Joe – Tinker’s Coin (Folk)

Joe alias Joachim Dersch ist Sänger, Gitarrist und Liederschreiber in der 4-köpfigen Mainzer Folkband Tinker’s Coin. Das Café Annabatterie hat bereits zu, doch die Erzählungen Joes über seine Liebe zu Jack Hardy, Robin Williams, seinem eigenen Projekt und der Folkszene in Mainz sind unermüdlich.

Hi Joe, das ist ja schonmal ein klassischer Folk Name, du sagtest, du wirkst im mayence acoustique. Was ist das für ein Ort?

mayence acoustique ist ein Verein hier in Mainz, der jeden Donnerstag Konzerte im M8 Live Club im Haus der Jugend Konzerte anbietet. An einen dieser Donnerstage im Monat findet eine Musikwerkstatt statt, da können dann Leute zu Hans Roth und zu mir hinkommen, die jetzt noch nicht ganz so fit sind für Auftritte. Das läuft so ab, dass sie eigene Songs mitbringen, wir die mit ihnen spielen und Hans sie so ein bisschen anleitet, wie man die Lieder professioneller spielen kann.

Ok, so eine Art Workshop ist das. Und wenn das nicht stattfindet, gibt es Konzerte?

— Genau, jeden Donnerstag um 20:30. Letzten Donnerstag gab es da ein ganz tolles Konzert von einem amerikanischen Gitarristen, Geige Spieler und Singer-Songwriter, Helt Oncale. Den hatte ich letztes Jahr schonmal gesehen, ein fantastischer Musiker, spielt in verschiedenen Bands, kommt aus Louisiana und macht für die Region typische Blues, Rock n’ Roll und Singer-Songwriter Sachen.

Ob er gerade einen seiner fröhlichen Fiddle-Tunes spielt, einen stampfenden Blues intoniert, oder eine alte Cajun-Weise anstimmt – immer dann, wenn man die Augen schließt, glaubt man den Herzschlag Louisianas zu spüren, und ein unnachahmliches Gefühl von “Big Easy” zieht durch den Raum (helt-oncale.de).

Wow, das hört sich gut an! Ist das in Mainz zu sehen gewesen, dass er hier spielt, im Sinne von Postern, Werbung in Zeitungen etc.?

— Ja, es hing ein Plakat am Haus der Jugend…

(Alle lachen) Schön, die Leute aus dem Haus der Jugend habt ihr schonmal erreicht!

— …ansonsten weiß ich nicht, ob es sonst noch beworben wird.

Wieviele Leute kommen denn da immer zu den Konzerten?

— Wir haben oft schon volles Haus – 70 Leute.

Was passiert da noch? Was ist eigentlich mit deiner Band, Tinker’s Coin?

— Einmal im Monat gibt es dort eine offene Bühne (Songs In A Small Room). Konzerte finden auf der offenen Bühne ganz akustisch statt, also ohne Mikrofone, jeder kann spielen, und das Niveau ist eigentlich sehr hoch.

So hat das auch mit unserer Musik angefangen. Ich habe angefangen in einem Duo mit einem anderen Gitarristen, Bernd, der jetzt bei uns Kontrabass spielt. Früher hatte ich dem Bernd Gitarrenunterricht gegeben, irgendwann kam dann die Idee auf, ein Duo zu machen. An diesem Ort kann man so viele Leute kennenlernen, dass wir da halt mitlerweile auch eine 4-köpfige Band zusammen haben, mit Kontrabass, Akkordeon, Querflöte, Cajón und eben Gitarre. Hinzukommt mehrstimmiger Gesang und Perkussion. Das Duo besteht seit 2012, die komplette Band seit 2014.

 

Buehne-002
Tinker’s Coin auf der Bühne. Photo: http://tinkers-coin.de/bilder/

Ich habe vor ein paar Stunden ein Interview geführt, in dem es darum ging, wie wenig Leute hier in Mainz eigentlich eigene Musik machen und schreiben – zumindest ist es so in der Indie-Rock Szene. Nach deinen Erzählungen scheint es so zu sein, als würden sich die Songschreiber bei euch, in einer großen Mainzer Folkmusik Szene, verstecken.

— Ja, bei uns gibt es viele Singer-Songwriter, spielen ihre eigenen Songs, nicht nur Cover.

