Bender & Schillinger: Dear Balance

Bender & Schillinger aus Mainz haben ein unglaublich gefühlvolles und tiefgründiges Album mit dem Titel “Dear Balance” herausgebracht (6. Oktober 2017) . Am 28.10 gehen sie auf Tour: erst in Koblenz im Cafe Hahn, dann in Luxembourg …und am 7.12 in Mainz-nähe: Im neuen Kesselhaus des Schlachthofs in Wiesbaden. Ich hatte die Ehre, Ausschnitte aus dem Album bei ihnen live im Proberaum in der wunderschönen Reduit anzuhören und mehr über den Hintergrund ihrer Lieder zu erfahren. Für Musik und Gastfreundschaft vergibt das Fauves Magazin 10 von 10 Punkten.

Wo würdet ihr euch in Mainz einordnen, gibt es da eine Gruppe, der ihr zugehört? Wie definiert ihr eure Musik? 

–Linda: Wir sind als Student*innen hier hergekommen, haben also erstmal der Student*innengruppe angehört. Dann haben wir natürlich als Musiker ziemlich schnell andere Musik*innen kennengelernt.

Mit welchen Bands ward ihr damals zusammen?

–Linda: Da gab es z.B. die Band ACHT zu EINS, das sind 5 Jungs mit denen wir schon 2 Mal zusammen gespielt haben. Mit Hanne Kah haben wir sogar auch am Tag der deutschen Einheit zusammen auf der Bühne gestanden und einen Song zusammen gespielt. Für Mine haben wir einmal in Hamburg den Support gemacht. Mit TripAdLib haben wir mal auf der Planke Nord im Rahmen des Hafenklang Festivals ein kleines Feature zusammen gemacht.

Ist es gewollt, dass ihr so häufig in Kooperation mit anderen Bands spielt?

–Linda: Ja. Wir hatten einen Song, der in die Richtung Elektro ging und haben gedacht, dass es geil wäre, wenn TripAdLib das halt mit ihrem Sound richtig unterstützen würden.

Also seid ihr dann schon in gewisser Weise vernetzt mit den Leuten?

–Chris: Total. Das liegt natürlich auch daran, dass Mainz nicht so riesig ist. Mainz ist und bleibt eine kleine Stadt und deswegen ist die Szene schon auch noch überschaubar.

Habt ihr eigentlich vor, in Mainz zu bleiben? Oder schlägt es euch nach Berlin oder Köln? 

–Chris: Ach, wir sehen uns eigentlich gar nicht so richtig als Mainzer Band, uns könnte es auch genauso gut in einer anderen Stadt geben. Wir definieren uns jetzt nicht so sehr mit der Stadt, aber es ist schon wichtig für uns zu wissen, dass wir seit 10 Jahren in Mainz leben und uns hier unser Leben aufgebaut haben…da will man nicht unbedingt weg. Heutzutage, wo so viel über das Internet läuft, da ist es nicht schlimm, dass man in einer Kleinstadt wohnt.

–Linda: Ich denke, dass man vom Business manchmal schon in eine Provinz Ecke gesteckt wird, wenn man jetzt sagt, man kommt aus Mainz, anstatt aus Berlin. In Berlin hast du direkt dieses “fresh, jung, dynamisch-Image”. Das ist so ein Mitklang der Stadt. Aber das ist jetzt wirklich nicht ausschlaggebend. Man kann auch moderne Musik in einer kleineren Stadt machen. Der Vorteil ist, dass wir hier nicht eine Band unter 1000 Bands sind, wie das z.B. in Berlin der Fall wäre. Hier ist relativ schnell das Interesse von Veranstaltern da und man wird schneller vom Publikum wahrgenommen. Es bleibt dann erstmal nur im lokalen Bereich, aber dadurch, dass es ja auch Wiesbaden, Darmstadt und Frankfurt gibt, sind wir relativ gut aufgestellt um eine große Reichweite zu erzeugen.

Würdet ihr einen Unterschied ausmachen, was die Musikszene betrifft, zwischen Mainz, Darmstadt und Frankfurt?

