geworden ist. Man muss keine Filmrollen mehr rumschleppen … sich nicht mehr 100 prozentig vor-visuallisieren, was du haben willst. Bei einigen Projekten bin ich auch noch selbst hinter der Kamera. Das ist dann ein sehr organischer Prozess, ähnlich wie bei der Fotographie: Du schaust durch die Kamera, siehst die Welt und alles was danach entsteht ist eine direkte Umsetzung vom Begreifen dieses Bildes. Gerade bei spontanen Sachen ist das so. Im Januar waren wir mit “Brothers of Santa Claus” aus Freiburg, die ja auch schon im schon schön hier in Mainz gespielt haben, im Schwarzwald. Wir haben dort ein Musikvideo gedreht, zum Lied “Figure it Out”, in einem verlassenen Hotel. Das sind Kumpels von uns und die haben nicht so viel Geld, da ist dann die Motivation umso größer, etwas fokussiert zusammen zu machen.

Also wir waren dann einen Tag lang in diesem verlassenen Hotel im Schwarzwald, einfach nur ein Geisterhaus, nehmen ein paar Klamotten mit, bisschen Licht, bisschen Set-Gestaltung und machen da was draus. Wir sind morgens da hin gekommen und es hat sich angefühlt, als wären wir in einem Kühlschrank. Es war -10 Grad in diesem Haus aus dem späten 19.Jahrhundert, die Kälte massiert deinen Kopf. Wir hatten das Gebäude ausgesucht wegen den Parametern, die wir uns vorher überlegt hatten. Es ging um Verlassenheit in einem perfiden, leeren Raum … ästhetisch gehörte dann auch noch so eine pastellene Farbkultur dazu, plus das Mobiliar des Hotels. Ein paar mal dachten wir, wir wären im Wes Anderson Film.

Der Ort war also das Zentrale in diesem Musikvideo, um diese Ästhetik herzustellen, das zu visualisieren, was ihr empfindet. 

— (Maxim): Genau.

Themawechsel: Wie steht es mit der Musikszene in Mainz? Ihr habt da wahrscheinlich einen besonderen Blick drauf. 

— (Ann-Kathrin): Aus meiner Sicht gibt es hier schon eine Musikszene, die zwar oft sehr überschaubar, aber trotzdem dabei auch vielfältig ist. Wir sind vor allem im schon schön und hören uns dort Konzerte an. Außerdem gibt es ja Konzerte, die im Rahmen der Sommerreihe stattfinden, z.B. im Volkspark. Diese Veranstaltungen ziehen dann natürlich auch bekanntere Künstler an, da die Veranstaltungsorte meistens ein größeres Publikum bewältigen können und so die Chance steigt, jemanden zu buchen, der ein größeres Konzert machen will. Das ist vielleicht die Einschränkung des schon schöns, da können nicht so viele Leute rein, damit fallen sie leider auch bei manchen Bands aus dem Buchungsraster.

Ich denke, dass das schon schön mit seiner freundlichen und sehr engagierten Art auch oft dafür sorgt, dass bekannte Bands kommen, die sonst nur vor großem Publikum spielen. 

— (Ann-Kathrin): Auf jeden Fall. Durch die gute Stimmung und das Team kommen Künstler gerne wieder. Trotzdem gibt es für den Club irgendwann eine Grenze, sei es bei technischen Anforderungen, oder ausgefallenen Bühnenshows. Allgemein gibt es hier in Mainz viele Möglichkeiten, sich kleine Konzerte anzuhören, sei es in irgendwelchen Cafés oder Bars. Da kann man meistens ganz spontan hingehen ohne Wochen vorher ein Ticket kaufen zu müssen. Um ein größeres Konzert zu sehen, muss man allerdings oft auch mal die Stadt wechseln, nach Wiesbaden oder Frankfurt.

Was für Musik ist hier in Mainz vorrangig zu hören?

— (Ann-Kathrin): Also auf keinen Fall Mainstream Musik. Eher Indie/Alternativ, aber eigentlich ist es vielfältig. Die Abstufungen von Musikrichtungen sind sehr fein geworden, dass ich manchmal garnicht einordnen kann, welche Musikrichtung das ist.

–(Maxim): Hier in Mainz gibt es große musikalische Deckung. Wenn man genau hinschaut, findet man z.B. viele intelligente und talentierte Jazz-Musiker an der Hochschule. Mine z.B. gehörte dazu. Bender & Schillinger geben Musikunterricht. Es gibt schon eine rege Szene.


(Video von: Von Schlechten Eltern & Mine)

Was ist eure Meinung zum Aussterben von Clubs wie die Planke Nord und Gebaeude 27?