Könntest du ein paar Namen nennen?

— Da wäre z.B. Oliver Heitzer. Das ist ein Liedermacher spielt eine Westerngitarre, macht gutes Fingerpicking … singt und schreibt Texte ähnlich wie Reinhard Mey. In den Texten kommen dann Alltagsthemen mit ernstem Hintergrund vor.

— Dann gibt es die Band mit Ina, da ist eben Hans dabei als Gitarrist und Sänger, noch ein Gitarrist, Wolfgang, der die Zweitstimme sing, und eine Dame, Ina, die ausschließlich singt.

Ah ja, das hatte Frank schon erzählt. Dass sie zwischen den einzelnen Liedern während eines Konzertes so eine Mainzer Mundart in ihren Kommentaren mitbringt.

–Ja, genau.

Gibt es denn dann auch einen Austausch zwischen den Bands bei euch?

— Es gibt eine Tribute-Veranstaltungsreihe, bei der z.B. jemand wie Neil Young oder Bob Dylan im Vordergrund steht. Das initiiert dann einer von den Musikern, dann sammeln sich Leute, und die veranstalten dann einen Abend. Die spielen dann teilweise zusammen, aber auch einzeln und jeder spielt Lieder von einem ausgwählten Künstler.

Genau dieser Austausch fehlt hier bei den jungen Leuten, so wie es bei meinem letzten Interview rauskam. Jeder arbeitet für sich. Zurück zu Tinker’s Coin. Wie würdest du deine Band beschreiben?

— Das besondere Merkmal unserer Band ist, dass in verschiedenen Sprachen gesungen wird: Englisch natürlich, Französisch, Polnisch, Bretonisch, Schwedisch, Deutsch. Alles eigens produziert, und das macht es eben so divers. Wir haben so Chanson-, Polka- und Fiddleklänge.

Wir machen in erster Linie eigene Sachen und ich dachte immer, dass das ein Nachteil für uns wäre. Wir hatten mal dem Verantwortlichen von  “Mainz lebt auf seinen Plätzen” (6-wöchiges Sommer-Kulturprogramm der Stadt Mainz mit Musik, Tanz und Kunst auf verschiedenen “lauschigen” Plätzen, d. Redaktion) geschrieben, dass wir gerne auf einem Platz spielen möchten – ohne je eine Antwort zu bekommen.

Was hat das denn nun aber mit der eigenes komponierten Musik zu tun, wieso sollte die ein Nachteil sein?

— Wenn man zu Festen geht, da hört man viel Cover-Musik, darauf tanzen die Leute alle ab. Es ist jetzt keine Wertung, aber ich denke, dass viele einfach das hören möchten, was sie kennen. Wir spielen keine Top 40 sondern unsere eigenen Lieder, und das wird nicht so wertgeschätzt, so wie wir das gerne hätten.

(Frank) — Auf solchen Festen hat man ja eine allgemeine Geräuschkulisse, man ist mit anderen Leuten unterwegs, unterhält sich … und wenn dann so ein einzelner Refrain, bekannte Melodien kommen, da hört man eben dann hin und bekommt das mit. Das wäre sicherlich anders, wenn es etwas fremdes wäre. Dann wird das ausgeblendet, weil man sich auf etwas einstellen müsste. Bei euch (Tinker’s coin) will ich ja auch immer die Texte sehen, weil ich die nicht so schnell verstehe, wenn ich sie vom Lied höre. Ich habe ein Bedürfnis, zu wissen, was ich da eigentlich höre. Wenn man etwas schon tausendmal gehört hat …er liebt sie…dann ist einem das auch egal. Mit etwas neuem muss man sich erstmal vertraut machen, und das gehen viele auf Festen nicht ein.

Joe, was habt ihr denn für Themen? Könntest du das an einzelnen Liedern veranschaulichen?

— Viele Themen. Ganz viele Alltagsbeobachtungen, aber auch Lieder über Personen, die uns viel bedeuten. Es gibt ein Lied von mir, das  “Fisher King” heißt. Fisher King ist ein Film mit Robin Williams. Mein Lied handelt von ihm, meine Gedanken über ihn, die mir durch den Kopf gegangen sind, als er gestorben ist. Ich beschreine meine Verwunderung, dass ich jemanden vermisse, den ich nie gekannt habe und kommentiere das, was ich von dem Tod gehört habe. Die Leute sagen, da war eine Krankheit dahinter, hat zu viel getrunken…

Könntest du in diesem Interview das erklären mit dem, was du auf Englisch gesungen hast?