–Linda: In Frankfurt und Darmstadt gibt es eine größere alternative Sub-Kultur. In Mainz ist es allerdings zurzeit so, dass Räume für Kultur immer weiter gekürzt werden. Von der Stadt gibt es praktisch wenig bis gar keine Unterstützung für eine alternative Sub-Kultur. Ein Beispiel ist der Bauwagen, wobei die Stadt einfach nicht weitsichtig genug war. Man will doch als Studentenstadt, als junge Stadt schon dafür sorgen, dass die Stadt attraktiv bleibt und will die jungen Leute eigentlich auch hier halten. Beim Bauwagen war es ja extrem, die Stadt hat denen nur Steine in den Weg gelegt.

Was ist der Bauwagen?

–Linda: “Zum Bauwagen” war organisiert von einer Frau aus Mainz, die im Sommer unten am Rhein auf diesen Rasenflächen tatsächlich einen Bauwagen hingestellt hat. Sie hat dort erstmal nur Trinken verkauft und irgendwann gabs da jeden Abend Programm, z.B. Musik, Theater. Das wurde total gut angenommen, war immer voll. Es war auch sehr cool, dass es so eine Art Plattform gab, wo Leute, die noch nicht bekannt sind, sich präsentieren konnten. Irgendwann gab es da von ein paar Anwohnern Beschwerden und anstatt man da irgendwie eine Lösung findet, dass das trotzdem stattfinden kann, hat man das Gefühl gehabt, die Stadt will eigentlich nur, dass da Ruhe ist.

So ähnlich war es ja auch in der Neustadt?

–Linda: Genau, bei dem Gartenfeldplatzfest. Andere Dinge sind dann halt möglich, z.B. dieses riesige Tag der deutschen Einheit Fest. Feste, die am Rhein stattfinden bekommen auch genügend Support. Aber wenn man jetzt an kleinere Events denkt, ein alternativ-organisiertes Fest, dann ticken halt alle aus und das nervt ein bisschen.

Wo siehst du da eine Lösung?

–Linda: Es müsste mehr Interesse der Stadt da sein, solche Kultur zu fördern. Aber im Moment werden ja Flächen, die öffentlicher Raum waren am Rhein, zugebaut. Die sagen zwar, dass man da immer noch hinkommt, aber das Flair wird sich dort ändern, da es dann dort Innenhöfe sind, wo man nicht mehr so viel Freiheiten hat.

Wir schwenken jetzt ein bisschen um zu euch. Erstmal zu diesem fantastischen Ort, wo ihr probt: Das Reduit am Rhein. Wie seid ihr daran gekommen? 

–Linda: Der Kontakt kam über eine Freundin von mir, die hier auch geprobt hat. Wir dürfen den Raum nutzen, der eigentlich zu den Räumlichkeiten von der Fastnachtskapelle eines Guggemusik Vereins gehört. Die unterstützen uns sehr. Wir können hier rein, wenn sie die Räumlichkeiten nicht brauchen. Wir müssen nicht viel für bezahlen.

–Chris: Dafür sind wir auch in den Verein eingetreten, so ist es nicht! Da sind wir auf einmal doch eine Mainzer Band!

Zu eurem brandneuen Album “Dear Balance”. Ich habe das Album jetzt schon ziemlich oft gehört. Das Lied “Mountains and Valleys” ist zum Ohrwurm geworden. Wo sind denn eure mountains and valleys? Ist das eine Reise, oder Metaphorik?

–Chris: Das ist eine sehr metaphorische Reise. Die mountains und valleys sind praktisch in uns bzw. umgeben uns.


Stimmt, “rise and fall” singt ihr ja auch. 

–Chris: Ganz genau. Rise and fall, das sind diese ups and downs im Leben, durch die man durch muss. Wir haben uns die Frage gestellt, wie man diese Höhen und Tiefen annimmt und ob man sie überhaupt annehmen sollte, ob es denn besser wäre, wenn man sie nicht hätte, weil dann hat man die Tiefen nicht, hat dafür aber auch nicht die Höhen. Es ist die Frage, ob es nicht sogar genau die Tiefen und Höhen sind, die das Leben ausmachen, die das Ganze interessant machen. Wenn du das alles komplett abschneidest, dann bleibt nicht mehr ganz so viel übrig vom Leben…

–Linda: …und dann ist sozusagen die Balance, über die man immer spricht, fragwürdig. Man kann sich als Ziel setzen, dass alles im Gleichgewicht ist aber das ist irgendwie auch ein Stillstellen.