— (Ann-Kathrin): Ich finde es sehr schade, dass immer mehr Clubs zumachen müssen. Die Planke ist ein gutes Beispiel für die Vielfalt bei Veranstaltungen. Von Familien Veranstaltungen bis zu Elektroraves, da war für jeden was dabei und die Veranstalter haben sehr viel abgedeckt. Es war ja schon immer klar, dass die nur für eine begrenzte Zeit dieses Konzept ausführen können, deswegen finde ich, dass man die Planke da nicht ganz mitzählen kann. Ich denke aber schon, dass man einen Ort finden sollte, wo ähnliche Konzepte Platz haben. Es ist schade, dass die zumachen müssen, finde aber auch, dass die Verantwortung bei der Stadt liegt, mehr Räume für solche Sachen anzubieten und vor allem nicht mit Steuerabgaben solche Konzepte in die Knie zu zwingen. Das Gebaeude 27 z.B. hat große Abgaben gehabt und konnte dadurch auf Dauer nicht überleben. Konzepte brauchen Zeit um anzulaufen…und es ist schwierig, etwas aufzuziehen, wenn man von außen Druck bekommt.

— (Maxim): Ich würde dir da gerne widersprechen. Die Rede von “die Stadt muss sich darum kümmern und muss Möglichkeiten dafür zur Verfügung stellen” finde ich in der Gesamtregion ein bisschen unpassend. Kultur generell ist ein sehr dynamischer Prozess. Es gab eine Hochzeit, wo die Planke und das Gebaeude 27 aufgemacht haben, aber auch damals bei der Etablierung des schon schöns – da kam ganz viel zusammen. Die Gründe für die Schließung des Gebaeude 27 lag nicht an den Steuern der Stadt sondern einfach nur daran, dass das Gebaeude an einem ineffizienten Platz gewesen ist, die Halle war zu teuer, dafür dass sie so schlecht erreichbar ist. Vor allen Dingen aber gab es das Zielpublikum nicht, um die Miete auszugleichen. In den 90ern war hier in Mainz der Hiphop sehr beliebt. Es gab überall kleine Jam-Keller. Mittlerweile hat sich diese Szene z.B. nach Bingen verlagert.

Bingen??

— (Maxim): Ja, in Bingen ist jetzt die alte Mainzer Hiphop-Szene stark vertreten: schau dir die Termine von Projekten wie Luk & Fil an z.B. Es gibt auf jeden Fall immer so eine Verschiebung von Musikszenen, Kulturveränderungen, die permanent damit verknüpft sind, dass sich Leute finden, die Bock haben, so etwas durchzuziehen. Das schon schön würde es nicht geben, wenn nicht der Norbert Schön vor unendlich vielen Jahren den Gastromarkt mit seinem alten Partner Gerrit Schick aufgemischt hätte. Dass diese Dinge dann irgendwann nicht mehr so laufen, ist vollkommen normal. Wenn du nicht mehr das Zielpublikum hast, dann hast du eigentlich auch gar keine Legitimation mehr, zu existieren – ohne dich zu verändern.

Aber es gibt doch hier in Mainz viele Leute, die Techno hören. 

— (Maxim): Schon, aber die gehen dann eher zur Bouq. Die wollen diesen etwas komplizierteren Techno nicht hören, den es fast ausschließlich im Gebaeude 27 zu hören gab. Wenn du jetzt Leute fragst, was das schon schön für ein Laden ist, wirst du unzählig verschiedene Antworten bekommen. Da ist montags immer eine sehr starke Jazz-Band, dienstags und mittwochs krasse Konzerte – und dabei komplett Zielgruppen undefiniert. Da kommen alte Leute zu nem MC René Konzert, junge Leute zu einem Tora Konzert. Donnerstags und freitags ist dann dort halt die Hölle los wenn dort Parties veranstaltet werden. Der Club überlebt so gut, weil es kein klar definiertes Profil hat, im Vergleich zu allen anderen Läden.

Und diese Hiphop Jungs in Bingen, wieso ziehen die um? Gab es da einfach keinen Ort mehr für?

— (Maxim): Der Hiphop war vorbei. Es gab keinen Grund mehr, hier in Mainz in allen Clubs Hiphop laufen zu lassen. Das, was modern ist, wird eben gehört, und das, was eben nicht mehr modern ist, verfällt. Es ist gut, dass so etwas passiert, weil das schafft aus sich selbst heraus Raum für neue Projekte und sorgt für einen permanenten Fluss und Veränderung.

Ann-Kathrin, willst du da noch etwas einwenden?

— (Ann-Kathrin): Ich stimme dem teilweise zu. Ich glaube auch, dass beim Gebaeude 27 die Zielgruppe da mit reingespielt hat, dass das Konzept nicht langfristig funktioniert hat. Trotzdem gibt es gerade in den Anfangsphasen viele Abgaben hier, die gezahlt werden müssen und die gerade während Gründungsphasen, Konzept-Umsetzungen schwieriger machen. Da hatte die Planke wirklich funktioniert, weil die das Grundstück hatten, weil sie auch ein Biergarten und damit auch nicht Hauptveranstaltungsort, sondern erstmal eine Gastronomie waren. Damit galten da andere Regeln, die vieles leichter gemacht haben. Deswegen funktionieren auch kleine Konzerte in Bars. Größere Projekte sollten anders geregelt, mehr unterstützt werden. Gerade weil das KUZ noch nicht richtig da ist.

Vielen Dank für das Interview, Kaffee und Schokobrötchen! 

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