— Es geht eigentlich damit los, dass ich singe, dass die Sonne scheint und ich mich wundere, wieso ich so trübselig bin. Was ist los? Da ist jemand gestorben, der die Welt für mich ein bisschen heller gemacht hat. Das kommt im Refrain vor: “When I saw him on the screen, I couldn’t help believing…” – also er hat mich Glauben lassen, dass es auch eine Welt, wo gute Leute sich durchsetzen- “…some better world ahead where even good men can prevail”. Das ist dann auch im gewissen Sinne eine Verteidigung, denn Robin Williams Tod wurde von den Medien immer wieder mit der Trunksucht in Verbindung gebracht. Ich denke aber, es ist einfacher, auf etwas mit dem Finger zu zeigen, als sich mit den eigenen schlimmen Gedanken auseinander zu setzen. “He made me laugh at nobody’s expense and love my feelings”: Williams hat mich auch dazu gebracht, über meine eigenen Gefühle lachen zu können, dadrüber geht nun auch der Song.

Deine Tiefe und die Emotionalität bewirken, dass der Song etwas besonderes, persönliches ist. Gibt es da noch so ein Lied von?

— Ja, ein anderes Lied ist ebenfalls einem verstorbenen Musiker gewidmet: dem Songwriter Jack Hardy, von dem wir unseren Namen haben, denn eines seiner Lieder heißt “The Tinker’s Coin”. Unser Lied heißt “Song for Jack Hardy”.  Da sind einige Song Schnipsel von seinen Liedern dabei. Es ist ein Lied, was ihn würdigen soll.

Das ist einer, den habe ich irgendwann durch Zufall entdeckt, in einem kleinen Plattenladen in Mainz, Holzhofstraße, in der Nähe vom Südbahnhof. Ein gewisser Fredi hat den Laden geführt. Da habe ich zum ersten Mal eine Jack Hardy LP gesehen, hab mir die für 10DM gekauft …und auf dem Cover stand irgendwas von Greenwich Village und Bob Dylan …und deswegen habe ich das halt mitgenommen. Zuhause hat mich die LP begeistert, nicht vom ersten Mal hören, aber irgendwann war es die Platte für mich. Ich war vorher eigentlich ein Bob Dylan Fan gewesen -jetzt auch noch- aber über den Typ wollte ich mehr erfahren, hab mir mehr CDs und Platten gekauft und hab aber irgendwie nichts über den rausbekommen. Irgendwann habe ich ihn auf 2 Konzerten besucht.

395595_1_popup_395595_1_org_4e28466870711991211145.jpg
Fredi in seinem Plattenladen. Photo: Harry Braun, rhein-zeitung.de

Was hat dich an seiner Musik so begeistert?

— Die Melodie. Er ist auch ein Singer-Songwriter. Die Stimme ist sehr außergewöhnlich, sehr ausdrucksstark. Er hat sehr unterschiedliche Texte, sehr lustige, teilweise politische und auch sehr romantische Texte …oft gehen sie zurück in die Zeit von mythischen Figuren, von King Arthur z.B.

Hast du ein “Einführungslied” von ihm für Leute, die ihn nicht kennen? 

— Ja, da wäre z.B. “The Tailor”, das ganz bekannt ist, wenn man bekannt überhaupt bei ihm sagen kann. Der hat ja in NYC in den 70er Jahren so eine Art Singer-Songwriter Werkstatt geleitet wo auch ganz viele Leute hingekommen sind, wie z.B. Tracy Chapman. Er selbst, ist nie bekannt geworden.

Es ist 20:30. Wir müssen jetzt unbedingt hier raus, die Stühle werden schon hochgestellt. Joe, danke für das Interview, war mir eine Ehre. Wir werden sicherlich einige schöne Klänge von euch mit nach Hause nehmen. 

Joe2

Joe3

Tags from the story
, ,

Leave a Reply

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

  Subscribe  
Notify of