Die Balance kommt ja auch in “Mountains and Valleys” vor. Wann ist für dich eine Balance erreicht?

–Linda: Die Frage wird im letzten Song “Coming Home” beantwortet. Man denkt ja “Erstmal nach Hause kommen” im Sinne von: “Nach Hause kommen und die Tür aufmachen”, das Lied ist allerdings da auch wieder metaphorisch, dass man nämlich zu sich selbst nach Hause kommt, dass man einen Ort in sich findet, in dem man die Stimmen, die extrem sind und die Höhen und Tiefen beschreiben zwar hört, dass man aber trotzdem in sich selbst Ruhe findet …und das ist eine Form von Balance, die ok ist, weil man sich auf diese Weise kennenlernt und lernt, mit seinen Höhen und Tiefen umzugehen und sie zu bewältigen. Das findet alles in einem selbst statt. Das ganze Album ist wie ein Gespräch und eine Therapiestunde mit sich selbst.

Bei “Coming Home” musste ich an “Home” von Edward Sharpe and the Magnetic Zeros  denken. “Coming Home” ist ja eigentlich vom Text her genau das Gegenteil von “Home”. In “Home” wird gesungen, dass man unbedingt nach Hause gebracht werden will, um bei seinen Liebsten zu sein. Euer “Coming Home” ist ja eigentlich sehr konservativ, ihr singt von der “fear of coming home”.

–Chris: Dieses Gefühl von zuhause heften wir ja immer an einen bestimmten Ort, sei es, dass man da geboren, aufgewachsen oder lange gelebt hat. Ich denke aber, dass diese positiven Gefühle nicht nur alleine durch den Ort hervorgerufen werden können, sondern durch die innere Einstellung, die es erst ermöglicht, diese positiven Gefühle abzurufen. Wenn das nicht klappt, bringt dir das schönste Zuhause auch nichts. Das beschreibt auch “Coming Home”: Die Angst, nach Hause zu kommen, dort keine Gefühle zu verspüren, da man selbst diese Balance in sich nicht gefunden hat.

–Linda: Das ist ja auch der Witz dieses Songs. Im ersten Chorus, wo es ja auch heißt “coming home”, da bleibt es ja immer nur bei diesem “coming home”, “fear of coming home”..und am Ende kommt ja erst dieses “coming home to me”. Das ist dann gewissermaßen die Auflösung. Die Angst, nach Hause zu kommen beinhaltet, die Angst mit sich selbst zu konfrontieren.

Das Album könnte auch ein Buch sein. Habt ihr erst diese beiden Lieder geschrieben und dann den Mittelteil, so wie das viele Schriftsteller machen?

–Linda: Ne, wir haben tatsächlich “Coming Home” ganz am Ende geschrieben. Das war auch mehr oder weniger ein Zufall. Es gab nur dieses Gitarren-Riff und Chris hat dazu improvisiert. Ich habe das mitgeschnitten und habe daraus Textfetzen übernommen.

Also eigentlich auch wie ein Schriftsteller, ich denke da an Woody Allen, der seine Drehbücher auch so schreibt, immer mit Schnipseln.

–Linda: Ja, deswegen ist es auch ein bisschen kryptisch. Die einzelnen Bildern, die da auftauchen, z.B. im Fluss ertrinken, wieder aufwachen, tanzen usw., das ist alles sehr assoziativ.

–Chris: Bei “Harbour” z.B. gibt es an sich eine Geschichte, die zwar die Perspektive wechselt, aber trotzdem stringent ist. “Coming Home” ist sehr diffus vom Erzählerischen.

Noch eine Frage zu eurer Musik auf dem Album: Ist euer Lied “Transition”, kommt gleich nach “Mountains and Valleys”, thematisch eine Vorbereitung für das, was im Album folgt?

–Chris: Tatsächlich würde ich “Transition” als eine Verlängerung bzw. Erweiterung von “Mountains and Valleys” sehen. In “Transition” werden die Tiefen näher beleuchtet, ein fokussierter Blick. Die beiden Lieder sind ein Intro und am Schluss werden sie noch einmal abgerundet.

–Linda: Wobei, wenn ich jetzt an das Songbuch-schreiben denke, das Lied heißt ja “Transition”, weil tatsächlich in dem Song eine Entwicklung stattfindet, der Übergang vom Valley zum Mountain, die Entscheidung, so einen Übergang durchzumachen, sich diesen Valleys bzw. Tiefen nicht einfach nur hinzugeben: “I will try as hard as I can”.

–Chris: Natürlich sagen wir, dass man eine Balance finden muss und beides durchschreitet, das heißt aber nicht, dass man sich in dem einen verlieren soll. Im Gegenteil: Man hat immer die Möglichkeit, sich selbst dagegen zu stemmen, was dagegen zu tun, wenn es einem schlecht geht. Dear Balance.

Das ist das spannende Leben, dass das Glück eine Phase ist und dass es immer wieder neue Phase gibt, auf die man sich vorbereiten muss.

–Linda: “Das Glück ist scheu, es rennt”, würde Mine sagen.

Wenn jetzt vielleicht euer Lied “Coming Home” keine Antwort war auf “Home”, gibt es trotzdem ein Lied, dass ihr als Antwort auf ein anderes Lied geschrieben habt.

–Linda: Das gibt es allerdings: “Train”, als Antwort auf “River”, beides auf dem gleichen Album. “Train” ist eine Ermutigung, selbst zu bestimmen, wohin die Reise gehen soll. In “River” geht es darum, dass man auch auf die Natur vertrauen soll.

Das war ein Zwist, den ihr zwei hattet?

–Linda: Tatsächlich, bisschen schon!

–Chris: Ja, wobei wir uns beide auch in beiden Extremen durchaus wiederfinden können, aber doch, mit “Train” fing es an, da war die Frage nach der Intention des Albums.

–Linda: “Train” sagt, “du sitzt im Zug und wirst determiniert”. Ich habe den Song immer anders verstanden, eigentlich immer mehr als Ermutigung, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Chris hat immer mehr den Chorus verstanden im Sinne von “es ist sinnlos gegen irgend etwas anzulaufen was sowieso passiert”. Wenn du halt im Zug bist, fährt er halt immer nur geradeaus…

–Chris: …und er fährt schneller als du rückwärts laufen kannst. Dann war aber da dieser Schwenk am Schluss: Hey, du kannst nicht beeinflussen, dass dieser Zug fährt, man kann nicht jünger werden, man kann ihn nicht stoppen, du kannst aber durchaus bestimmen, in welche Richtung er fährt.

Das Album “It’s about time” ist also auch ein Schauplatz, eurer Diskussion.

–Linda: Auf jeden Fall.

–Chris: Der Grund ist, weil wir unsere Texte sehr ernst nehmen und sehr daran rumtüfteln.

Letzte Frage: Was habt ihr jetzt vor, wo kann man euch sehen?

–Linda: Wir spielen in Koblenz, dann auf einem Festival in Luxembourg … am 7.12 sind wir in Wiesbaden.

Gut, das war’s. Ich drücke den Stop-Button. Vielen Dank für das Gespräch, das Pick-nick hier draußen und den Bender&Schillinger Kaffee!

SAT 28 OCTOBER
Café Hahn, Koblenz, Germany Tickets
THU 16 NOVEMBER
RockhalEsch Sur Alzette, Luxembourg Tickets
FRI 1 DECEMBER
Villa Böhm, Neustadt, Germany Tickets
THU 7 DECEMBER
Kesselhaus, Schlachthof Wiesbaden, Germany Tickets
FRI 8 DECEMBER
Lincoln Theater, Worms, Germany, Tickets
FRI 15 DECEMBER
Jungle, Cologne, Germany Tickets
SAT 16 DECEMBER
KOHI-Kulturraum e.V.Karlsruhe, Germany Tickets

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